Helmuth Zimmerer, Rassist ohne Reue

Wie ein ehemaliger SS-Mann nach dem Krieg Oberbürgermeister von Würzburg wurde

Helmuth Zimmerer. Foto: Walter Röder, Main-Post

Der 30. September 1962 ist ein großer Tag im Leben des Dr. Helmuth Zimmerer. Er, der Mann von der Freien Wählergemeinschaft (FWG), 50 Jahre alt, hatte sich zur Wiederwahl als Oberbürgermeister gestellt, ohne Gegenkandidaten, und die Würzburger haben ihn mit einem grandiosen Ergebnis zum zweiten Mal zum OB gemacht: 96,3 Prozent.

Ein Schatten liegt auf seinem Sieg: Die Wahlbeteiligung ist lausig. Von 79.000 Wahlberechtigten gingen knapp 31.500 wählen – keine 40 Prozent. Beinahe 2000 machten ihren Stimmzettel ungültig. Rund 1100 stimmten für Leute, die nicht zur Wahl standen.
 
30. September 1956: Simon Blenk (Mitte), FWG, und Philipp Fasel (zweiter von rechts), SPD, feiern Helmuth Zimmerers (lin... Foto: Röder Zimmerer interpretiert die Stimmenthaltungen als „stillschweigende Zustimmung“. Er täuscht sich. Sein Stern sinkt schon.

Ein Nazi-Jäger geht auf die Jagd
 
Würzburg ist in Aufruhr. Ein aufgebrachter Nervenarzt, Elmar Herterich, bringt die NS-Vergangenheit prominenter Würzburger ans Licht. Fritz Bauer, der hessische Generalstaatsanwalt, der 1957 den NS-Verbrecher Adolf Eichmann entlarvte und die Auschwitz-Prozesse vorbereitet, behauptet im Interview mit einer dänischen Tageszeitung, Würzburg werde von einer Nazi-Clique terrorisiert.
 

1956 wurde Helmuth Zimmerer (FWG, SPD) im ersten Anlauf OB gegen Alfons Goppel (CSU).

Wenige Tage nach Zimmerers Wiederwahl erscheint die Hamburger „Zeit“ mit einer großen Geschichte über den Präsidenten des Verwaltungsgerichts Würzburg, dem vormaligen SS-Sturmbannführer Rudolf Schiedermair. Herterich hatte ihn als Nazi-Größe im rassepolitischen Amt der NSDAP entlarvt und als beisitzenden SS-Sturmbannführer bei einem Standgericht in Oslo. Herterich hat auch Zimmerer im Visier. Aber der ahnt wohl noch nichts.
 
Der OB hat andere Probleme. Die Würzburger reden immer offener über Korruption im Rathaus. Städtische Referenten und Stadträte, auch Zimmerer selbst, sollen zu erstaunlich günstigen Konditionen städtische Grundstücke erworben und bebaut haben.
 

Die Redaktion der Main-Post, damals in der Plattnerstraße zu Hause, geht einer Frage nach, die viele Würzburger umtreibt: Warum haben CSU und SPD auf eigene OB-Kandidaten verzichtet?
 
Die SPD unterstützte Zimmerer schon im OB-Wahlkampf 1956.  Die CSU aber bekämpfte ihn mit außerordentlicher Härte. Der „Spiegel“ erinnerte sich später, Karl Rücker, der Vorsitzende der CSU-Stadtratsfraktion, habe den Kandidaten von den Freien Wählern „mit einer selbst für bayrische Ohren ungewohnten Lautstärke attackiert und sogar einstweilige Verfügungen benutzt, um Zimmerers Wahl zu vereiteln“.

Krumme Geschäfte mit städtischen Grundstücken
 

Gerüchte machen die Runde: Zimmerer soll die politische Konkurrenz mittels krummer Geschäfte mit städtischen Grundstücken gezähmt haben. Vom „Referentenhügel“ im Frauenland ist die Rede, wo längs der Zeppelin-, Methfessel-, Schadewitz- und Trautenauer Straße die Häuser von städtischen Referenten, dem OB und von Ratsmitgliedern stehen.
 
