1953: Konfessionenkrawall

Wie der Bischof von Würzburg den Bundeskanzler beinah um sein Amt gebracht hat

1958, fünf Jahre nach dem Konfessionenkrawall machte Papst Pius XII. Julius Döpfner zum Kardinal. Das Foto stammt aus dem Jahr 1964. Bildquelle: Wikipedia

1953, bei der Einweihung der Zuckerfabrik, düpierte der Julius Döpfner, der Bischof von Würzburg, die protestantischen Gläubigen. Der Eklat erschütterte die Republik, Bundestagspräsident Ehlers und Bundeskanzler Adenauer mischten sich ein.

 

Am Sonntag, den 28. Juni 1953, wird dem Würzburger Bischof der Kragen eng. Da sitzt er, Julius Döpfner, der spätere Kardinal, in Ochsenfurt in einer Kutsche und rollt, begleitet von Reitern aus Hopferstadt, der Zuckerfabrik entgegen, die er einweihen will. Was ihm widerfährt, ist eine Affäre wie aus dem Bauernkrieg: Ein Trupp Reiter aus Gnodstadt, alle evangelisch, sprengt auf den Hirten der Katholiken zu, außer sich vor Wut; sie schreien „Pfui!“ und „Pfui Teufel!“ und „Zieht ihn raus! Schlagt ihn tot!“. Die katholischen Hopferstädter weichen mit ihren Pferden erschrocken zurück, aber die Polizei greift rechtzeitig ein. Julius Döpfner atmet auf; er bleibt verschont.

 

Adenauer grollt

 

Ochsenfurt war wochenlang und bundesweit Thema in den Zeitungen, der Vorfall erschütterte die Republik. Konrad Adenauer grollte und mischte sich ein. Nicht die Gnodstädter waren sein Ziel. Der Kanzler war sauer auf den Bischof.

 

Wenige Stunden vor dem Festakt erfährt Döpfner, dass Wilhelm Schwinn, der evangelische Dekan aus Würzburg, die Zuckerfabrik gemeinsam mit ihm einweihen soll. Der Bischof zitiert einen Direktor der Zuckerfabrik, den einzigen katholischen, herbei und trägt ihm eine Nachricht an Schwinn auf. Ihren Inhalt fasst „Der Spiegel“ zwei Wochen später so zusammen: „Seine Exzellenz Bischof Dr. Julius Döpfner von Würzburg weigere sich, die katholische Weihehandlung in der Zuckerfabrik vorzunehmen, wenn dort ein zweiter Weiheakt einer anderen Konfession erfolge.“ Der fromme Direktor bittet Schwinn ohne Talar zu kommen und eine weltliche Ansprache halten. Der Dekan ist empört; er verlässt das Städtchen auf der Stelle. Und seine Gnodstädter Reiter packt der heilige Zorn.

 

Viel Zündstoff in Franken

 

Die Hamburger „Zeit“ berichtete am 9. Juli 1953 von zahlreichen Protestveranstaltungen, „die von Tausenden von Menschen besucht wurden und in denen es zu ziemlich harten Äußerungen“ gegen den landläufig als sozial fortschrittlich bekannten Döpfner gekommen sei. Das Wochenblatt analysierte „viel Zündstoff“ in Franken, dort lägen historische Erinnerungen „nur hauchdünn unter der Oberfläche“.

 

Erst seit der Säkularisation, der erzwungenen Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1802, dürfen Evangelische und Juden in Würzburg wohnen. Bei allem Konservatismus, so „Zeit“, sei Franken eine rebellische Gegend, das Land der Bauernkriege und, „auch heute noch“, eine Gegend „scharfer konfessioneller Gegensätze“.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg wachsen sich in den C-Parteien latent vorhandene konfessionelle Gegensätze zur öffentlichen Keilerei aus. In Bayern balgen sich evangelische und katholische Christsoziale um Macht, Einfluss und Mandate. Die Partei erleidet in den frühen 1950er Jahren einen Exodus prominenter evangelischer Mitglieder. Die Protestanten in der CSU sind, schreibt Thomas Schlemmer in „Aufbruch, Krise und Erneuerung: die Christlich-Soziale Union 1945 bis 1955“, verunsichert und misstrauisch. An der Spitze der Partei herrschen Männer wie Hans Ehard und Alois Hundhammer, die, so Schlemmer, „eindeutig auf eine katholisch-konfessionelle Linie festgelegt zu sein schienen“.

