Über Roland Flade: "Dieselben Augen, dieselbe Seele"

Wie die Sintezza Theresia Winterstein in Würzburg mit knapper Not die Nazis überlebte

Repro: Wolfgang Jung

Am Anfang war alles gut: Dunkelhäutige Fremde zogen in langen Karawanen dahin, einige zu Fuß, andere auf Pferden vor vollgeladenen Wagen. Die Männer hatten lange Haare, trugen Ohrringe und waren in groben Stoff gekleidet, an der Schulter gehalten von einem dicken Band. Die Frauen trugen in mehreren Lagen übereinander knöchellange, farbenfrohe Röcke, an den Säumen oft mit Gold und Perlen bestickt.

 

So beschreibt der Würzburger Historiker und Journalist Roland Flade die Sinti, wie sie vor mehr als 1000 Jahren Indien verließen und durch Persien, Armenien und die Türkei nach Europa wanderten. In seinem Buch „Dieselben Augen, dieselbe Seele“ schildert er ihre Ankunft und freundliche Aufnahme in Würzburg zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Fahrende Gruppen waren zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches, die Sinti waren nur eine von vielen. Selbst die Kaiser, häufige Gäste in Würzburg, hatten im Mittelalter keinen festen Sitz, sondern reisten mit riesigem Gefolge von Stadt zu Stadt.

 

Tanzende Bären und wahrsagende Frauen

 

Flade berichtet, wie die Würzburger Gefallen daran fanden, den Sinti „Töpfe und Körbe abzukaufen, stumpfe Scheren und Messer zum Schleifen zu bringen, defekte Kessel reparieren zu lassen oder den Männern beim Musizieren und den Frauen beim Tanzen zuzuschauen.“

 

Zur Sensation wurden die bunten Truppen, wenn sie einen Bär mitbrachten, ganz zu schweigen von der Faszination, die die wahrsagenden Frauen auf die Würzburger ausübten. Das Verhältnis zwischen städtischen Behörden und Sinti war ungetrübt, wie ein Empfehlungsschreiben des Würzburger Stadtrates zeigt, ausgestellt im Jahr 1464 auf den „Zigeunergrafen“ Philipp zu Rotenberg: Über ihn und sein Volk, bezeugten die Ratsherren, sei in der Stadt keine Klage gekommen.

 

Flade beschreibt am Beispiel Würzburgs, wie sich in den deutschen Landen nach wenigen Jahrzehnten der Wind drehte: Die Sinti – Scherenschleifer, Kesselflicker, Geigenbauer, Korbflechter, Schirmflicker – machten den einheimischen Handwerkern und Händlern Konkurrenz.

 

Die Eingesessenen brachten ihre einflussreichen, auf lokale Monopole zielenden Zünfte in Stellung, mit Erfolg. Die Obrigkeiten schränkten die Geschäfte der Sinti ein. Gerüchte kamen in Umlauf, wurden begierig aufgenommen und weitergetragen: „Zigeuner“ würden stehlen, zaubern, hexen und Kinder rauben, sie seien laut, unmoralisch und verschlagen, sie spionierten für die Türken und fräßen Menschen, sie hätten die Nägel geschmiedet, die Jesus am Kreuz festhielten. Das wirkte. Die Sinti, wesentlicher Einkünfte und Kunden beraubt, gerieten in Not. Teilweise, so Flade, seien sie aufs Betteln, gelegentlich auch aufs Stehlen angewiesen gewesen, „womit sie ein Klischee bestärkten, das ihnen ohnehin schon anhing“.

 

Die Sesshaften trauen den Nomaden nicht

 

Dazu zitiert der Historiker seinen britischen Kollegen und Autor des Standardwerks „The Gypsies“, Angus Fraser: „Sesshafte Menschen trauen Nomaden grundsätzlich nicht. Und in der europäischen Gesellschaft, wo die Mehrheit zu einem Leben in Frömmigkeit, Leibeigenschaft und Plackerei gezwungen war, stellten die Zigeuner eine eklatante Negation aller Grundwerte und Prämissen dar, auf denen die vorherrschende Moral beruhte.“

 