Zwei Wochen nach der Wahl, am 11. Oktober, zieht der Würzburger Jura-Professor August Friedrich von der Heydte die Aufmerksamkeit der Republik auf Würzburg. Er zeigt den „Spiegel“ wegen Landesverrats an und leitet damit die größte Medienaffäre in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein.


Drei Wochen nach der Wahl, am 20. Oktober 1962, enthüllt die Main-Post, wie der CSU-Fraktionsvorsitzende Rücker im April 1960 zu einem fast 11.000 Quadratmeter großen Baugelände aus bürgerspitälischem Besitz gekommen ist. „Verblüffend“ sei, dass der städtische Stiftungsausschuss  Rücker einen Erbbauzins auf der Grundlage eines Verkaufswertes von 22 Mark pro Quadratmeter einräumte, obwohl zu jener Zeit „in der südlichen Sanderau Quadratmeterpreise von 50 DM und mehr geboten“ wurden.
 
Die Redaktion berichtet von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften, die sich erfolglos um das Grundstück beworben hatten, und von Stadträten, die „übereinstimmend erklären, dass die ganze Angelegenheit so geräuschlos über die Bühne ging, dass sie nicht erkannten, um was es sich handle“. Trotzdem meint das Blatt, Rücker scheine „bis zu einem gewissen Grad entlastet zu sein“. Denn im Stiftungsausschuss habe, als das Grundstücksgeschäft dran war, wider Erwarten OB Zimmerer  den Vorsitz übernommen und nach vollbrachter Tat die Sitzung verlassen.

16 von 42 Stadträten sind abhängig von Zimmerer
 
Michael Meisner, der Herausgeber der Main-Post, schreibt, die Redaktion habe schon „bei den verschiedensten Gelegenheiten vor dem hochfahrenden Wesen“ – Zimmerers – „das unserer Meinung nach die Ursache der ganzen Misere ist, gewarnt“. Er fordert die Rückkehr „zur Sauberkeit und Unparteilichkeit, die noch unter (Zimmerers Vorgängern, d. Red.)  Löffler und Stadelmayer das Rathaus beherrschten“.
 
Rücker verteidigt sich mit dem Hinweis, „dass sich Dr. Zimmerer in seiner Eigenschaft als damaliger Finanz- und Grundstücksreferent ebenso sein Grundstück gesichert habe, wie mancher Referent“. Erbbaugrundstücke für private Zwecke hätten auch der Landtagsabgeordnete Reinhold Vöth (CSU) und die Stadträte Karl Hatzold (CSU) und Philipp Schleyer (SPD) und Oswald Nippert (Hospitant bei der CSU) erhalten.
 
Meisner untersucht die wirtschaftlichen und dienstlichen Beziehungen zwischen den 42 Ratsmitgliedern und Zimmerer. Er berichtet, dass 16 Räte vom Oberbürgermeister abhängig sind: sieben beruflich,, neun durch Geschäfte mit städtischen Grundstücken.
 
Vier Wochen nach der ersten Veröffentlichung in der Main-Post schließt die CSU Rücker aus der Partei aus.  
 
Der „Spiegel“ berichtet unter der Überschrift „Braun-rot-schwarz“ – das bezog sich auf Rückers Weg von der NSDAP über die SPD zur CSU– über das Geschäft, und dass Zimmerer  wegen Rückers politischer Kehrtwende wiedergewählt worden sei.
 
Die „Bild am Sonntag“ schreibt, auch der CSU-Stadtrat Georg Popp habe in der Trautenauer Straße ein 8000 Quadratmeter großes „Königreich“ von der Stadt bekommen,  „zu etwa einem Drittel des Verkaufswertes“.
 
Das Wort „Korruption“ fällt nicht. Zwar sprechen alle Anzeichen dafür, aber juristisch nachweisbar ist sie nicht.
 
