Mein Knall: Basketball

Die glorreichen Jahre der Würzburger X-Rays von 1998 bis 2001

Bildquelle: Wikipedia

Mitten im April 2000, mitten in der Nacht. Im schummrigen Arbeitszimmer surft einer durch das Internet. Der Mann, ein Würzburger, gewöhnlich rechtschaffen, fälscht das Ergebnis einer Umfrage. Es geht darum, ob die Basketballer von Herzogtel Trier gegen die Basketballer der DJK s. Oliver Würzburg gewinnen werden. Knapp zwei Drittel der Basketballfans tippten auf der Homepage der Telekom Baskets Bonn auf einen Sieg der Trierer. Nach einer Viertelstunde Arbeit am Computer lautet das Ergebnis: 42 Prozent für Trier, 58 Prozent für Würzburg.

 

Ich war das.

 

Dass der Datendreh nicht recht war, wusste ich. Dass die Würzburger deshalb nicht gewännen, wusste ich auch. Warum ich es trotzdem machte, kann ich nicht erklären. Basketballfieber!

 

Ich bin nicht allein. Die Basketballer der DJK s. Oliver sind die Lieblinge des Würzburger Sportpublikums. Zu den 14 Heimspielen der 1. Bundesliga kommen in der Spielzeit 1999/2000 fast 35 000 Zuschauer in die Carl-Diem-Halle. Ein Jahr später sind es über 40 000. Das ist absolute Spitze im Würzburger Sport. Und das trotz gesalzener Eintrittspreise: Ein guter Tribünenplatz kostet 28 Mark, ein Stehplatz immer noch 23 Mark. Basketball-Fans in Würzburg sind etwa sechs bis 55 Jahre alt, und sie sind fast zur Hälfte weiblich – ungewöhnlich bei einer Ballsportart.

 

Ein einziger emotionaler Rausch

 

E-Mail, betreffend das Spiel der DJK s. Oliver Würzburg, genannt die „X-Rays“, gegen den deutschen Rekord- und damaligen Vizemeister Bayer Leverkusen, an meinen Bruder Norbert: „... Wir standen schon seit vielen Minuten. Die Hände taten weh, die Stimmbänder waren rau wie Reibeisen, wir waren von Glücksgefühlen durchströmt, wir waren ganz und gar mit unseren Jungs verschmolzen, hirnlos wie die Tiere, in einem einzigen emotionalen Rausch. Norbert, es war wie Sex. Die X-Rays hatten die Leverkusener in der zweiten Halbzeit mit einem Sturmlauf und spektakulären Aktionen vom Fließband in ein kurzschnäufiges Häufchen Elend verwandelt. ‚Die Riesen vom Rhein wurden zu den Zwergen vom Main‘, meinte die Main-Post ganz richtig.“

 

Die Würzburger haben eine der jüngsten Mannschaften der Liga. Die DJK s. Oliver Würzburg hat auch einen der kleinsten Etats der Liga. Aus der Not macht sie eine Tugend: Der Nachwuchs wird intensiv gefördert. Zum Trainerstab gehört der Rekord-Nationalspieler Holger Gschwindner, der für das Individualtraining zuständig ist. Gschwindner hat den Würzburger Ausnahmesportler Dirk Nowitzki für die nordamerikanische National Basketball Association (NBA) fit gemacht. („Die NBA“, sagt Henning Harnisch, einer der besten aktiven deutschen Spieler, Europameister von 1993, „ist das Mutterschiff aller Basketballer“). In ihrem ersten Bundesliga-Jahr, 1998/99, ist die Mannschaft unter 14 Teams auf den sechsten Platz gestürmt.

