Das Würzburger Rathaus

Wie der Grafeneckart zum Symbol für den Freiheitskampf der Würzburger wurde

Das Bild aus der Bischofs-Chronik des Lorenz Fries (1489 bis 1550) dokumentiert das Fest, das die Würzburger am 30. August 1303 im Grafeneckart für König Albrecht ausrichteten, damit der sie aus der Reichsacht entlässt. Quelle: Stadtarchiv Würzburg

Anno 1397 schaut der 49. Bischof von Würzburg grantig vom Festungsberg auf den Grafeneckart hinunter. Da unten tagt der Stadtrat, und das verheißt nichts Gutes. Seine Schäfchen wollen ihn zum Teufel jagen. Gerhard von Schwarzburg heißt er, der grimmige Gottesmann, und er wird die Würzburger Mores lehren.

 

Leben, kämpfen und sterben im Gottesstaat

 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Würzburger gegen die weltliche Herrschaft der Bischöfe rebellieren, und das letzte Mal ist es auch nicht. Sie leben in einem kleinen, selbstständigen Gottesstaat im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, dem Hochstift Würzburg.

 

Immer wieder, über Jahrhunderte hinweg, schlagen sie blutige Schlachten, weil sie freie Reichsbürger sein wollen, nur dem Kaiser untertan. Aber die Bischöfe sind übermächtig, aus eigener Kraft können die Bürger sich nicht befreien.

 

Viele Generationen Würzburger rebellierten und starben im Kampf gegen die Herrschaft des Klerus, aber kein Denkmal erinnert an sie. Immerhin: Ein markantes Gebäude, schreibt Ulrich Wagner, der vormalige Chef des Stadtarchivs, kann als „Symbol bürgerlicher Freiheit“ verstanden werden: der Grafeneckart, der älteste Teil des Rathauses.

 

Einträgliche Geschäfte für die Beamten des Bischofs

 

Wann die Würzburger zum ersten Mal einen Stadtrat bestimmten, wissen wir nicht. Die älteste Notiz über einen „Rat der 24“ stammt aus dem Jahr 1256. Wo er sich traf, ist ungewiss. Historiker wie der Stadtheimatpfleger Hans Steidle vermuten, dass er in einem Hof tagte, der nach seinem Besitzer „Zur Sturmglocke“ hieß.

 

Zu dieser Zeit steht schon mitten in der Stadt, nahe am rechtsmainischen Brückenaufgang, der Hof „Graveeckehart“, benannt nach einem Mann mit Namen Eckhart de Foro.

 

Steidle erklärt in seinem Buch „Am Anfang war ein Mord“, „de Foro“ bedeute „vom Markt“; der Name weise darauf hin, dass die Familie als „Ministeriale“ – hochrangige Beamte des Bischofs – die Marktgeschäfte kontrollierte.

 

Das Amt bringt gutes Geld ein. Bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts hinein haben drei Generationen der Familie ein solches Vermögen angehäuft, dass die vierte Generation mit dem Bau des künftigen Rathauses beginnen kann. Im Jahr 1150 ist das Erdgeschoss fertig.

 

Der Bauherr trägt einen Namen, der schon lange nicht mehr in Mode ist: Billung. Steidle zufolge ist von Billungs Bau die Torhalle erhalten geblieben, die man auf dem Weg vom Vierröhrenbrunnen ins Rathaus durchquert, und die beiden Gewölberäume im heutigen Tiefparterre des Ratskellers.

 

Viel Pracht hinter 1,70 Meter dicken Mauern

 

Billungs Sohn Eckart lässt das Obergeschoss bauen; knapp vor 1200 zieht er ein. Der Hof, noch ohne Turm, ist rechteckig, 18 auf 21 Meter groß, die Mauern sind 1,70 Meter dick. Sie müssen halten, wenn Feinde mit Rammbock und Wurfgeschossen angreifen.

 

Wer heute den Ratskeller durch den Eingang am Turm betritt und die Stufen hinunter steigt, betritt das einstige Erdgeschoss. Die Würzburger haben das Straßenniveau in den vergangenen Jahrhunderten stetig erhöht, aber schon im 12. Jahrhundert war das Erdgeschoss tiefer gelegt, mit Bedacht: Das brachte, berichtet Steidle, im Winter mehr Wärme und im Sommer mehr Kühle.

 

Er schreibt, die „unteren Gewölberäume besaßen schon zur Entstehungszeit einen düsteren und abweisenden Charakter“. Hier habe das Gesinde (die Dienerschaft) gelebt, seien Küche, Vorräte und Waren gelagert und Gefangene eingesperrt worden.

 

Eckart, der stolze Bauherr und Bewohner, ist, am Ende des 12. Jahrhunderts, einer der einflussreichsten und mächtigsten Männer in der Stadt. Und weil die Macht und die Pracht einträchtige Geschwister sind, lässt er sich in sein Obergeschoss einen herrschaftlichen Gewölbesaal bauen, fürs Feiern von Festen und zum Repräsentieren.

