Julius Echter, Fürstbischof und Gewaltmensch

Wie der Menschenverbrenner zu einem der Großen in der Geschichte Würzburgs wurde

Julius Echter von Mespelbrunn, Porträt aus dem 17. Jahrhundert. Bildquelle: Diözesangeschichtsverein

Im neunten Band seiner monumentalen „Kriminalgeschichte des Christentums“ widmet Karlheinz Deschner ein Dutzend Seiten dem Würzburger Bischof Julius Echter.

 

Echter (1545 bis 1617) war ein Großer unter den Würzburger Bischöfen: Universitätsgründer, Erbauer vieler Kirchen und des Juliusspitals, und auch ein Großer unter den katholischen Fürsten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

 

Deschner zeichnet Echter, den 61. Bischof von Würzburg, als einen Mann, der nicht alle der Zehn Gebote gleichermaßen schätzte und auch nach weltlichen Maßstäben ein schwerer Junge war. Die Vorwürfe: Mord und Totschlag, Körperverletzung, Nötigung, Raub, Betrug, Diebstahl, Vertreibung, Störung der Totenruhe.

 

Ein Angebot, das Echters Kollege Balthasar nicht ablehnen kann

 

Der Fürstbischof erscheint als spartanisch lebender Frauenfeind, „der das Lachen als nutzlos und Gott ärgernd verachtete“. Nachts habe er sich „mit einem ganzen Arsenal von Instrumenten gegeißelt, „schrecklicher als irgendein absoluter Herrscher zu seiner Zeit“.

 

Da ist die Affäre mit dem Fürstabt Balthasar von Dernbach; er überließ Echter 1576 das Fürstentum Fulda. Deschner zufolge hat der Würzburger seinem Glaubensbruder ein Angebot gemacht, das der nicht ablehnen konnte. Falls Balthasar nicht nachgebe, wollten Echters Mannen „ihn in so viel Stücke zerhauen, als er Blutstropfen in den Adern habe, sie wollten ihn niederschlagen wie einen tollen Hund“. Eine Quelle gibt Deschner nicht an.

 

Ein gefährlicher, rücksichtsloser Gegner

 

Deschner ist umstritten beim größten Teil des Klerus. Sein Aufsatz über Echter ist für den Fürstbischof allerdings recht günstig ausgefallen. Andere formulieren deutlicher:

 

So rühmt der Historiker und Echter-Experte Franz-Xaver von Wegele den Echter zwar für sein staatsmännisches Geschick, beschreibt ihn aber auch als „gefährlichen, weil rücksichtslosen Gegner“. Echter habe sich „als ein seltenes organisatorisches, schöpferisches Talent bewährt“, das allerdings „gar zu gerne gewaltsam vorging“. Als einer der Gründer und Führer der katholischen Liga gehöre Julius Echter zu den Wegbereitern des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648).

 

Echter war eine komplexe Persönlichkeit, im zweiten Band der „Geschichte der Stadt Würzburg“ ist viel darüber zu lesen. Bald nach seiner knappen Wahl zum Bischof im Jahr 1573 (nur elf der 22 Domherren wollten ihn haben) beklagte er, es seien „mehrmals gute arme Leute auf den Gassen tot gefunden worden, welches uns nun und billig einen jeden Christenmenschen zu besonderem Mitleiden bewegen soll“. Er rügte die Spitäler in der Stadt, weil sie keine Armen aufnähmen. Um sein Juliusspital zu bauen, betrog er die Juden um ihren Friedhof. Er ließ das Spital auf ihre Gräber setzen – ein ungeheurer Frevel. Für die Juden ist der Friedhof das „Haus der Ewigkeit“, die Totenruhe unantastbar.

 

Die Hälfte des Dekalogs interessiert den Echter nicht

 

1575 vertrieb Echter die Juden, 1594 die Protestanten aus dem Hochstift. Würzburg blieb bis 1802 eine Stadt mit ausschließlich katholischer Bevölkerung, dann erlöste Napoleons Große Armee die Andersgläubigen aus ihrer Verbannung. Echter ließ als Erster systematisch Frauen, Männer und Kinder als Hexen und Zauberer umbringen, zwang Andersgläubige mit Gewalt zum katholischen Bekenntnis, verstieß also gegen die Gebote Fünf („nicht töten“), Sieben („nicht stehlen“), Acht („kein falsches Zeugnis“) und Zehn („du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus“). Nach Deschner kommen Verstöße gegen das Vierte Gebot („du sollst Vater und Mutter ehren“) dazu – Echter habe sich nicht um seine Mutter gekümmert.