Die Regierung von Unterfranken untersucht den Kaufvertrag zwischen Rücker und Bürgerspital und erklärt ihn für unwirksam. Fragen zur Integrität der Beteiligten lässt sie offen: „Die die Öffentlichkeit stark beschäftigende Frage, ob einzelne Beteiligte gegen gesunde und althergebrachte Grundsätze des politischen Takts, Anstands und Geschmacks verstoßen haben, kann dagegen nicht von den Aufsichtsbehörden entschieden werden; das Urteil darüber muss vielmehr dem Bürger selbst überlassen bleiben.“
 
Der Nazi-Jäger schlägt wieder zu

Zimmerer kommt unbeschadet davon. Vorläufig.
 
Dann erwischt ihn „the Nazi hunter“ – so nennt die britische „Kent Messenger Gazette“ den Nervenarzt Herterich.
 
Der Jurist Zimmerer hat 1936 seinen Doktor an der Uni Erlangen gebaut. Der Titel seiner Doktorarbeit lautet „Rasse, Staatsangehörigkeit, Reichsbürgerschaft – Ein Beitrag zum völkischen Staatsbegriff“. Die Dissertation war nach dem Krieg aus den Uni-Bibliotheken verschwunden. Herterich, ein findiger Rechercheur, hat sie dennoch gefunden und den „Nürnberger Nachrichten“ zugespielt.
 
Am 18. Januar 1963 zitieren die "NN", bissig kommentierend, aus Zimmerers aus der 76-seitigen Arbeit.

Zimmerers rassistische Dissertation
 
Der Doktorand Zimmerer vertritt die Ansicht, „der gesamte Volks- und Staatsaufbau“ dürfe „nur noch Nationalsozialisten in die Hand gegeben werden“. Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung sei „das rassische Denken“.
 
Nach Zimmerers Vorstellung beweist eine Frau „ihren Wert für die Volksgemeinschaft“ erst, „wenn sie Mutter ist“. Ihre politische Reife erhalte sie „erst mit ihrer Verheiratung“. Untragbar für den Staat wäre, „dass ihm Frauen durch Eheschließung verlorengehen“.
 
Der spätere OB beschreibt die Juden als „ein Volk vorderasiatischer und orientalischer Art, also eines von dem unseren völlig fremden Wesens, mit dem wir jede Verbindung eben deswegen ablehnen müssen“. Der „kulturelle Niedergang“ Deutschlands sei „nicht zuletzt eine Folge seiner Verjudung“. Die Juden müssten „entgermanisiert werden“.
 
Das allgemeine und gleiche Wahlrecht hält er für „ein typisches Merkmal individualistischer Zersetzung“. Die Demokratie sei die „politische Form des rassischen Niedergangs“, die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen „ein zu beseitigender Fehler“.

Die „Nürnberger Nachrichten“ stellen eine Frage, die auch die Würzburger beschäftigt: Kann oder darf Zimmerer seinen Doktortitel behalten? Das Blatt erinnert daran, wie schnell die Universitäten bis 1945 Juden und Nazi-Gegnern die Doktorwürde absprachen, „obgleich sie sich deren Arbeiten nicht zu schämen gehabt hätten“.
 
Zimmerer reagiert prompt. Am nächsten Tag bringt das „Fränkische Volksblatt“ seine vielzeilige Rechtfertigung.
 
Zimmerer erklärt, er sei noch keine 23 Jahre alt gewesen, als er seine Dissertation abgeschlossen hat. Das Thema habe er sich nicht ausgesucht, das habe ihm sein Professor gegeben. Die „eigenen Gedanken“ in der Arbeit stünden „im direkten Gegensatz zu den vom Nationalsozialismus vertretenen Ideen“.
 
Helmuths Doktorvater Professor Wenzel wird bald dem „Münchner Merkur“ sagen, Zimmerer  habe „sich damals das Thema selbst ausgebeten“.

