Über Willi Dürrnagel: "Würzburger Straßen"

Wie ein gewieftes und einflussreiches Mitglied des Stadtrats versucht, aus der Arbeit Dritter gesellschaftliches und politisches Renommee zu schöpfen

Repro: Wolfgang Jung

Ich halte Willi Dürrnagels Buch „Würzburger Straßen“, erschienen im Spurbuchverlag, zu erwerben für 9,80 Euro, für ein ausgemachtes Ärgernis.

 

Dürrnagel stellt in Text und Bild die Eichhorn-, Herzogen-, Wilhelm-, Martin- und Spiegelstraße vor. Dabei missachtet er die Urheberrechte von Autor*innen und Fotograf*innen in einem Ausmaß, wie ich es aus der Literatur über Würzburg nicht einmal annähernd kenne.

 

92 Seiten schmal ist Buch. Seite 91 hat Dürrnagel überschrieben mit „Quellen- und Literaturverzeichnis“. Darunter verweist er auf sein Archiv und auf sonst nichts.

 

Ein Buch voller Plagiate

 

Ein erster Abgleich mit Thomas Memmingers Standardwerk „Würzburgs Straßen und Bauten“, 2. Auflage, von 1925, brachte rund 50 Plagiate zu Tage. Dürrnagel übernimmt Sätze und Absätze, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen. Manche verändert er leicht, wie auf Seite 38 unter „Eichhornstraße 7“: „Hier stand der ‚Hof zum Hufhalter‘, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Besitz des bedeutenden Adrianus Romanus, Kanonikus am Stift Neumünster, war.“

 

Der Satz stammt von Memminger (Seite 139), nur dass der den Kanoniker „berühmt“ nannte.

 

Die Seite 53 überschreibt Dürrnagels mit "Memminger Straßen und Bauten", ohne weiter darauf einzugehen. Wer das Werk nicht kennt, mag rätseln, was die Spiegelstraße mit Memmingen zu tun hat. Wer es kennt, wird die Überschrift auch nicht entschlüsseln.

 

Und so sieht des Rätsels Lösung aus:

 

Repro und Bearbeitung der Seiten 53 und 54 aus Dürrnagels "Würzburger Straßen": Wolfgang Jung

 

Die gelb markierten Stellen hat Dürrnagel wortwörtlich von Thomas Memminger abgeschrieben. Die nicht markierten Stellen sind angesichts des Sprachstils sicher auch plagiiert. Ich weiß nur noch nicht, woher.

 

Das Buch ist voller Plagiate. Auf Seite 63 unter „Eichhornstraße 18“ ist die Geschichte des jüdischen Holz- und Kohlehändlers Ferdinand Dessauer zu lesen. Erforscht und aufgeschrieben hat diese Geschichte die Würzburger Historikerin Dorothee Klinksiek für die Webseite stolpersteine-wuerzburg.de. Dürrnagel hat sie kopiert und wortwörtlich in sein Buch eingefügt, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen und ohne Hinweis auf Urheberin und Quelle.

 

Nicht einmal da, wo im Buch ein persönliches Urteil oder eine Wertung über einen Bau oder einen Straßenzug zu lesen ist, kann man darauf vertrauen, dass Dürrnagel sich das selbst ausgedacht hat. Ein prägnantes Beispiel steht auf den Seiten 28/29, wo es um die einstige Gewerbehalle in der Eichhornstraße geht, und um ein Aquarell von Peter Geist, das die Halle zeigt. Über zwei Seiten geht der Text. Er stammt original aus dem dritten Band der „Ansichten aus dem alten Würzburg“, erschienen im Jahr 2000 als Katalog zur Graphischen Sammlung des Mainfränkischen Museums. Wie überall kennzeichnet Dürrnagel den Text nicht als Zitat und benennt nicht Urheber*in und Quelle.

 

Aus Dürrnagels "Würzburger Straßen", Seiten 28 und 29. Die gelb markierten Stellen stammen wortwörtlich aus dem Katalog "Ansichten aus dem alten Würzburg", Teil III. Repro: Wolfgang Jung

Vier Sätze auf den zwei Seiten entstammen nicht dem Katalog, sind zweifelsohne aber auch plagiiert. Ich habe die Originalstelle nur noch nicht entdeckt.