Infernalisch, frenetisch, spektakulär

 

Es gibt keine Hooligans beim Basketball. Bis auf kleine Neckereien gehen die Anhänger der Mannschaft fair miteinander um. Aber es geht leidenschaftlich zu, mit viel Show, Musik und Ritualen. Bevor die Würzburger Spieler auf das Feld kommen, geht in der Carl-Diem-Halle das Licht aus. Die meistens etwa 3000 Zuschauerinnen und Zuschauer zünden Wunderkerzen an und erheben sich von ihren Plätzen. Aus überforderten Hallenlautsprechern kracht laute Musik. Trommeln werden rhythmisch geschlagen, wer keine Wunderkerze hat, klatscht in die Hände. Suchscheinwerfer suchen die Spieler, die aus einem Trockeneisnebel heraus auf das Spielfeld laufen. Der Hallensprecher stellt sie namentlich vor, aber im infernalischen Lärm versteht keiner was. Einzeln laufen die Spieler aufs Feld, jeder wird frenetisch bejubelt. Alle sind da – das Licht geht wieder an, man setzt sich wieder. Man steht wieder, wenn das Spiel endlich beginnt. Die „X-Rays“ werden mit rhythmischen Klatschen angefeuert, so lange, bis sie ihren ersten Korb geworfen haben. Jede spektakuläre Aktion reißt die Leute von den Sitzen. Wenn das Spiel halbwegs gut läuft, steht das Publikum ständig.

 

Die fliegenden Menschen vom Main

 

Die Fans sind enthusiastisch. Nach einer Niederlagenserie fuhren im Jahr 2000 rund 1200 Würzburger mit ihrer Mannschaft in einem Sonderzug nach Frankfurt, um sie in einem Pokalspiel anzufeuern. Warum machen die Leute so was? Unter anderem deswegen: Die Spieler sind muskelbepackte Riesen (der kleinste, Demond Greene, ist einen Meter 85 groß, der größte, Burkhard Steinbach, misst zwei Meter 12) und trotzdem – mit Ausnahmen – schnell, elegant und geschmeidig. Das Tempo, die schnellen Pässe, die gewaltigen Sprünge, die verblüffende Ballsicherheit, die weiten Würfe auf den kleinen Korb, die permanente Aktion: Das ganze Spiel ist spektakulär. Und die Würzburger sind es besonders.

 

Auf den Sportseiten der Tageszeitungen wird die DJK s. Oliver Würzburg als das athletischste und spektakulärste Team der Liga beschrieben. Der Trierische Volksfreund ließ sich dazu hinreißen, die Würzburger als „die fliegenden Menschen vom Main“ zu beschreiben und ihren früheren nigerianischen Centerspieler Olumide Oyediji als „funkelnden Stern Afrikas“. „Unvergesslich“ nennt die Bonner Rundschau den Auftritt der „X-Rays“ beim Vizemeister der Saison 98/99, Telekom Baskets Bonn. Oyediji ist der zweite Spieler, der von den X-Rays aus in die NBA zieht, um dort sein Glück zu machen. Das erste Jahr bei den Seattle SuperSonics verläuft allerdings sehr schwierig.

 

Ein Barbar, ein Triebwesen

 

Weitere Erklärungen für den Enthusiasmus findet man bei Gustave Le Bon, dem französischen Sozialpsychologen (1841 bis 1931). Der schrieb, „dass das Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es allein notwendig gezügelt hätte. Es wird dies nun um so weniger Anlass haben, als bei der Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurückhält, völlig schwindet.“ Und: „Ferner steigt durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Barbar, das heißt ein Triebwesen. Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen.“

 

Henning Harnisch erklärt das Phänomen einfacher: „Die Schönheit des Mannschaftssports liegt in seiner kollektiven Kraft. Einer Kraft, die, zumindest auf dem Spielfeld, ungetrübt ist von Rassismus und Klassendenken und somit mit dem wirklichen Leben ungefähr soviel zu tun hat wie die neue deutsche Komödie.“

 

Von Himmelhochjauchzend nach Zutodebetrübt

 

Die Saison 1999/2000 hatte für die Würzburger freilich mehr von einer griechischen Tragödie. Die X-Rays haben 14 der letzten 16 Spiele in der Hauptrunde verloren, die meisten ganz knapp. Monatelang haben sie das Publikum innerhalb weniger Spielminuten von Himmelhochjauchzend nach Zutodebetrübt geschickt. Ein Platz unter den ersten sechs war anvisiert, der zwölfte ist’s geworden. Die jungen Helden sind dem Abstieg knapp entronnen.