1498 wurden die Sinti aus allen deutschen Landen verbannt, unter Androhung drakonischer Strafen. Noch 1711, zehn Jahre vor dem Baubeginn der prächtigen Residenz, kündigten Würzburger Behörden kurzen Prozess mit dem fahrenden Volk an. Arthur Bechtold berichtete 1935 im Würzburger General-Anzeiger darüber: Sinti sollten „sogleich ohne weiteren Prozess an den nächsten besten, zu diesem Zweck an den öffentlichen Straßen aufgerichteten Galgen aufgehängt werden. Wer von ihnen aber seine Unkenntnis des Gesetzes nachweisen könne, solle, wenn nach empfindlicher Tortur kein Geständnis über ein anderes Verbrechen zu erbringen sei, trotzdem mit Ruten ausgehauen, ihm, sei es Mann oder Weib, der Galgen auf den Rücken gebrannt und auf ewig des Landes verwiesen werden.“

 

Rassistische Theorien und kulturelle Idealisierung

 

Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert, während der Aufklärung, wurde die Lage der Fahrenden besser. Flade vermutet, „nicht zuletzt dürfte auch ihr ausgeprägtes Zigeunerunwesens“, der sich andere deutsche Staaten anschlossen. Aberglaube, Konkurrenzabwehr, üble Nachrede, die Angst vor den freien (und damit scheinbar wilden) dunkelhäutigen Fremden, die Konfrontation mit den Unangepassten, der Neid auf ihre Unabhängigkeit waren die Elemente einer bizarren Vorstellungswelt von den Sinti und Roma. Es kam noch schlimmer.

 

Zwei gänzlich gegensätzliche Strömungen trafen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aufeinander: die aufkommenden rassistischen Theorien und die kulturelle Idealisierung der Sinti. Lustig und frei, glaubten die Leute, sei das Zigeunerleben, voller Tanz, Musik und Erotik. In Bizets Oper „Carmen“ (1885) spielen „Zigeuner“ eine tragende Rolle, bei Johann Strauß' „Zigeunerbaron“ und Lehárs „Zigeunerliebe“ werden sie zu Titelhelden. Das zeige, schreibt Flade, dass die „Zigeuner“ „für viele Theaterbesucher eine Projektionsfläche für den im eigenen Leben nie verwirklichten Wunsch boten, aus dem streng reglementierten, unfreien Alltag auszubrechen, im Einklang mit der Natur zu leben und sich um materielle Grundlagen nicht sorgen zu müssen“.

 

Theresia Wintersteins Traum

 

Im Mittelpunkt von Flades Buch stehen die Sintezza Theresia Winterstein und ihre Familie. Er beschreibt sie als attraktiv, schlank, als eine Frau mit starkem Durchsetzungsvermögen und großer Ausstrahlung. Ihr Traum war, auf der Bühne zu tanzen und zu singen.

 

Daraus wurde kaum etwas. Die Nazis verdarben ihr das Leben. Immerhin beschäftigte das Würzburger Stadttheater sie im „Dritten Reich“ für einige Zeit als Tänzerin. 1940 verstärkte sie neun Aufführungen lang das Ballett in „Carmen“. Selbst die Mainfränkische Zeitung, das Hetzblatt der unterfränkische NSDAP lobte, wie die Hauptdarstellerin die „Leidenschaft des Stolzes, des Machtgefühls, der kühnen Selbstbestimmung“ der „Zigeunerin“ Carmen spielte.

 

Zur gleichen Zeit bereiteten die Nationalsozialisten die Ausgrenzung der Sinti und Roma, ihre Zwangssterilisation und Verschleppung in Konzentrations- und Vernichtungslager vor. Aus dem Schatten des Evolutionsforschers Charles Darwin traten im 19. Jahrhundert vermeintliche Rasseforscher wie der Franzose Joseph Arthur Gobineau hervor, der mit seinem Buch „Die Ungleichheit der Menschenrassen“ Einfluss in Deutschland gewann. Gobineau verkündete die Überlegenheit der „arischen Rasse“ vor allem gegenüber Menschen unterschiedlicher Herkunft, so genannten Mischlingen, die er für minderwertig hielt.

