Ortrun Scheumann: Geliebte Feinde

Wie ein Teenager im nationalsozialistischen Würzburg sah, was viele nicht sehen wollten

Repro: Wolfgang Jung

Am 24. April 1939 kommt Ortrun Koerber, 14 Jahre alt, klug und hübsch, nach einer langen Reise aus Asien in Würzburg an. Neun Jahre lang hat sie mit ihrer Familie in Japan gelebt. Sie spricht deutsch nur mit Mutter und Vater, ansonsten englisch und japanisch, hat Shakespeare und Dostojewski auf Englisch gelesen. Sie spielt Klavier und liebt Chopin. Ihre Lehrer waren Engländer, Japaner und US-Amerikaner. Sie hat amerikanische, englische und russische Freunde.

 

Im braunen Würzburg tut sich Ortrun, die junge Weltbürgerin, schwer. Nach vier Monaten, im August 1939, schreibt sie in ihr Tagebuch:

 

„Deutschland wirkt manchmal wie ein Gefängnis auf mich. (…) Hier ist alles grau: der Himmel, die Häuser, sogar die Menschen.“

 

Sie sehnt sich nach Japan.

 

Ortrun sieht die Dinge, die das Leben ausmachen

 

Ortrun Koerber ist die mittlere von drei Töchtern einer unternehmungslustigen Familie, die auf ihren Wegen zwischen Deutschland und Japan um die Welt gereist war. Sie hat als Kind die endlosen Weiten Asiens, des Pazifiks und Nordamerikas gesehen, sie ist durch Peking und Moskau, Chicago und New York spaziert.

 

Sie war privilegiert: Ihr Vater Josef lehrte deutsche Literatur und Sprache an japanischen Universitäten, von 1929 bis 1939. Louise, die Mutter, eine starke Frau, reiste und lebte mit ihrem Mann; in Japan gebar sie ihre dritte Tochter.

 

Ortrun ist mit ihren 14 Jahren fast noch ein Kind und sie schaut mit der Anteilnahme eines Kindes, aber da ist mehr.

 

Zum Valentinstag 1939 hat ein Verehrer Ortruns, vermutlich der US-amerikanische Missionar, mit dem sie Shakespeare las, das Besondere an ihr in einem Gedicht beschrieben: Sie sehe die Dinge, die das Leben ausmachen, und während sie schaue, blicke ihre Seele aus ihren Augen. Sie halte Zwiesprache mit göttlichen Dingen.

 

So schaute Ortrun Koerber, kindlich begeistert und inspiriert von großer Literatur und Musik, im April 1939 während der Zugfahrt durch Polen aus dem Fenster und schrieb ins Tagebuch:

 

„Was für ein reizendes Land! Die grünen Wiesen und Felder sind so lieblich nach all dem Eis und Schnee in Sibirien. Es gibt kleine Dörfer und kilometerweit Wälder. Der Himmel ist heute blau, besprenkelt mit kleinen weißen Wolken. Chopins Melodien kommen mir in den Sinn. Dies ist sein Land; dies ist das Land, an das er dachte, als er in der Ferne, in Frankreich, seine Mazurkas komponierte.“

 

Und so sorgt sie sich, als ihre Mutter am 22. August 1939 vom Hitler-Stalin-Pakt berichtet. Ortrun notiert:

 

„Jetzt bin ich sicher, dass es Krieg gibt. Polen wird von Osten und Westen angegriffen. Welche Chance hat Polen? Nicht die geringste!“

 

Die Koerbers, weltgewandt und polyglott, bescheiden sich nicht mit der deutschen Monokultur. Sie hören Auslandssender wie die BBC, obwohl sie in der Mainfränkischen Zeitung lesen, dass darauf die Todesstrafe steht.

 

Sie glauben, das Risiko eingehen zu müssen, weil es, schreibt Ortrun, „ein schreckliches Gefühl“ sei, nicht zu wissen, was in der Welt passiert. „Und man weiß es nie, wenn man nur die deutschen Nachrichten hört.“

 

Ein Wesen von einem fremden Stern in einer absurden Welt

 

Ortrun notiert beinahe täglich, immer auf Englisch, was sie beobachtet und erlebt im nationalsozialistischen Würzburg. 1986 veröffentlicht sie, nun verheiratete Scheumann, Auszüge unter dem Titel „Beloved enemies“.