 

Die Union in der Zwickmühle

 

Döpfner hat Salz in alte Wunden gestreut und die C-Parteien, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, in die Bredouille gebracht. Die wollten von den Anhängern beider Konfessionen gewählt werden – wie mussten CDU und CSU nun lavieren, um nicht zwischen die Mühlsteine zu geraten?

 

Protestantische CSU-Mitglieder gründeten Ende der 1940er Jahre, als Gegenpol zur katholischen Dominanz, den politischen Arbeitskreis evangelischer Christen (EAK). Sie schicken einen Brief an den CSU-Landesvorsitzenden Ehard mit der Warnung, die Partei werde in Franken große Verluste erleiden, „wenn nicht der gegenreformatorische Kurs des Herrn Dr. Hundhammer sein Ende findet“. 1950 notiert der Teilnehmer eines Treffens evangelischer CSU-Mitglieder mit ihrem Landesbischof Hans Meiser einen großen Zorn beim Kirchenmann: Die evangelisch-lutherische Kirche fühle sich von der Regierungspartei CSU „fortgesetzt zurückgesetzt, vernachlässigt und übergangen“, habe Meiser geschimpft.

 

Die CSU vorm Auseinanderbrechen

 

Fränkische Protestanten fühlen sich so sehr missachtet, dass sie 1952 eine evangelisch-konfessionelle Partei aufbauen wollen. Die Christsozialen sind besorgt. Sie haben mit der Bayernpartei genug zu tun und wollen sich nicht mit einer dritten konservativen Kraft abplagen.

 

Am 24. April 1953, kurz vor dem Eklat von Ochsenfurt, notiert Alfons Kreußel, der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises in der CSU, die Lage innerhalb der Partei verschärfe sich zusehends. Manche Parteifreunde würden „immer unbekümmerter einen ausgesprochen katholischen Kurs steuern“. Die Gefahr einer Aufsplitterung der Partei liege nahe. Ohne den evangelischen Faktor werde die CSU „eine so klerikale Partei, dass eine äußerst bittere Reaktion seitens der Bevölkerung beider Konfessionen nicht ausbleiben wird“.

 

Drei Tage nach dem Ochsenfurter Zwischenfall versucht die CSU-Landtagsfraktion, den Schlamassel zu verlassen. Sie und „insbesondere ihre evangelischen Mitglieder“ sei entschlossen, „unbedingt an der Zusammenarbeit der beiden christlichen Konfessionen festzuhalten, auf dem Boden voller Parität im politischen Raum“. Das sei „zum Wohl des bayerischen und deutschen Volkes mehr als je geboten“.

 

„Vulkanische Empörung überall“

 

Aber der Ärger ist in der Welt, der Eklat von Ochsenfurt wird zum Politikum. Nur wenige Stunden nach dem verpatzten Weiheakt, beim politischen Teil der Veranstaltung, tritt der FDP-Landtagsabgeordnete Ernst Falk, Bauer und Bürgermeister aus Unterickelsheim bei Uffenheim, ans Mikrofon. Vor 8000 bis 9000 meist bäuerlichen Zuhörern schildert er den Verlauf des Zwischenfalls, fordert konfessionelle Gleichberechtigung und fragt sein Publikum: „Ist es denn schon wieder so weit, dass wir evangelische Christen Menschen zweiter Klasse sind?“ Tumultartige Szenen folgten. „Vulkanische Empörung überall“, titelte der SPD-nahe Fränkische Volksfreund.

