Würzburgs akademischer Antisemitismus

Wie Studentenverbindungen die Gesellschaft prägten und was davon die würzburgischen in einer Ausstellung für sich behalten

 

Zug der Studeten zum Wartburgfest von 1817. Bildquelle: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Im September 2019 war im Rathaus die Wanderausstellung „Würzburgs bunte Mützen – 200 Jahre studentische Tradition in Würzburg“ zu sehen. Der Arbeitskreis Würzburger Verbindungen hat sie zusammengestellt.

 

Die Verbindungen schreiben von sich auf der ersten der 22 Tafeln, sie hätten „die Stadt und ihre Geschichte geprägt“. Ohne sie und ihre „breite Vielfalt“ sei Würzburg nicht denkbar. Wie sie prägten, ist wenig ausgeführt. Das wundert nicht: Die Geschichte der Studentenverbindungen ist eine kurze Geschichte des demokratischen Fortschritts und eine lange des Nationalismus und Antisemitismus.

 

Am Abend des 18. Oktober 1817, auf dem „Nationalfest“ der Burschenschaften auf der Eisenacher Wartburg, lassen sie raus, was in ihnen steckt: eine „wirre Mischung aus antikonservativem Protest, Germanenkult, Frankophobie und Judenhass“, schreibt der Historiker Hans-Ulrich Wehler in seinem Standardwerk „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“. Sie verbrennen „undeutsche“ Bücher, die ihre, so Wehler, „bornierte Deutschtümelei“ kränken oder den Absolutismus verherrlichen. Ihr Ruf während der Verbrennung ist prophetisch: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judentum und wollen über unser Volkstum und Deutschtum schmähen und spotten.“ Wehler beschreibt den Abend als „Exzess“ und „Terror“ und nennt ihn einen „verhängnisvollen Appell an böse Gefühle statt an kühle Vernunft“.

 

Radikaldemokraten ohne Frauen und Juden

 

Unter den Burschenschaftern, einer von 500, ist der Würzburger Gottfried Eisenmann. 1818 gründet er mit anderen in Würzburg die Burschenschaft „Teutonia“, die bis heute als „Germania“ fortbesteht. Eisenmann (1795 bis 1867) wird sich als Arzt, Publizist, Politiker und Revolutionär einen Namen und Feinde machen.

 

„Leider“, meint der Historiker Leo Günther, „fasste (…) Ende des Sommersemesters 1821 auch der ‚Jünglingsbund‘ in der Würzburger Burschenschaft Wurzel“. Diesem Bund, der Monarchen stürzen will, damit das Volk sich durch selbstgewählte Vertreter eine Verfassung gebe, schließt Eisenmann sich an. Die Bündler halten den Tyrannenmord für legitim: „Überall, wo eine sittliche Notwendigkeit“ vorliege, zitiert Wehlen ihren Vordenker Karl Follen, seien „alle Mittel erlaubt“.

 

Nicht alle Verbindungen sind so radikal wie Eisenmanns Jünglingsbund. Aber alle schließen die Mitgliedschaft von Frauen aus, mit wenigen Ausnahmen bis heute, und viele sind judenfeindlich wie die Jünglinge.

 

Der Kampf für eine völkische Einheit

 

Die Feindschaft gegenüber Juden gehört zur deutschen Aufklärung. Kant etwa beschrieb ihren Glauben als „zu nichts dienenden, vielmehr alle wahre Religionsgesinnung verdrängenden alten Cultus“. „Vampyre“ seien sie, die „Euthanasie des Judenthums“ sei „die reine moralische Religion“.

 

Der Philosoph Dirk Meyfeld berichtet, die Judenfeinde hätten im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert vor allem die Integration der Juden und ihre rechtliche Gleichstellung verhindern wollen. Dass die französischen Revolutionäre 1792 die Emanzipation der Juden durchsetzen und mit ihren Armeen in die deutschen Teilstaaten tragen, passt ins Bild der frühen Antisemiten.

 

Nach der militärischen Niederlage Frankreichs kämpfen die Korporierten um die Vereinigung der deutschen Staaten in einem Reich. Die nationale Einheit durch die Gründung des Kaiserreichs im Jahr 1871 nehmen sie vorweg mit der Idee einer völkischen Einheit der Deutschen, ohne Juden.

 

Vom Antijudaismus zum Antisemitismus

 

Eisenmanns Jünglingsbund hält sich nicht lange. Die Bündler finden nicht, was allen Studentenverbindungen bis heute gemein ist: gestandene Männer, so genannte Alten Herren, die die Jungen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich tragen und den Verbindungen Perspektive geben. „Lebensbund“ nennen sie das Prinzip, nach dem Korporierte ihr Leben lang Mitglied bleiben und die Alten die Jungen protegieren.