 

Dabei erzählen die Statistiken tolle Geschichten: Die X-Rays hatten mit Olumide Oyediji den besten Rebounder der Liga (das ist der, der sich die Bälle holt, die nach einem Korbwurf von Brett oder Korb zurückprallen). Sie hatten mit Robert Garrett den besten Korbschützen und Marco Laine war der achtbeste Drei-Punkte-Schütze der Liga. Kein Team holte sich so viele Rebounds wie die Würzburger, nur drei Mannschaften blockten noch mehr Korbwürfe ab (und kein Spieler der Liga machte das besser als Oyediji). Nur zwei Mannschaften erzielten noch mehr Punkte. Aber: Keine Mannschaft verpatzte mehr Freiwürfe als die Würzburger. Nur eine Mannschaft spielte noch weniger Pässe, die zu einem Korberfolg führten. Und nur zwei Mannschaften ließen noch mehr gegnerische Korberfolge zu.

 

Als die X-Rays im letzten und entscheidenden Spiel der Hauptrunde, nach 18 Niederlagen in 25 Spielen, den Pokalsieger, die Frankfurt Skyliners, in spektakulärer Manier vor ausverkauftem Haus besiegt hatten, träumten die Fans am Rande des Abgrundes schon wieder von der deutschen Meisterschaft.

 

Das kann sich kein Mensch vorstellen

 

Das letzte Spiel der Saison 2000/2001 geht gegen Avitos Gießen. Die X-Rays sind in der Hauptrunde Fünfte geworden. Im Viertelfinale der Play-Offs um die Deutsche Meisterschaft steht es 2 zu 1 für Gießen. Würzburg muss gewinnen, um mit einem Sieg ein weiteres Spiel gegen Gießen zu erzwingen. Gewinnen sie das fünfte Spiel, ziehen sie in das Halbfinale ein.

 

E-Mail an Norbert Jung am Dienstag, den 15. Mai 2001:

 

„Norbertnorbert,

morgen, wahrscheinlich, vielleicht auch nicht, wird mein Kopf wieder so klar sein, dass ich mich ganz Dir zuwenden kann, Deinem Urlaub, Deinem Job, Deinem Alles. Jetzt geht das einfach nicht. Es geht einfach nicht.

 

Norbert, Euphorie ist in der Stadt!!! Der Kartenvorverkauf läuft wie irre, der Fan-Club hat den Bus für Donnerstag gechartert, man muss sich jetzt schon anmelden.

 

Apropos, der Bus. Der Bus ist eine Schuhschachtel für 50 Leute. So ein Thrombosen-Schnauferl. Dieser unser Bus, der uns, die wir bange waren, zum dritten Playoff-Spiel nach Gießen brachte und siegestrunken wieder zurück, dieser Bus hat Geschichte. Der Busfahrer hat sie uns erzählt, nachdem auf der Rückfahrt das Gemotze über die Dieselgurke nicht aufhörte. Dieser Bus hatte 50 durchgeknallte Bayern-Fans von München nach Manchester und wieder zurückgebracht, Du weißt schon, zum historischen Eins-zu-Null-Sieg. Das Gemecker hörte sofort auf, als die ehrfürchtig staunende Gemeinde das hörte. Dann begannen die Youngstars zu singen: „Wir sind stolz auf unsern Bus, halleluja!“

 

Gestern Abend habe ich den Kollegen von der Süddeutschen ganz kirre gemacht. Der kommt heute auch, um von der Einzigartigkeit der würzburgischen Emotionalität zu berichten. Er erwartet bloß ein Weltwunder. Mit dem, was heute Abend los sein wird, rechnet er nicht. Das kann sich kein Mensch vorstellen. O Mann, ich habe auch keine Ahnung von dem, was heute Abend los sein wird, aber mir zittern jetzt schon die Hände und ich muss noch einen ganzen Tag lang arbeiten, bis es so weit ist.