Der OB schreibt im „Volksblatt“, man könne ihm nicht vorwerfen, „ich hätte als ausgebildeter Jurist etwa die Unrichtigkeit des Führerprinzips erkennen müssen“. Dies sei so gelehrt worden, er habe es wiederholt. Die „ohne Weiteres auffindbaren abfälligen Worte über die Demokratie“ gälten „ihrer Weimarer Form“.
 
Zimmerer: ein Widerständler?

Er schreibt, im Entnazifizierungsverfahren sei er in die Gruppe der Entlasteten eingeordnet worden und reklamiert indirekt für sich, „aktiv Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geleistet und dadurch Nachteile erlitten“ zu haben. Den Nachweis dafür bleibt er schuldig. Seine Glaubwürdigkeit leidet weiter, als ans Licht kommt, dass er bei der SS war.
 
Ein paar Tage später bezeichnet er seine Dissertation als eine Jugendtorheit.
 
Das „Fränkische Volksblatt“ analysiert die Doktorarbeit und kommt zum Schluss, dass sie „ein typischer Ausdruck nationalsozialistischen Denkens“ ist. Zimmerer habe es „nur zusammengefasst und „nicht durch eigene Ideen vermehrt“. Sie sei „höchstens ein Werkzeug jener gewesen, die ihre Rassenpolitik (…) verwirklichten“. Den 23-jährigen Doktoranden zu einem „Wegbereiter in die Hölle der KZ“ abzustempeln, entspreche kaum den Verhältnissen jener Jahre.
 
Die „Zeit“ untersucht Zimmerers Stellungnahme in einem garstigen Porträt Würzburgs  und findet „kein Wort der Reue“. Sie verübelt dem Würzburger Oberbürgermeister unter anderem, dass er seine Doktorarbeit mit der juristischen Ausbildung rechtfertigt und nicht damit, dass er ein „verführter junger Mensch“ gewesen sei. Otto Köhler, der Autor, bekommt für die ganzseitige Reportage den Deutschen Journalistenpreis 1963.

Zimmerer schlägt zurück
 
Der OB verklagt die „Nürnberger Nachrichten“. Sie hätten die 36 Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Forderungen, er solle seinen Doktortitel zurückzugeben, folgt er nicht.
 
Mittlerweile berichtet jede überregionale westdeutsche Tageszeitung über die braune Gesellschaft in Würzburg. Herterich hat inzwischen aufgedeckt, dass der Oberstaatsanwalt Karl Kolb und der Landgerichtsdirektor Georg Eisert an NS-Todesurteilen und -Hinrichtungen beteiligt waren. Studenten werfen ihrem Professor von der Heydte, dem einzigen Würzburger, dem der „Spiegel“ je eine Titelgeschichte gewidmet hat, rassistische Äußerungen vor.
 
Im März 1963 empfängt Zimmerer die in Würzburg tagende Evangelische Landessynode. In seinem Grußwort bezeichnet er die Berichterstattung über die NS-Vergangenheit prominenter Würzburger als „Treibjagd“. Journalisten komme es weniger auf Wahrheit als auf Wirkung an.
 
Die „Frankfurter Rundschau“ belehrt den OB: „Dass derartige Tatsachen ihre ,Wirkung auf den Leser‘ haben, beruht schließlich darauf, dass sie der Wahrheit entsprechen.“
 
Kirchenrat Robert Geisendörfer, der Direktor des Evangelischen Presseverbandes in Bayern, erklärt, ein Großteil der Synodalen habe Zimmerers Ausführungen „als taktlos, entgleisend und auf einem Empfang für eine Synode auf jeden Fall deplatziert empfunden“.

Noch mehr Skandale
 
Zimmerer sorgt weiter für Aufsehen. Er lädt Vertreter von Regierung und Justiz zu einer Besichtigung städtischer Einrichtungen ein und lässt zu, dass von Herterich entlarvte NS-Juristen teilnehmen. Er stößt einen Fotoreporter weg, der die Gruppe fotografieren will.
 