 

Der Würzburger Historiker, Anglist und Main-Post-Redakteur Roland Flade hat sie nun ins Deutsche übersetzt. Der 116 Seiten schmale, außergewöhnliche Band heißt: „Geliebte Feinde“.

 

Flade schreibt im Vorwort, Ortrun Koerber sei 1939 in einem Land angekommen, „in dem sie, wie ein Wesen von einem fremden Stern, neu Wurzeln schlagen soll“. Die Ideologie der Nazis sei ihr „angesichts ihrer vielfältigen Erfahrungen absurd“ vorgekommen. Das Mädchen habe eine eigene, „auf direktem Erleben beruhende“ Sicht auf die Welt gehabt.

 

1986 veröffnete Ortrun Scheumann unter dem Pseudonym Ortrun Schnitzler Auszüge aus ihrem englischsprachigen Tagebuch. Repro: Wolfgang Jung

Ein Mädchen, zu klug, um Nazis auf den Leim zu gehen

 

Ortrun, die andere Länder und ihre Menschen kennt, ist mit 15 Jahren zu klug, um dem Nazi auf den Leim zu gehen, der erzählt, die deutschen Mädchen könnten durch ihren Glauben zum Kriegsgewinn beitragen.

 

„Was für eine seltsame Methode, einen Krieg zu gewinnen, und was für eine leichte Methode? Aber was passiert, wenn die Engländer und Franzosen auch glauben? Daran hatte er wahrscheinlich nicht gedacht.“

 

Sie wünscht den Alliierten den Sieg, weil sie denkt, „dass die, die so grausam angegriffen wurden, das Recht haben, wieder frei zu sein. Aber klingt das nicht schrecklich? Ich will, dass mein Vaterland diesen Krieg verliert.“

 

Mit 16 schreibt sie, es sei „unglaublich, wie oft man in der Schule ,Heil Hitler‘ sagen muss. Jedes Mal wenn ein Lehrer ins Klassenzimmer kommt, müssen wir aufstehen, unsere Arme erheben und ,Heil Hitler‘ rufen. Wenn der Lehrer am Ende der Stunde geht, tun wir dasselbe noch einmal. Wir haben ungefähr fünf Fächer am Tag, das heißt fünf Lehrer und zehn ,Heil Hitler‘. Ich öffne nur meinen Mund und sage die Worte nicht, aber auch so ist es schon grässlich genug.“

 

Ortrun erfährt von Dorfstraßen voller gehenkter Polen

 

Sie habe von einem deutschen, aus Polen zurückgekehrten, Offizier gehört, „dass Tausende in Warschau verhungern“ und dass er ganze Dorfstraßen voller gehenkter Polen gesehen habe. Das Mädchen schreibt:

 

„Niemals, niemals, so lange ich lebe, werde ich den Nazis ihre Taten vergeben!“

 

Als 17-Jährige notiert sie die Vermutung, „dass das Leben nach einem Sieg der Nazis ganz unerträglich wäre“, in Deutschland „wie in jedem Land, das die Deutschen besetzt haben“.

 

Es sei jetzt schon „schlimm genug. Alles wird von oben organisiert und jede Eigenständigkeit wird den Deutschen ausgetrieben. Mir erscheinen sie bereits sehr gut abgerichtet, denn sie nennen dies den idealen Staat und sie sagen mit offensichtlichem Stolz: ,Alles, was wir haben, verdanken wir dem Führer!‘“

 

Ihr Herz sei „von Scham erfüllt“, wenn sie sieht, „wie unwürdig sich das Volk verhält“, dem sie angehöre.

 

Wo sind die Juden? Was passiert mit ihnen?

 

Im Dezember 1942 schreibt sie, 18 Jahre alt, sie sehe seit einiger Zeit keine Juden mehr in den Straßen, das jüdische Altersheim sei jetzt mit Deutschen belegt.