 

Sterilisation und Zwangsabtreibung

 

1938 gab Hitlers Schlächter Heinrich Himmler einen Runderlass aus, Titel: „Bekämpfung der Zigeunerplage“. Man habe herausgefunden, ließ er wissen, dass für die meisten der von Sinti und Roma verübten Straftaten Mischlinge verantwortlich seien. Deswegen müssten „bei der endgültigen Lösung der Zigeunerfrage die rassereinen Zigeuner und die Mischlinge gesondert“ behandelt werden.

 

Jede Kriminalpolizeileitstelle habe eine „Dienststelle für Zigeunerfragen“ einzurichten, in jeder Kriminalpolizeistelle sei ein Sachbearbeiter für Zigeunerfragen zu bestellen. In Würzburg war das der Kriminalbeamte Christian Blüm. Viele Jahre später sagte Theresia Winterstein über Blüm: „Dieser Mann hat über Leben und Tod und Gesundheit von Zigeunern bestimmen können. Später hat er sich dahinter verschanzt, dass er die Anweisungen befolgen musste.“

 

Im September 1940 ordnete Reichsinnenminister Frick die Verschärfung des 1933 erlassenen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ an: Sterilisationen und Zwangsabtreibungen seien von nun an in „dringlichen, begründeten, nicht gesetzlich geregelten Fällen“ vorzunehmen; dazu zählten ausdrücklich rassische Gründe. Im Sommer 1942 wurde die 20-jährige Theresia Winterstein schwanger. Weil sie Zwillinge austrägt, bleibt ihr das KZ erspart; sie gerät in das Fadenkreuz der NS-Rasseforschung. In der Würzburger Frauenklinik bekommt sie es mit dem SS-Arzt Werner Heyde zu tun. Mit ihm besuchte sie ein weiterer Arzt; sie war überzeugt davon, dass dieser Mann Heydes Freund Josef Mengele war, der skrupellose Zwillingsforscher.

 

Mengele war, einem Schreiben ihres Anwalts zufolge, Beisitzer am „Rassenbiologischen Ehrengericht der SS“ in Würzburg. Heyde hatte mit seiner Unterschrift auf Gutachten bereits 100.000 Menschen mit Behinderung in den Tod geschickt, Mengele sollte wenig später an der Rampe in Auschwitz zum Herrn über Leben und Tod werden.

 

Rita und Rolanda

 

Im März 1943 gebar Theresia Winterstein zwei Töchter, Rita und Rolanda. Einen Monat später starb Rolanda in der Universitäts-Kinderklinik unter ungeklärten Umständen. Theresia fand sie mit einem Kopfverband im Bettchen liegend. Auch Rita lag in der Klinik, sie lebte, trug aber ein Pflaster am Kopf. Theresia entführte ihr Kind. Sie glaubte bis zu ihrem Tod im Jahr 2007, dass ihre Töchter für Menschenversuche missbraucht wurden, und dass Rolanda daran starb. Das eindringlichste von den zehn Kapiteln seines Buches hat Flade überschrieben mit „Im Totenreich der SS: Mitglieder der Familie Winterstein in Auschwitz Birkenau“.

 

Noch während die Sinti und Roma gefangen im Vernichtungslager litten, versuchten die Nazis, Orientierung im Dschungel ihre Rassetheorien zu finden. Flade zitiert den israelischen Historiker Yehuda Bauer: „Dass die Deutschen die Zigeuner (in Auschwitz-Birkenau, WJ) fast anderthalb Jahre lang am Leben ließen, und das in Familiengruppen, ohne die Männer von den Frauen zu trennen, lässt darauf schließen, dass noch keine Entscheidung über ihr Schicksal gefällt worden war, als man sie in das Lager einwies. Wenn es einen Plan gegeben hätte, der ihre Ermordung vorsah, hätte die SS nicht so lange gebraucht, ihn zu verwirklichen.“

 

Augenzeugen berichten, die Insassen des so genannten „Zigeuner-Familienlagers“ hätten gelegentlich im Freien auf ihren mitgebrachten Instrumenten gespielt und getanzt, glühend beneidet von anderen Gefangenen, die auf dem Weg zur Gaskammer oder zum Arbeitseinsatz waren. „Manchmal“ schreibt ein Augenzeuge, „waren die Gesänge so ergreifend, dass selbst die SS-Aufseher auf ihren Rundgängen stehen blieben und lauschten. Die Musik beschwor gleichsam die Erinnerung an ein anderes Leben herauf, ein Leben fern von Auschwitz.“ Es war trotzdem eine Hölle.