Seit 1961 besteht eine Patenschaft zwischen Würzburg und Caen. Im Dezember 1963 meldet der konservative „Figaro“, die Vereinigung der Internierten, Deportierten und Widerstandskämpfer von Calvados habe beschlossen, Zimmerer in Häftlingskleidung zu empfangen, sollte er noch einmal nach Caen kommen.  Zimmerer habe während des Krieges die Thesen für die Vernichtung der Juden unterstützt.
 
Im November 1964 beschließt der Stadtrat den Bau einer Synagoge. In der Stadt geht das Gerücht um, der Beschluss sei Zimmerers Verdienst. David Schuster, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde erklärt: „Wir erhalten den Synagogenbau nicht vom Oberbürgermeister, sondern nach dem nahezu einheitlichen Willen aller Stadtratsfraktionen.“
 
Dann lässt das überregionale Interesse an Zimmerer und Würzburg nach. Das hängt auch damit zusammen, dass Herterich, der Nazi-Jäger, dem Druck seiner Gegner nicht mehr standgehalten hat und nach Schweden ins Exil gegangen ist.
 
Des Oberbürgermeisters „hochfahrendes“ Wesen (Michael Meisner) beschäftigt jetzt nur noch die Würzburger. Im Sommer 1966 regen sie sich auf, weil er sich vom Stadtrat ein Dienstauto genehmigt lässt, das nobler und kostspieliger ist als jene der Oberbürgermeister der Metropolen Nürnberg und München.

"Und mancher braune Hosenscheißer ist heute Oberbürgermeister"
 
Je wärmer das Jahr 1968 wird, desto kälter bläst der Wind Zimmerer ins Gesicht. Im Juli steht die Kommunalwahl an, SPD und CSU treten mit eigenen OB-Kandidaten an. Und die Studenten gehen auf die Straße, zahmer zwar als anderswo, aber unübersehbar. Sie haben Zimmerers NS-Vergangenheit nicht vergessen.
 
Im Juni 1968 eskaliert die Lage. Zimmerer weist die Stadt-Polizei an, gegen linke Teilnehmer eines Gedenkmarsches für den ermordeten Robert Kennedy vorzugehen. Selbst der konservative Ring Christlich-Demokratischer Studenten verurteilt das als „nicht rechtmäßig“.
 
Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) gibt am Vierröhrenbrunnen und in der Mensa das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Herrn Zimmerer“. Die Studenten zitieren aus seiner Dissertation und reimen: 

 

"Die damals auf den Führer schworen

sind heute unsere Professoren.

Und mancher braune Hosenscheißer

ist heute Oberbürgermeister.“


Zimmerer distanziert sich nicht

Zimmerer weigert sich, im Wahlkampf öffentlich mit seinen Konkurrenten Reinhold Vöth (CSU) und Klaus Zeitler (SPD/FDP) zu diskutieren. Seine Begründung: Er nehme die OB-Wahl zu ernst, um drei Leute wie Zirkuspferde vorführen zu lassen. Zeitler vermutet, Zimmerer habe seit seiner Dissertation nichts dazu gelernt, in der er die Demokratie als „politische Form des rassischen Niedergangs“ beschrieb.
 
Am 22. Juni stellt das Aschaffenburger „Main-Echo“ Zimmerer vor. Er werde „seit mehreren Jahren heftig kritisiert wegen seines mitunter praktizierten obrigkeitsstaatlichen Verwaltungsstils, seiner unzureichenden Informationspolitik, seiner Empfindlichkeiten gegenüber gegensätzlichen Meinungen sowie seiner Kontaktarmut zur Bürgerschaft“.
 