 

„Ich hatte keine Ahnung, wohin sie alle gekommen waren und war schrecklich schockiert, als ich hörte, dass alle Juden, die in Deutschland leben, nach Polen geschickt wurden, wo sie mit Tausenden von polnischen Juden – Männern, Frauen und Kindern – getötet werden sollen! Ist das möglich? Es ist so grausam, so unglaublich grausam!“

 

Schon in ihren frühen Einträgen unterscheidet sie zwischen Deutschen und Nazis. Nun, als junge Frau, schildert sie die Nöte der „armen Soldaten“ der 6. Armee, die in Stalingrad gekämpft haben, und differenziert weiter:

 

„Die Nazis kümmert das nicht, so lange sie selbst sicher sind.“

 

Kann das alles wahr sein?

 

Es ist ein erstaunliches Tagebuch, geschrieben in einem Englisch – von Flade einfühlsam übersetzt – mit großen schriftstellerischen Qualitäten.

 

Diesem Tagebuch zufolge war das Mädchen Ortrun Koerber klüger, wacher und mitfühlender als die große Mehrzahl ihrer erwachsenen Landsleute. Sie wusste früh Bescheid über die Verbrechen der Deutschen, konnte differenzieren, verabscheute die Nazis und wünschte ihnen von ganzem Herzen die Niederlage.

 

Ist das nicht zu schön und zu gut, um wahr zu sein?

 

Die Koerbers haben den Krieg überlebt. Ortrun ging nach Regensburg, um Musik zu studieren. 1947 zogen ihre Eltern nach Rimpar bei Würzburg; dort blieben sie bis 1957. 1949 gründete Vater Josef die englischsprachige Zeitschrift „The Beacon“ für Oberschüler. Ein Jahr später brach Ortrun ihr Studium ab, um im väterlichen Verlag zu arbeiten. Sie heiratete den Musiker Günther Scheumann und nahm seinen Nachnamen an. 1972, nach dem Tode Josef Koerbers, übernahm sie den Beacon-Verlag.

 

Heute, als 90-Jährige, arbeitet sie immer noch in ihrem Verlag in Bad Dürkheim. Unsere Redaktion erreichte sie, als sie an einem Artikel für eine der drei Zeitschriften arbeitete, die sie herausgibt. Ihre Stimme klingt klar, fest und warm. Sie spricht in makellos reinen Sätzen.

 

Scheumann berichtet, sie habe ihr Originaltagebuch stark gekürzt. Alles, was heute zu lesen ist, sei original, „da ist nichts nachträglich dazu gefügt worden“. Sie habe „höchstens rein sprachlich ein paar Wörter ersetzt“.

 

„Sie wollten es nicht wissen!"

 

Sie erzählt, sie habe als Fünf- bis 14-Jährige in Japan keine gleichaltrigen Freunde gehabt, sie und ihre ältere Schwester seien oft alleine gewesen. Deutschsprachige Bücher habe es kaum gegeben, ihrem kindlichen Alter gemäße Literatur auch nicht. Ihr sei nur übrig geblieben zu lesen, was in der Universitätsbibliothek zu bekommen war: Weltliteratur in englischer Sprache.

 

Ihr frühes Politikverständnis erklärt sie damit, dass die Koerbers am Familientisch viel über Politik gesprochen hätten; sie habe sich schon als Kind ständig damit beschäftigt.

 

Nach dem Krieg sei sie häufig gefragt worden, woher sie von den Verbrechen der Deutschen wusste. Viele „sagten: ,Wir haben das alles nicht gewusst.‘ Und wir dachten dann bei uns: Wieso haben die es nicht gewusst? Sie wollten es nicht wissen!“

 

„Man hält sich doch an das, was man für richtig hält,
und nicht an jedes Gesetz, das man vorgesetzt kriegt.“

Ortrun Scheumann als 90-Jährige

 

Werde einem Menschen verboten, Auslandssender zu hören, dann müsse er sich fragen: „Warum darf ich das nicht hören?“ Scheumann kann sich nicht vorstellen, „dass das alle so brave Leute waren. Ich meine, man hält sich doch an das, was man für richtig hält, und nicht an jedes Gesetz, das man vorgesetzt kriegt.“

 

Die Überraschung über ihre politische Weitsicht im Alter von 14 Jahren versteht sie: „Ich wundere mich, um die Wahrheit zu sagen, selbst auch über die Schlüsse, die ich gezogen habe.“

 

Der Kuss mit Carlo, während Würzburg verbrennt

 

Ortrun notiert in ihrem Tagebuch ihre Freude übers Musizieren in der Familie und mit Freunden, schreibt über ihre Erlebnisse in der Schule und beim Bund Deutscher Mädel, in den sie gepresst wird, über ihre ersten Verliebtheiten. Sie erzählt von alltäglichen Nöten: Lebensmittelknappheit, Angst im Bunker während der Luftangriffe, Angst vor der Gestapo wegen ihrer Tagebücher, dem Hören der Auslandssender und ihrer Liebschaft mit dem italienischen Zwangsarbeiter Carlo.