 

Die Main-Post, auf die Plagiate aufmerksam gemacht, befragte Dürrnagel. Sie berichtet seine Aussage, nach der er "außer dem Standardwerk 'Würzburgs Straßen und Bauten' von Thomas Memminger (...) bewusst keine anderen Bücher herangezogen" habe.

 

Kenner*innen der Würzburg-Literatur könnten sich einen Sport aus der Suche nach den Originalstellen machen. Ständige Wechsel in Sprachstil und -duktus zeigen an, ab wann Dürrnagel sich einer anderen Arbeit bemächtigt hat. Eine interessante Aufgabe wäre herauszubekommen, auf wie vielen der 92 Seiten er nicht plagiiert hat.

 

Wie bei den Texten, so agiert Dürrnagel auch bei den zahlreichen Bildern, die er hier veröffentlicht. Er verschweigt Urheber und Quellen.

 

Was Dürrnagel übersehen hat

 

Dürrnagels Diebstahl geistigen Eigentums ist so gravierend, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten kaum ins Gewicht fällt.

 

Er übersieht, dass die Würzburger*innen manches veränderten, seit sich die klugen Köpfe, von denen er abschreibt, damit beschäftigt haben.

 

Das Haus zum schönen Eck, den Hof Rettersheim und den Hof Emmeringen etwa schreibt er der Martinstraße zu. Das ist falsch. Seit 2012 heißt diese Ecke Würzburgs Otto-Wels-Straße.

 

Ein exemplarisches Ereignis ist nicht der Rede wert

 

Auf einem Foto vom Anwesen Eichhornstraße 5/7, das er auf das Jahr 1934 datiert, ist das Geschäft „Wohlwert“ zu sehen, betrieben von der jüdischen Kaufmannsfamilie Ruschkewitz, mit einem großen Menschenauflauf davor.

 

Der Historiker und frühere Main-Post-Redakteur Roland Flade weiß es besser. Das Foto stammt aus dem Jahr 1933. In seinem Standardwerk „Die Würzburger Juden“ von 1996 zeigt Flade diese Aufnahme (Quelle: Staatsarchiv Würzburg) mit der Bildunterzeile: „Drei Wochen vor der ersten reichsweiten Boykottaktion gegen Juden erzwingt eine von NSDAP-Gauleiter Otto Hellmuth angeführte Menschenmenge am 11. März 1933 die Schließung jüdischer Geschäfte. Besonders viele aufgehetzte Bürger versammeln sich vor dem Einheitspreisgeschäft Wohlwert an der Ecke Eichhorn-/Wilhelmstraße.“

 

Unter der „Wohlwert“-Adresse Eichhornstraße 5/7 firmiert im Dürrnagel-Buch auf einem Foto von 1949 die Firma Neckermann. Die Geschichte zwischen 1933 und 1949 fehlt. Die Nationalsozialisten hatten die Ruschkewitz‘ dermaßen traktiert, dass die Familie 1935 den „Wohlwert“ dem "arischen" Würzburger Unternehmer Josef Neckermann abtrat, für einen Bruchteil des Wertes. Der erzwungene Verkauf, beispielhaft für viele ähnliche, war Dürrnagel der Rede nicht wert.

 

Ebenso wie fürs Entdecken Dutzender Plagiate genügte auch für das Entdecken sachlicher Fehler und fragwürdiger Auslassungen eine oberflächliche Betrachtung.

 

Gesellschaftliches und politisches Renommee durch Plagiate

 

Mit diesem Buch betrügt Dürrnagel seine Leser*innen, indem er ihnen vorgaukelt, das, was sie lesen, stamme von ihm.

 

Er betrügt Forscher*innen, Autor*innen, Fotograf*innen und Verlage, indem er ihre Arbeit als die seine ausgibt, und schöpft daraus gesellschaftliches und politisches Renommee.

Er könnte sich ehrlich machen, indem er dieses Machwerk zurückzieht und Käufer*innen, Autor*innen, Fotograf*innen und Verlage um Entschuldigung bittet.


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