Nach wie vor verweigert Zimmerer eine öffentliche Auseinandersetzung zu seiner Dissertation und Anpassungsfähigkeit im Nazi-Deutschland. Er sagt im Juni 1968: „Es wäre zu billig, mich von meiner Doktorarbeit zu distanzieren. Ich habe mit meiner Arbeit im Würzburger Rathaus gezeigt, dass ich in meinem Leben etwas gelernt habe.“
 
Eine große Mehrheit der Würzburger sieht das offenbar anders. Zimmerer geht am 7. Juli 1968 im ersten Wahlgang unter, mit 25,6 Prozent der Stimmen. Eine Woche später gewinnt Zeitler in der Stichwahl gegen Vöth, der 1972 Intendant des Bayerischen Rundfunks werden wird.

Der Stadtrat fühlt sich strapaziert
 
Ein Jahr später, im Juli 1969, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“, der Stadtrat fühle sich von Zimmerer strapaziert. Der Ex-OB, nun Beamter in der Stadtverwaltung wie vor seiner Wahl, ringt um Posten, Einfluss und Geld.

Er sollte nach dem Willen des Stadtrats als Oberstadtdirektor die Geschäftsführung im Rathaus übernehmen. Die „Süddeutsche“ schreibt: „Zimmerer lehnte ab. Er wollte beurlaubt werden, dann eine Pension beziehen (das wären 4100 Mark monatlich), und mit einem privatrechtlichen Dienstvertrag (als Chef der Heuchelhofgesellschaft, d. Red.) so viel dazuverdienen, um insgesamt auf brutto 7200 Mark im Monat zu kommen.“ Zimmerer will „als Angestellter der freien Wirtschaft auch noch die Vorzüge des öffentlichen Dienstes“.
 
Der Stadtrat lehnt ab und überträgt ihm die Leitung des Rechtsamts. Zimmerer versucht, sich einen Posten als mächtiger, hochdotierter städtischer Referent zu erklagen; erfolglos.
 
1972 holen CSU, FWG und FDP nach, was die Gerichte Zimmerer verwehrt haben. Sie machen ihn mit ihrer Mehrheit im Stadtrat zum Rechtsreferenten.

Alles wird vergessen

Zehn Jahre, nachdem die Main-Post die verwerflichen Geschäfte mit städtischen Grundstücken ans Licht gebracht hat, lassen einstige politische Gegner Gras über die Skandale wachsen. Sie arrangieren sich miteinander. Zimmerers Eskapaden verschwinden im Nebel des Vergessens.
 
Nun erscheint er in der Presse vor allem als einer, der mit Titeln und Medaillen geehrt wird, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Im Dezember 1982 berichtet die Main-Post, „die Gratulationscour“, mit der der Frankenbund ihm, seinem langjährigem Bundesvorsitzenden, zum 70. Geburtstag gratulierte, habe beinahe zwei Stunden lang gedauert.
 
Zimmerer stirbt am 22. November 1984 kurz vor seinem 72. Geburtstag. OB Zeitler hält im Stadtrat eine Gedenkrede. 40 Jahre nach dem Krieg müsse man Zimmerer Gerechtigkeit widerfahren lassen, ihm sei „in vielem unrecht getan worden“. Zimmerers „herausragende Leistungen für den Wiederaufstieg der schwer zerstörten Stadt“ seien „nur möglich gewesen, weil er aus Erfahrungen gelernt" habe. 
 
Ein Jahr gibt später der Stadtrat einer neuen Straße in Lengfeld den Namen Dr.-Helmuth-Zimmerer-Straße, laut Sitzungsprotokoll ohne Diskussion.

 

schreibdasauf.info

 

Dieser Artikel, am 27. Mai 2015 in der Main-Post veröffentlicht, begleitet von einer umfassenden Dokumentation der Medienberichterstattung der 1960-er bis 80er-Jahre, in den folgenden Wochen mit weiteren Informationen zur Person Zimmerers ergänzt, führte binnen zwei Monaten zur Umbenennung der Helmuth-Zimmerer-Straße. Seitdem heißt sie Angermaierstraße, benannt nach einem Würzburger Nazi-Gegner. 

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