 

Wenn die Bürger gegen Fürstenwillkür und Kleinstaaterei auf die Barrikaden gehen, 1830 und 1848, sind auch in Würzburg die Studentenverbindungen dabei: Eisenmanns Burschenschaft Teutonia/Germania und drei Corps – das sind elitäre, aristokratisch geprägte Bünde.

 

Die Gründung des Kaiserreichs befriedigt ihre nationalen Gelüste nur vorläufig. Ihre Feindschaft gegen die Judenheit begründen sie nun rassistisch. Deutsch zu sein ist für die Völkischen ebenso eine Frage von Blut und Abstammung wie das Jüdischsein.

 

Die Universität als Zentrum rechtsradikalen Gedankenguts

 

Der Historiker Roland Flade berichtet in „Es kann sein, dass wir eine Diktatur brauchen“, im Würzburg der Weimarer Republik sei rechtsradikales und völkisches Gedankengut nirgendwo weiter verbreitet gewesen als an der Julius-Maximilians-Universität.

 

1920 beschließen die Burschenschaften auf dem Eisenacher Burschentag, „dass nach den bestehenden Bestimmungen und dem seitherigen Brauch eine Aufnahme von Juden nicht in Frage kommt“. 1921 wählen 75 Prozent der knapp 4000 Studenten bei der Asta-Wahl in Würzburg nationale und völkische Organisationen. Ebenso viele, etwa drei Viertel, gehören Korporationen an. Fast alle der knapp 30 Korporationen schließen in den frühen Zwanzigerjahren ihre jüdischen Mitglieder aus – lange vor der Machtübernahme der NSDAP. Schlagende Verbindungen verweigern den Mitgliedern der jüdischen Verbindung Salia die Genugtuung im Duell; sie seien dessen nicht würdig.

 

Dass die Nationalsozialisten die Korporationen auflösten, war in der Regel nicht weltanschaulichen Differenzen geschuldet, sondern der Gleichschaltung des gesellschaftlichen Lebens und der organisatorischen Einbindung in die NSDAP.

 

Ob und wie Verbindungen in Würzburg ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben, erschließt sich aus der Ausstellung nicht. Zwar ist unter anderem zu lesen, drei Würzburger Burschenschaften hätten ihren rassistischen Dachverband Deutsche Burschenschaft verlassen. Dass eine vierte, die "Teutonia Prag zu Würzburg", nach wie vor Mitglied ist, erwähnt sie nicht.

 

Der "Hauch des Altmodischen und Unzeitgemäßen"

 

1998 schrieb der damalige Uni-Präsident Theodor Berchem über die "verblasste Herrlichkeit der Verbindungen". Zu sehr hafte ihnen der "Hauch des Altmodischen und Unzeitgemäßen" an. Eine "gewisse Redefinition ihrer Ziele und Zwecke" halte er für angebracht, damit sie "wieder einen universitären und damit gesellschaftlichen Platz" fänden.

 

schreibdasauf.info

 

Siehe auch Der Würzburger Studentenstein

 

Verwendete Literatur:

 

  • Ausstellung „200 Jahre bunte Mützen“ des Arbeitskreises Würzburger Verbindungen (AKWV), 2019
  • Webseite des Arbeitskreises Würzburger Verbindungen am 11. September 2019
  • Matthias Stickler: Zwischen Anpassung und Aufbegehren – Studenten an der Universität Würzburg im 19. Jahrhundert, in: Bernhard Grün, Johannes Schellakowsky, Matthias Stickler, Peter A. Süß (Hrsg.): Zwischen Korporation und Konfrontation, Beiträge zu Würzburger Universitäts- und Studentengeschichte
  • Leo Günther, Würzburger Chronik III
  • Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1815 – 1845/49
  • Peter A. Süß, Die Entwicklung der Würzburger Hochschulen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Ulrich Wagner (Hrsg.), Geschichte der Stadt Würzburg, Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert
  • Roland Flade, Es kann sein, dass wir eine Diktatur brauchen
  • Harm-Hinrich Brandt/Matthias Stickler (Hrsg.): „Der Burschen Herrlichkeit“ – Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens, Band 8 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs, 1998
  • Hans Hoffmann: Johann Gottfried Eisenmann. Ein fränkischer Arzt und Freiheitskämpfer. Mainfränkische Hefte 49, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte 1967
  • Peter Kaupp: Burschenschaft und Antisemitismus, Dieburg 2004
  • Dirk Meyfeld: Volksgeist und Judenemanzipation. Hegels Haltung zur jüdischen Emanzipation und zum Frühantisemitismus seiner Zeit. Dissertation 2014
  • Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) der Uni Frankfurt/autonome antifa: „Unpolitisch bis zum Endsieg“ – Studentische Verbindungen als Ausdruck deutscher Normalität
  • Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1784
  • Immanuel Kant, Der Streit der Facultäten, 1798
  • Webseite der Burschenschaft Germania am 11. September 2019, https://www.germania-wuerzburg.de/geschichte/
  • Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, Bielefeld, 2000

 

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