 

Stell Dir vor, wir gewinnen das! Zweite Verlängerung, letzte Sekunde, fünf Gießener gegen Burkard Steinbach, wir sind zwei Punkte hinten, Burkard holt den Defensiv-Rebound (fünf Gießener liegen um ihn herum verstreut am Boden), er springt raus aus der Zone, wirft von jenseits der Dreierlinie, die Schlusströte trötet, wir halten den Atem an, mucksmäuschenstill ist‘s plötzlich, nur ein Baby weint, die Augen treten uns aus den Höhlen, wir stehen stocksteif in der Bewegung erstarrt, das Adrenalin auf unser Haut gefriert im Schock zu Eis, der Ball fliegt und fliegt und fliegt, es dauert Stunden und siehe!, er nähert sich dem Korb, Mensch!, das sieht gut aus, das sieht gut aus, ein Orkan erhebt sich, das sieht gut aus!!!, der geht raaaaaaaiiiiiiiiiiinn! JAAAAAAAAAAAAAAHHHHH!

 

Wahnsinn, was?“

 

Der Traum ist aus. Der Traum geht weiter.

 

Einen Tag später. Die Würzburger haben verloren. Sie sind aus dem Wettbewerb um die Meisterschaft ausgeschieden. E-Mail an Norbert Jung:

„Ich hätte heute ausschlafen können. Keine Termine. Muss nur schreiben. Um 2 Uhr sowas bin ich eingeschlafen, um 7 bin ich aufgewacht. Ich träumte im Wachen von diesem unglaublichen Abend gestern Abend. Spielzüge, Körbe, Steals, Airballs, Lommerses fantastische Verteidigung gegen Musch, ganz viel Zeug. Auch vom Publikum. Das war noch besser als beim entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Freiburg, damals. In der zweiten Halbzeit ist niemand mehr gesessen. Unvergesslich.

 

Ich bereue jetzt alle Übertreibungen aus den vergangenen Jahren. Jetzt habe ich nichts mehr, um diese Euphorie, dieses Brüllen, Trommeln, Pfeifen, rhythmische Klatschen, fast pausenlos, zu beschreiben. Keine Gesänge. Nur Defense! Defense! Defense! und Hey! Hey! Hey!, aber das megalaut, leidenschaftlich, stimmbandaufreibend, ohne Unterbrechung. Ich kann mir nicht vorstellen, was anders sein wird, wenn wir in zwei, drei Jahren um die Meisterschaft spielen.

 

Es war toll bis wenige Sekunden vor Schluss.

 

Es war auch danach irgendwie toll, weil wir eine tolle, tolle Mannschaft haben. Ein paar Götter haben geweint, andere standen einfach nur erschlagen und tief enttäuscht da und ließen die Köpfe hängen. Die Giessener Spieler sind zu ihnen gegangen, haben sie nach vier knüppelharten Play-Off-Spielen in den Arm genommen und getröstet. Im Publikum gab es welche, die nicht aufhörten zu klatschen, andere saßen oder standen rat- und ausdruckslos da, einige weinten, ein paar warfen ihre Plastikflaschen und Tröten aufs Spielfeld (die Schiris waren oberscheiße!), wieder andere standen im Foyer, Hunderte vor dem Ausgang, ratschend, analysierend, sich freuend über eine gigantische Saison. Wir sind dann zu viert noch in die Kneipe gegangen. Waren am Anfang guter Laune, versanken dann doch in Melancholie.

 

Die Dauerkarte für die neue Saison hatte ich schon am Montag bestellt.

 

Hoffentlich bleibt die Mannschaft zusammen!

W.“

 

schreibdasauf.info

 

Siehe auch:

Kommentare

Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
Es sind noch keine Einträge vorhanden.

Sie finden meine Arbeit gut und möchten dafür zahlen? Das freut mich! Danke! Das können Sie!

 

Unten haben Sie die Möglichkeit, via Paypal ein Honorar von 2 Euro + 7 % Mehrwertsteuer (2,14 Euro) zu überweisen oder ein Soli-Honorar von 5 Euro + 7 % Mehrwertsteuer (5,35 Euro).

Mein Knall: Basketball

Bitte wählen Sie

Anrufen

E-Mail