Über "Astrid Freyeisen: Chanson für Edith"

Wie Norbert Glanzberg aus der Wolfhartsgasse für die Piaf und den Montand komponierte

Repro: Wolfgang Jung

Schaue ich aus meinem Arbeitszimmer in der Würzburger Altstadt auf die gegenüberliegende Straßenseite, dann sehe ich das Haus Wolfhartsgasse 6: Da ist Norbert Glanzberg aufgewachsen.

 

Norbert Glanzberg, Jude, 1911 als Einjähriger aus Galizien nach Würzburg gekommen, 1933 vor den Nazis nach Paris geflüchtet, Pianist, Komponist ("Padam … Padam"), Geliebter der großen Edith Piaf, hat in der Wolfhartsgasse 6, wo er aufwuchs, sein erstes Lied geschrieben. Höre, es hieß: „Mariechen, wenn ich dich kriege, reiße ich dir das linke Bein heraus.“ 2001 starb er in der Nähe von Paris.

 

In Berlin wurde er als 21-Jähriger eine Berühmtheit. Die Comedian Harmonists sangen in Billy Wilders Film "Der falsche Ehemann" sein "Hasch mich"; Freude hatte er keine an dem Schlager, den Text zu seiner Musik fand er fürchterlich.

 

"Padam ... Padam" ist Musik aus Würzburg

 

1933 flüchtete er vor den Nazis ins französische Exil. Edith Piaf verliebte sich in ihn, er sich auch ein wenig in sie, er schrieb Lieder für sie ("Padam ... Padam") und für andere, wie Yves Montand ("Les Grand Boulevard") und Charles Trenet.

 

Die Würzburger Journalistin Astrid Freyeisen, Jahrgang 1969, hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, in „Chanson für Edith“, erschienen im List-Verlag. Sie war 1997 auf den vergessenen Glanzberg gestoßen. Der alte Mann muss eine strahlende Anziehungskraft besessen haben. Am Ende ihres lesenswerten Buches wird Freyeisen persönlich, sie spricht den Toten an: 

 

"Alles Quatsch, es ist doch genug gewesen"

 

„Norbert, ich danke dir: Wenn es so etwas geben sollte wie ein Geschenk der Götter, dann warst du meins. Oft frage ich mich. Wo zum Teufel bist du, was fällt dir ein, dich gerade jetzt aus dem Staub zu machen? Ich habe nicht genug Luft, um Worte finden. Es gibt keine zweite Chance. Oder um mit dir zu sprechen: Wieder einer weg, Vorhang! Doch warum durften es nicht noch ein paar außergewöhnliche Jahre mehr sein? Vielleicht beschenken die Götter einen Menschen nur einmal im Leben. Wie oft bin ich durch Paris gelaufen und wurde die düsteren Gedanken nicht los, die deinen Tod vorwegnahmen. Du würdest mir jetzt zuzwinkern und sagen: Alles Quatsch, es ist doch genug gewesen. Wahrscheinlich denkt man so, wenn man neunzig Jahre alt geworden ist und seinen Frieden mit der Welt vor allem als Kapitulation verstanden hat.“

 

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Norbert Glanzberg: Lebensdaten (entnommen aus „Chanson für Edith“)

 