 

Was ein Graf war und was aus ihm wurde

Eckart ist der Stadtschultheiß (der höchste Richter) und, das muss erklärt werden: Vizegraf. Das Wort Graf kommt aus dem Mittellateinischen („graphio“); ursprünglich bezeichnet es einen Schreiber. Aus den Schreibern wurden im Laufe der Zeit Polizisten, aus den Polizisten hohe Verwaltungsbeamte und Richter. Zur Zeit Eckarts macht der Beruf den nächsten Karrieresprung: Grafen sind nun sogenannte Edle, das bedeutet: Adelige.

 

Ein Gemälde an der Rathausfassade deutet seit 1596 darauf hin, dass hier Gericht gehalten wurde. Es hat dem Grafeneckart seinen zweiten Namen gegeben: der grüne Baum. Dann Jahrhunderte lang war vor dem Rathaus eine große Linde gestanden, unter der die Schultheißen öffentliche Gerichtsverhandlungen führten und Urteile sprachen.

 

Ein Mord! Und noch einer!

 

Um 1200 scheint Eckart alles zu haben, was man sich wünschen kann, doch eines hat er nicht: Zeit. Er mischt mit in den blutigen Machtkämpfen im Reich, wo der Papst und die Bischöfe über Kaiser und Könige regieren wollen. Eckart kämpft für den Klerus. Seine Feinde sind nah, sie gehören zu seiner Familie.

 

Am 13. Dezember 1201 liegt Eckart de Foro, der Stadtschultheiß von Würzburg, tot in seinem Blut, ermordet von seinen Vettern Bodo und Heinrich. Die beiden entkommen, schreibt Steidle, „in die dunklen und geheimnisvollen Gassen der ahnungslosen Stadt“. Ein paar Wochen später bringen sie auch den Bischof um, Konrad von Querfurt.

 

Der flotte Kuno hat den Grafeneckart. Nein, doch nicht.

 

Gut 100 Jahre später taucht ein Ritter aus Randersacker auf, Kuno von Rebstock, und erwirbt den Grafeneckart. Kuno führt ein flottes Leben, ist knapp bei Kasse und muss den Hof wieder verkaufen. Betuchte Würzburger greifen zu: Am 5. März 1316 kaufen sie das Gebäude, um ein Rathaus einzurichten. Diese Bürger sind weitsichtig. Sie kaufen benachbarte Höfe dazu, um anbauen zu können, falls nötig.

 

Hier trifft sich fortan der Stadtrat, meist vormittags, zu 80 bis zu 100 Sitzungen im Jahr. Aber da ist keine Spur von bürgerlicher Freiheit.

 

Der Stadtrat unter der Fuchtel des Bischofs

Etwa 50 Jahre vor dem Kauf des Grafeneckart hat der 38. Bischof von Würzburg seinen Schäfchen Grenzen aufgezeigt. Er setzte ihnen einen „Oberrat“ vor die Nase, sechs Geistliche und sechs Bürger, von ihm auf Lebenszeit bestimmt.

 

43 Jahre lang weigerten sich die Städter, dieses Gremium anzuerkennen, dann gaben sie klein bei, vorerst. Zum „Rat der 24“ steuerten sie den zwölfköpfigen „Unterrat“ bei. Was die 24 entscheiden dürfen und was nicht, regeln von nun jahrhundertelang die Bischöfe nach Gusto.

 

Brave Schäfchen, bockige Schäfchen

 

Aber die Würzburger wollen frei sein und ihre Angelegenheiten selbst verwalten. Eine freie Reichsstadt soll Würzburg werden, wie die Schweinfurter, Rothenburger, Dinkelsbühler und Nürnberger eine haben und nicht dem Klerus gehorchen müssen.

 

Gläubige Christenmenschen sind sie gleichwohl. Der Historiker Hans-Peter Baum schreibt im ersten Band der „Geschichte der Stadt Würzburg“, im Mittelalter hätten sich religiöses und weltliches Leben gegenseitig viel intensiver durchdrungen als heute.

 

So richtet sich der Rat 1359 eine eigene Kapelle im Grafeneckart ein und widmet sie den Schutzheiligen St. Felix und St. Adauctus. Deren Festtag ist der 30. August. Baum und andere vermuten, dass sich die Heiligenwahl auf den 30. August 1303 bezieht, an dem König Albrecht die Würzburger aus der Reichsacht entließ, in die sie – natürlich – wegen Aufrührerei gegen den Bischof geraten waren.

 

Die Ratskapelle ist längst profanisiert und Teil des Ratskellers geworden, wo man bei Speis und Trank in historischer Umgebung den Herrgott einen guten Mann sein lassen kann.

 

"Lasst uns den Bischof schnell erschlagen, Mönche und Pfaffen allesamt!"