 

Am 21. Januar 1617, in Echters Todesjahr, notierte der Würzburger Tuchscherer Jakob Röder in seinem Tagebuch, von der Kanzel im Dom sei das Verbrennen von über 300 Hexen binnen eines Jahres verkündet worden. Deschner widerspricht dem Gedanken, Echter habe als Hexenverfolger als Kind seiner Zeit gehandelt. Er zitiert in seiner „Kriminalgeschichte“ Zeitgenossen des Bischofs, die den Hexenglauben als Aberglauben und „Fantasterey“ abtun. Tatsächlich verbrannten die Bürger der freien Reichsstadt Nürnberg nicht einen Menschen als Hexe oder Zauberer.

 

Schluss mit dem lustigen Klosterleben

 

Der frühere Main-Post-Herausgeber Michael Meisner beschreibt in seinem Buch „Julius Echter von Mespelbrunn“ die Würzburger Zustände in den 1570er Jahren: „Die Klöster mit Ausnahme dem der Franziskaner-Minoriten waren zu Stätten der Geschlechtslust herabgesunken. Die Mehrzahl der Herren seines Domkapitels unterhielten in der Stadt Konkubinen. Die Anhänger der lutherischen Lehre vermehrten sich von Tag zu Tag, und die protestantischen Priester schickten sich an, die katholischen Priester zu verdrängen. Es gab kaum eine Kirche in Würzburg, wo noch die rituelle Messe gelesen wurde. Vielfach nutzten die außer Rand und Band geratenen ehemaligen Geistlichen die Kanzeln, um den Alten Glauben, die Heilige Messe und die Sakramente zu verhöhnen. "Die Blasphemie in jeder Form feierte Orgien.“ (Martin Luther hatte die Klöster als „unheilige Lebensgemeinschaften“ kritisiert.)

 

Echter machte Schluss mit dem lustigen Leben, er sorgte in den Ordenshäusern für katholische Ordnung, wie er sie verstand. Er wachte darüber, dass kein Bürger die Ostersakramente schwänze. Die Geistlichen führten Listen über die Teilnehmer an den Gottesdiensten und nutzten die Beichtzettel zur Anwesenheitskontrolle. Bruderschaften unter der Fuchtel des Klerus unterstützten den mächtigen Bischof. Diese Brüder trieben ihre Nachbarn zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch und sorgten dafür, dass Kinder und Unverheiratete in der Religion unterwiesen wurden.

 

Die Religionspolizei passt auf

 

1614 forderte die „Marianische Sodalität“, auch eine Bruderschaft, eine katholische Religionspolizei, die Ratsmitglieder auf, in der Karfreitagsprozession zu gehen, um „dem gemeinen Bürgersmann zur Andacht Anleitung zu geben“. 1609 ordnete Echter an, jedem Pfründner des Bürgerspitals, der die Heilige Messe schwänzte, „an der Speise zu kürzen“. 1615 befahl er, die Fleischbänke am Maintor abzubrechen, gegen den Widerstand der Metzger; sie würden, meinte der Bischof, die Karfreitagsprozession stören.

 

Das von seinem Vorgänger heruntergewirtschaftete Hochstift formte er zu einem prosperierenden Bollwerk gegen den Protestantismus. Michael Meisner schreibt, je tiefer man in die Zeit zwischen dem Tod Martin Luthers (1546) und den Beginn der Dreißigjährigen Krieges eindringe, „desto unangefochtener und herausragender wird die Gestalt des Julius Echter“. Er allein sei es gewesen, der „den Katholizismus im Herzen Deutschlands fest verankerte“.

 

Götz Freiherr von Pölnitz, dessen Echter-Biografie von 1934 bis heute gültig ist, beschreibt ihn als Vorkämpfer der Gegenreformation, des Kampfes gegen die aufkommende lutherische Lehre. Er habe seine Macht als Landesherr eingesetzt, um "den politischen wie geistigen Wiederdurchbruch der verschütteten Quellen katholischen Kirchentums und seiner Volksfrömmigkeit zu bewirken". Wegele zufolge hat Echter mit dem Herzog Maximilian von Bayern "den wesentlichsten Anteil" am Zustandekommen der katholischen Liga, der Gegnerin der evangelischen Union.