  • 12. Oktober 1910: Norbert Glanzberg wird in Rohatyn, Galizien, Österreich-Ungarn, als Sohn von Malka und Samuel Glanzberg geboren.
  • 1911: Auswanderung der Familie nach Würzburg.
  • 1914: Samuel Glanzberg zieht als österreichischer Sanitätssoldat in den Ersten Weltkrieg, Malka entdeckt Norberts musikalisches Talent. Er fragt sie: „Mama, warum weint die Musik, warum lacht die Musik“, Geburt der Schwester Liesel
  • um 1924: Unterricht in Klavier und Komposition am Würzburger Staatskonservatorium für Musik
  • 1928: Kapellmeister-Eleve am Würzburger Stadttheater
  • 1929: Wechsel ans Aachener Stadttheater
  • 1930: Korrepetitor im Berliner „Admiralspalast“ für die „Csárdásfürstin“ mit Hans Albers
  • 1931: Filmkomponist für die „Comedian Harmonists“ in Billy Wilders „Der falsche Ehemann“ und für Erich Kästners „Dann schon lieber Lebertran“
  • 1932: Das NS-Blatt „Der deutsche Film“ greift Glanzberg an
  • 1933: Flucht nach Paris, Hungerjahre, Beginn der lebenslangen Freundschaft mit Niura Baruk
  • um 1935: Pianist für Django Reinhardt, erste Begegnung mit Edith Piaf
  • 1937 bis 1938: Filmhits für den Chanson-Star Lys Gauty, Pianist in Val d'Isere in der Bar des später berühmten Malers Jean Fautrier
  • 1939: Soldat in der polnischen Exilarmee in Frankreich
  • 1941: Klavierbegleiter von Edith Piaf und Tino Rossi in der Freien Zone; die Piaf versteckt ihren Geliebten Norbert Glanzberg im Schloss der Gräfin Pastré bei Marseille
  • 1943: Verhaftung in Nizza, abenteuerliche Rettung durch Verbindungen zu Tino Rossi und Marie Bell, Versteck in Antibes bei Georges Auric und dem Ehepaar Laporte
  • 1944: Freundschaft mit Maurice Chevalier, Kriegsende und Befreiung in Varilhes bei Toulouse
  • 1945: Rückkehr nach Paris, Aussagen in Kollaborationsprozessen zugunsten von Chevalier und Mistinguett
  • 1947 bis 195o: Tourneen nach Skandinavien, in den Nahen Osten, nach Südamerika und Kanada als Pianist von Tino Rossi, Renée Lebas und Charles Trenet, Wiedersehen mit den Eltern und Schwester Liesel in New York
  • 1949: Yves Montand singt “Les grands boulevards”.
  • 1951: Edith Piaf singt “Padam ... Padam”.
  • 1952: Hochzeit mit Marischka Mazurek, „Padam ... Padam“ gewinnt den Grand Prix des disques, Kauf eines Kinos mit Damelle und Roger Wassermau.
  • 1956: Filmmusik zu »Der Kurier des Zaren« mit Curd Jürgens und »Die Braut ist zu schön« mit Brigitte Bardot
  • 1958: Edith Piaf singt "Mon manège à moi".
  • 1959: Geburt des Sohnes Serge
  • 196o: Tino Rossi singt "Noël c'est l'amour".
  • 1962: Petula Clark singt "Chariot", das Glanzberg an Franck Pourcel verkauft hat – die englische Version „I Will Follow You“ wird durch den Kinofilm „Sister Act“ weltberühmt.
  • 1966: „Padam ... Padam“ wird beim ersten Russland-Besuch von Charles de Gaulle im Kreml gespielt.
  • 1984: „Suite Jiddisch“ für zwei Klaviere, Lieder nach Texten der
  • Anthologie „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“
  • 1991: Gisela May singt die Lieder in Berlin, Etienne Daho ist mit der Pop-Version von »Mon manège à moi« erfolgreich.
  • 1996: Marischka stirbt.
  • 1998: Hanna Schygulla singt die Lieder in Würzburg
  • 1999: Die „Würzburger Domsingknaben“ führen „Noël c'est l'amour“ auf.
  • 2000: Der Dirigent Fred Chaslin orchestriert die „Suite Jiddisch“, Würzburger Kulturpreis anlässlich der deutschen Erstaufführung.
  • 25. Februar 2001: Norbert Glanzberg stirbt in Neuilly-sur Seine. Seine Jerusalemer Aufführung der „Suite Jiddisch“ wird in ganz Europa ausgestrahlt, zum Tag der Deutschen Einheit wird sie vom Berliner Jugendorchester vor dem Reichstag aufgeführt.

 

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Freyeisen, Astrid: Chanson für Edith. Das Leben des Norbert Glanzberg. Erschienen 2003 in Ullstein Buchverlage, München

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