 

Wie sehr die Würzburger genug hatten von der Herrschaft des Klerus, beschreibt der Historiker Klaus Arnold im ersten Band der „Geschichte der Stadt Würzburg“ am Beispiel des Jahres 1397: „Wüssten wir vom wütenden Pfaffenhass des Spätmittelalters allein aus Würzburg, würden wir kaum glauben, welche Aversionen sich unter den Bürgern aufgestaut hatten und sich nun Bahn brachen“.

 

Arnold zitiert einen Spruch, der, übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen, auf Krawall deutet: „Lasst uns den Bischof schnell erschlagen, Mönche und Pfaffen allesamt! Sie müssen sprechen unser Wort oder werden all‘ von uns ermord‘.“

 

Es riecht nach Freiheit, aber das täuscht

 

Es scheint schlecht zu laufen für Gebhard von Schwarzburg, den 49. Bischof. Im Oktober 1397 trifft im Rathaus die Nachricht ein, König Wenzel habe Würzburg zur freien Reichsstadt erklärt. Im Rausch der Freiheit übersehen die Würzburger das Kleingedruckte.

 

Der König verfügt, dass Würzburgs Reichsfreiheit mit seinem Tod endet. Außerdem seien die Würzburger Gebhard, ihrem grimmigen Bischof, nach wie vor schuldig „alle Rechte, die er von Alters von Rechts und guter Gewohnheit hat“. Den kläglichen Rest von neuer Freiheit nimmt er den Bürgern mit einem Dekret im Januar 1398.

 

Jahrhundertelanger Dank für ein paar Wochen Rausch

Die Enttäuschung ist abgrundtief. Und doch bedeuten die wenigen Wochen gefühlter Freiheit den Würzburgern so viel, dass sie den schönen Gewölbesaal im Obergeschoss des Grafeneckarts nach dem König benennen, der sie ihnen schenkte.

 

Bis heute ist der Wenzelsaal die gute Stube der Stadt. Hier geben Oberbürgermeister Empfänge und prominente Gäste schreiben sich ein ins Goldene Buch der Stadt.

 

Der Name des Saals ist der einzige sichtbare Hinweis auf den Kampf der Würzburger gegen ihre Bischöfe.

 

Der Bischof schlägt zu

 

Bischof Gerhard von Schwarzburg lässt seine Schäfchen bitter büßen für ihr Techtelmechtel mit der Freiheit. Am 11. Januar 1400 erschlagen seine Truppen in der Schlacht von Bergtheim zwischen 900 und 1200 Würzburger und nehmen 2000 gefangen.

 

Die Würzburger geben nicht auf. 50 Jahre nach dem Massaker gehen sie zum 53. Bischof, Gottfried Schenk von Limpurg, und bitten ihn, einen Turm an den Grafeneckart bauen zu dürfen.

 

Der Turmbau von Würzburg

Steidle berichtet, dass Rathaustürme seien zu jener Zeit Ausdruck bürgerlicher Autonomie gewesen, die „vor allem gegenüber der Kirche die bürgerliche Macht verkörperten und versinnbildlichten“. Bischof Gottfried ist ein guter Mann, kein antibürgerlicher Autokrat.

 

Er genehmigt den Bau. 1456, nach drei Jahren Bauzeit, steht der Trum, 55 Meter. 1482 erlaubt der 54. Bischof, eine 15 Zentner schwere Glocke in den Turm zu hängen, damit sie stündlich und bei Gefahr schlage.

 

Bis in die Barockzeit dient der Grafeneckart als Rathaus. 1672 ist der Anbau, der Rote Bau, fertig, und die Räte ziehen um. Heute beherbergt er nur noch einen kleinen Teil der Stadtverwaltung und er zeigt, dass auch in Würzburg die Zeit hektischer geworden ist. Die Glocke schlägt nun viertelstündlich, von 7 bis 22 Uhr.

 

Eine Warnung an alle

 

Das von den Bischöfen regierte Hochstift Würzburg ist 1802 untergegangen; Napoleon hat es weggefegt. Der Grafeneckart aber, Rathaus seit 700 Jahren, steht immer noch, den Turm in die Höhe gereckt wie einen mahnenden Finger.

 

Er erinnert daran, dass die bürgerliche Freiheit und bürgerliche Rechte keine Geschenke sind. Wer nicht um sie kämpft, verdient sie nicht.

 

schreibdasauf.info

 

Literaturtipps:

 

Steidle, Hans: Am Anfang war ein Mord. Das Würzburger Rathaus als Brennpunkt von Politik und Geschichte. 2012 erschienen im Echter Verlag, Würzburg.

 

Wagner, Ulrich: Der Grafeneckart - Symbol bürgerlicher Freiheit. In: Wagner, Ulrich (Herausgeber): Geschichte der Stadt Würzburg (Band 1). Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs. 2001 erschienen im Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart

 

Baum, Hans-Peter: Die Ratskapelle St. Felix und St. Adauctus im Grafeneckart. In: Wagner, Ulrich (Herausgeber): Geschichte der Stadt Würzburg (Band 1). Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs. 2001 erschienen im Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart

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