 

Bis Ende 1943 hatten die Nazis und ihre Helfershelfer 18.736 Sinti und Roma aus dem Reich und aus den von Deutschen besetzten Gebieten nach Birkenau gebracht; insgesamt befanden sich rund 23.000 „Zigeuner“ für unterschiedliche Zeitspannen in dem Lager, von denen die meisten nicht überlebten. Im Sommer 1945 kehrten drei Wintersteins aus dem KZ nach Würzburg zurück – von mehr als einem Dutzend, die verschleppt worden waren. Theresia Winterstein hatte mit Glück in Würzburg überlebt.

 

Heyde wird Fritz Sawade

 

Am 8. Mai 1945 war Nazi-Deutschland besiegt, aber sein Geist lebte weiter. Täter wie der Würzburger „Sachbearbeiter für Zigeunerfragen“ Blüm, kamen vergleichsweise ungeschoren davon; Blüm saß ein Jahr lang in Haft. Heyde etablierte sich in Flensburg unter dem Namen Fritz Sawade als vielbeschäftigter medizinischer Gutachter; obwohl viele seiner Kollegen seine wahre Identität kannten, flog er erst 1959 auf.

 

Der Bayerische Landtag machte mit den Vorurteilen, aufgehäuft in Jahrhunderten, Staat: 1953 verabschiedeten die Abgeordneten aller Parteien die „Bayerische Landfahrerordnung“, die an das „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ von 1926 anknüpfte. Bis Ende der siebziger Jahre, wurden „Landfahrerkontrollmeldungen“ über die Landeskriminalämter nach München weitergegeben. Zuständig vor Ort für die Erfassung der Daten und für die Einleitung von Maßnahmen war jeweils ein „Zigeunersachbearbeiter“. Acht Jahre nach dem Sieg über Nazi-Deutschland blieb Bayern selbst der Sprachregelung der NS-Rassisten treu.

 

Flade zufolge waren die Wiedergutmachungsregelungen für die Sinti „äußerst ungünstig“. Erst 1980 erkannte die Bundesregierung Opfern von Zwangssterilisationen eine einmalige Abfindung von 5000 Mark zu. 1998 hob der Bundestag sämtliche von den Nationalsozialisten verfügten Sterilisationsanordnungen auf.

 

Gerechtigkeit für die Wintersteins

 

Im Mai 2005 wurde in Würzburg am Paradeplatz in Anwesenheit von Rita Prigmore, der Tochter Theresia Wintersteins, und Oberbürgermeisterin Pia Beckmann, ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma enthüllt. „Dieselben Augen, dieselbe Seele“ erschien 2008. Die Sintezza Prigmore sagt über das Buch, ihrer Familie sei damit „nun endlich Gerechtigkeit widerfahren“. Roland Flade habe den Wintersteins ihre Ehre wiedergegeben.

 

Die "Historische Zeitschrift" schreibt:

 

"Flades Buch könnte Muster für weitere Studien werden. Es ist umfassend konzipiert. Flade verknüpft den lokal-individuellen Bezug am Beispiel Theresia Winterstein und ihrer Familie mit der Würzburger Stadtgeschichte gegenüber Sinti und Roma vor, während und nach dem Nationalsozialismus. Hunderte Schrift- und Bilddokumente belegen und veranschaulichen die Darstellung.


Minutiös spürt Flade skandalösen Vorgängen im restaurativen bundesrepublikanischen Alltag nach. (...) Besonders verdienstvoll ist, dass Flade die Täter beim Namen nennt, den Biographien der Verantwortlichen nachgeht. Bedrückende Karrieren. Faktenreich und engagiert vorgetragen, voller Details und dennoch sehr gut lesbar."

 

schreibdasauf.info

Roland Flade: Dieselben Augen, dieselbe Seele, Band 14 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Ferdinand Schöningh Verlag, Würzburg.


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