 

Sie schildert spielfilmreife Szenen, etwa eine lebensgefährliche Suche nach Ostereiern, während alliierte Tiefflieger kreisen, oder, atemberaubend, einen Kuss mit Carlo am 16. März 1945, während Würzburg im Bombeninferno verbrennt.

 

Roland Flade ist fasziniert

 

Roland Flade, der Historiker, ihr Übersetzer, lernte Scheumann 1995 während einer Podiumsdiskussion kennen. Er war fasziniert von der damals 70-Jährigen; der Wunsch, ihr Tagebuch zu veröffentlich, hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Drei Jahre später lud er sie für eine Tagebuch-Lesung nach Würzburg ein. Er berichtet, anschließend hätten sich Würzburger bei ihm gemeldet, die sie kannten.

 

„Kein einziges Mal sagte jemand: ,Die übertreibt‘.“

 

Ihre Bekannten aus jener Zeit hätten ihm gesagt, dass Ortrun tatsächlich jene Persönlichkeit war, als die sie aus dem Tagebuch aufscheint. Die Leute sprächen „immer mit größter Hochachtung und Bejahung von ihr“. Flade verglich Ortruns Berichte über das Würzburger Leben zwischen 1939 bis 1945 mit anderen und fand, dass sie zutreffend und glaubwürdig sind. Er, ein mehrfach ausgezeichneter Historiker und Journalist, sagt, er vertraue ihr.

 

„Wenn ich dieses Vertrauen nicht gehabt hätte, hätte ich dieses Tagesbuch nicht veröffentlichen können.“

 

Ortrun weint

 

Der letzte Eintrag stammt vom 8. Mai 1945. Ortrun Körber schreibt:

 

„Der Krieg ist aus! Der Krieg ist aus! Die ganze Welt ruft diese Worte. In Amerika, in England, in fast allen Ländern wird es heute Nacht Freudenfeiern und Glücksgefühle geben. Auch ich bin glücklich, sehr glücklich, aber ich kann nicht lachen. Nicht weil ich Deutsche bin und Deutschland den Krieg verloren hat. Ich wusste, dass es so kommen würde und ich habe es von ganzem Herzen herbeigesehnt.

 

Ich kann nicht lachen, weil ich diese Jahre voller Terror, Verlust und Tod nicht vergessen kann. Ich kann nicht lachen, weil der Krieg uns so viel unwiederbringlich geraubt hat: die Zukunft, die wir uns vorgestellt hatten, Menschen, die wir liebten, unsere schöne Stadt – und noch so viel mehr. (…)

 

Ich bete, dass es nie wieder Krieg gibt und dass spätere Generationen vor den Gräueln verschont bleiben, die wir erlebt haben.

 

Friedensglocken läuten. Ich gehe ans Fenster und schaue auf die Ruinen von Würzburg. Tränen steigen mir in die Augen. Ich weiß nicht ob vor Trauer oder aus Dankbarkeit.“

 

schreibdasauf.info

 

Ortrun Scheumann: „Geliebte Feinde. Ein Mädchen erlebt das ,Dritte Reich‘ in Würzburg“. Übersetzt und herausgegeben von Roland Flade als Band 9 der Sonderveröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, erschienen im Verlag Ferdinand Schöningh, Würzburg.

 

116 Seiten mit Erläuterungen, Fotos aus dem Archiv von Ortrun Scheumann, Bad Dürkheim, und bislang unveröffentlichten Farbbildern aus Würzburg vor und nach der Zerstörung vom 16. März 1945 aus dem Archiv von Alexander Kraus, Würzburg. Preis: 12,90 Euro.

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