Über "Helmut Försch: Mein Würzburg. 1928 - 1950"

Vom Leben in einer Welt ohne Gier und Habsucht, in der man viel hält auf Anständigkeit

Repro: Wolfgang Jung

Helmut Försch, Jahrgang 1928, Ex-Stadtrat, Initiator des Würzburger Arbeitskreises Stolpersteine und der Geschichtswerkstatt, hat einen Bock geschossen. In seiner Autobiographie hat er dem von ihm verehrten Hitler-Attentäter Georg Elser einen falschen Vornamen gegeben. O, wie ihn das wurmt und plagt und umtreibt! Er kann sich nicht arrangieren mit dem, wenn was ihm gegen den Strich geht, und ein eigener Fehler geht ihm sehr gegen den Strich.

 

Der Mann hat seine Erinnerungen als 83-Jähriger geschrieben, mit mehr Glut im Leib als viele Jüngere.

 

Also entschuldigt er sich zur Buchvorstellung in der Stadtbücherei wortreich, preist die Courage Elsers und kommt schließlich doch auf sein Buch und sich zu sprechen.

 

Försch stellt sich als einen in Grombühl aufgewachsenen Buben vor, der, geprägt von seinem antifaschistischen Vater und durch die Werke der „Verbrannten Dichter“, zu einem Mann heranwuchs, der sich einmischte: in der Umwelt-, Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, fürs Würzburger Stadtbild und für Kinder, für, sagte er, „die Gerechtigkeit und Zivilcourage, einfach für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“.

 

„Mein Würzburg“ steht auf dem Buchtitel, und „Erinnerungen an die Jahre 1928 – 1950“. Sein Grombühl ist drinnen.

 

Försch beschreibt seine Kindheit und seine Jugend in einem der jüngsten Stadtteile Würzburgs. Dabei entwirft er ein Arbeiteridyll, aus dem Figuren wie Mark Twains Tom Sawyer oder Huckleberry Finn wachsen könnten. Er erinnert sich an Grombühl als ein eigenständiges Konglomerat, viel mehr Vorstadt als Stadtteil, zusammengewürfelt aus 15 000 Menschen, meist Zugezogene, angelockt von der Eisenbahn, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Würzburg eingezogen ist.

 

Ein Ort, fern von Gier und Habsucht

 

Försch erzählt vom „Fangeles“ und „Versteckeles“, vom „Räuber und Schander“ spielen und von der ersten Liebe, von Häusern und Wohnungen, die nicht abgeschlossen waren – von einem meist sorglosen Kinderleben, das sich vor allem auf der Straße und auf Plätzen abspielte, gemeinsam mit vielen anderen Kindern, in einer „Welt, fern von Gier und Habsucht, wo man viel hielt von Anständigkeit, Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit“.

 

Der junge alte Mann erzählt sinnlich: Man riecht beim Lesen die Grombühler Düfte, schlottert im kalten Winter, ist patschnass nach einem Regenguss und weltvergessen beim kindlichen Spielen. Und erfährt nebenher allerhand über Grombühl. (Das Wort bedeutet übrigens Krähenhügel; es entstand, weil sich dort Krähen von Erhängten ernährten, die da am Galgen hingen.)

 

Aus dem Bub wird ein Jugendlicher, gezwungenermaßen ein Hitlerjunge, gesinnungsmäßig ein Edelweißpirat. Helmut und seine Kumpane, die von Störtebecker und Graf Luckner, von Ferne und Abenteuer geträumt haben, hatten Hitlerjugend und Partei satt und spielten „den braunen Gesellen“, so schreibt Försch, manchen Streich.

 

Die Nazis haben ihm seine Jugend gestohlen

 

Er schildert seine Erlebnisse in den Kriegsjahren und im zerstörten Würzburg, die Nöte, den Wiederaufbau, die Konfrontation mit den Nazi-Gräuelen, als die Amerikaner in einem Film zeigen, was die Deutschen in den Vernichtungslagern angerichtet haben. Försch schreibt: „Die Tränen liefen mir übers Gesicht, ich schämte mich, ein Deutscher zu sein und ich wusste, das sind wir gewesen. Jeder Handschlag, den ich für dieses Regime getan habe, ist ein Stück meiner Schuld und wir alle haben das zu verantworten.“

 

Die Nazis, schreibt er, „haben mir meine Jugend gestohlen“.

 

In die anfangs so heile Welt des Buches zieht nach und nach ein trotziger, zorniger, manchmal bitterer Ton ein. Aber der Grundton von Wärme und Menschenliebe geht dem Erzähler Försch beim nicht verloren. Der Mann beschenkt seine Leser.

 

schreibdasauf.info

 

Helmut Försch: Mein Würzburg. Erinnerungen an die Jahre 1928 – 1958, 2011 verlegt im Echter-Verlag, Würzburg.

Helmut Försch, Alex Kraus und Peter Hulansky: Das Gestapo-Notgefängnis in der Friesstraße 1942 - 1945. Heft 4 der Geschichtswerkstatt im Verschönerungsverein, erschienen 2015. Mehr

www.foersch.de

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