 

Echter frisst die Stifte auf

 

Meisner verteidigt Echters Angriff auf das Fürstentum Fulda. Zwar sei Fürstabt Balthasar von Dernbach liebenswürdig gewesen, aber auch ein unfähiger Hitzkopf. Aber Echters Zeitgenossen, selbst jenen, die ihm wohlgewogen waren, ging der Würzburger Fürstbischof zu weit. Im 13. Band der Germania Sacra, herausgegeben vom Max-Planck-Institut für Geschichte, zitiert der Würzburger Historiker Alfred Wendehorst Albrecht V. von Baiern. Der hatte wegen der Fuldaer Händel an einen Sekretär Echters geschrieben: „Auf uns darf sich dein Herr in diesem unziemlichem und widerwärtigem Werk des geringsten Beistands weiter nicht versehen.“ Echters Händel würden die „uralten katholischen Stifte und Fundationen gleichsam heimlich und unbemerkt auffressen“. Erst auf massiven Druck von Papst und Kaiser gab der Würzburger Herrscher dem Fuldaer Fürstabt sein Fürstentum zurück.

 

Eine Brühe aus dem Messgewand

 

Trotzdem: Julius Echter von Mespelbrunn, der Erzkatholik und Protestantenfresser, beeindruckte sogar die evangelischen Schweden, die 1631 in Würzburg einfielen. Sie stahlen ein Messgewands Echters, Reste davon liegen heute noch in einer Kirche in Linköping. Was daran fehlt, hatten die Landsknechte in einer Brühe verkocht und als Mittel gegen Gelbsucht getrunken. Sie glaubten, Echters Gewand könne Wunder bewirken.

 

schreibdasauf.info

 

Literaturtipps:

 

Baum, Hans-Peter: Das konfessionelle Zeitalter. In: Wagner, Ulrich: Geschichte der Stadt Würzburg. Band 2. Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. 2004 erschienen im Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart

 

Pölnitz, Götz Freiherr von: Julius Echter von Mespelbrunn. In Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 655 f. Onlinefassung: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118528696.html.

 

Wegele, Franz Xaver von: Julius Echter von Mespelbronn. In: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 671-684, Onlinefassung; http://www.deutsche-biographie.de/pnd118528696.html?anchor=adb

 

Wendehorst, Alfred: Das Bistum Würzburg, Teil 2: Die Bischofsreihe von 1455 bis 1617. Max-Planck-Institut für Geschichte, Germania Sacra, Neue Folge 13. Erschienen 1978 im Verlag Walter de Gruyter & Co, Berlin

 

Meisner, Michael: Julius Echter von Mespelbrunn. Fürstbischof zwischen Triumph und Tragik. Erschienen 1989 im Stürtz Verlag, Würzburg

 

Deschner, Karlheinz: Kriminalgeschichte des Christentums, Band 9, Vom Völkermord in der Neuen Welt bis zum Beginn der Aufklärung. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008.

 

Deschner, Jahrgang 1924, gestorben 2014, war einer der renommiertesten deutschsprachigen Kirchen- und Religionskritiker.

 

Er sah im Christentum, wie es die Kirchen verkörpern, eine kriminelle Institution, die „religiöse Parolen und spirituelle Verkündigungen immer vorgeschoben hat, um diesen Griff nach der Macht, und zwar nach der ganz weltlichen, politischen Macht, zu kaschieren“.

 

Deschners Bücher sind in mehr als einer Million Exemplare verbreitet und in zwölf Sprachen übersetzt. Sein Hauptwerk ist die auf zehn Bände angelegte „Kriminalgeschichte des Christentums“. Er beschreibt sie als „eine Kirchengeschichte, eine Darstellung der diversen Kirchentümer, Kirchenväter, Päpste, Bischöfe, der Häresiarchen und Häresiologen, der Inquisitoren sowie sonstiger heiliger und nichtheiliger Schurken“ und als „eine Geschichte des Christentums, seiner Dynastien und Kriege, seiner Schrecken und Scheußlichkeiten“.

 

Einige Wissenschaftler halten seine kirchengeschichtlichen Darstellungen für inakzeptabel. Deschner räumt Fehler ein, glaubt aber, dass „das Korpus insgesamt so unerschüttert bleibt wie die Titelthese“.

 

Ich nutze Deschners Arbeiten als vor allem als Hinweise und Anregungen. Als einzige Quelle genügen sie nicht.

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