 

Die FDP versucht, einen Keil in die christliche Wählerschaft zu treiben; das schmerzt die Unions-Parteien lange. 1961 notiert der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heinrich Krone: „Die FDP hetzt die Christen aufeinander. Sie hetzt die Protestanten gegen die Katholiken, denen sie vorwirft, sie trieben katholische Politik und wollten in Deutschland ein katholisches Regiment einführen.“

 

Plädoyer für fränkisch-christliche Tänze

 

Tatsächlich liegt die FDP besonders mit Döpfner überkreuz. Der hat Ende 1952 im Würzburger Dom in seiner Silvesterpredigt aufgerufen, die CSU zu wählen. Wenn die FDP sich nicht lossage „von einem praktischen Materialismus, der das Reich Gottes nicht kennen will und nicht kennen kann“, dürften „die Freunde Christi sich nicht für sie entscheiden“. (Die Wahl von SPD oder KPD kam für den Gottesmann sowieso auf keinen Fall in Frage.)

 

Der bayerische FDP-Vorsitzende Thomas Dehler führte, berichtete „Der Spiegel“, „heftige Attacken gegen das Wiederaufleben des politischen Katholizismus“, den er aus Döpfners Worten deutete. Tatsächlich mischte sich der Bischof mit einer Vehemenz in Politik und Gesellschaft ein, als wolle er zurück zum vorsäkularen Kirchenstaat. So hatte er 1950 sogar Samba und Rumba verdammt; seine Schäfchen fordert er auf, statt derer „fränkisch-christliche Tänze“ zu pflegen.

 

So sind die evangelischen Gnodstädter nicht im jähen Zorn gegen den Würzburg Bischof geritten. In Ochsenfurt hatte sich bei ihnen und ihren Glaubensbrüdern eine lange angestaute Wut entladen, gespeist aus Demütigungen, die Protestanten auch außerhalb Bayerns, in der ganzen BRD empfanden.

 

Misstrauen gegen den katholischen Klüngel

 

Gut 26 Millionen Protestanten lebten am Beginn der 1950er Jahre in der Republik, sie fühlten sich im Hintertreffen gegenüber 22,5 Millionen Katholiken. „Es ist kein Geheimnis mehr, wer die politischen Entscheidungen Westdeutschlands wesentlich beeinflusst“, klagte 1949 der evangelische Pfarrer und niedersächsische Sozialminister Heinrich Albertz. Das sei der Kölner Kardinal Frings. Dass dessen Behausung von der des Erzkatholiken und Bundeskanzlers Konrad Adenauer nur 30 Kilometer voneinander entfernt lagen, feuerte das Misstrauen der Nichtkatholiken zusätzlich an, zumal der Kölner Klüngel sprichwörtlich war.

 

Aus dem einstmals protestantisch dominierten, zentralistisch-preußischen Deutschland war ein katholisch-föderales geworden. Einige Millionen evangelische Deutsche saßen im Osten in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone fest; für den westdeutschen Protestantismus waren sie verloren.

Die Katholiken geben Zunder

 

1948 verbot der Vatikan den Seinen Religionsgespräche und gemeinsame Gottesdienste mit den Protestanten. Döpfners Attacke gegen Schwinn war also kein Solo; sie entsprach päpstlichem Willen. 1953, kurz vor dem Ochsenfurter Eklat, klagte der evangelische bayerische Landesbischof Meiser, die Protestanten würden bei der Beteiligung an der politischen Führung des Landes benachteiligt.

 

Das schlimmste Verhängnis: die Reformation

 

1954 mahnt Kardinal Frings die Katholiken, ihr Verhalten gegenüber evangelischen Christen müsse bestimmt sein „von unserem Wissen über die Absolutheit der römisch-katholischen Kirche“. 1955 bezeichnet Papst Pius XII. die Reformation „als das schwerste Verhängnis, welches das christliche Abendland und seine Kultur treffen konnte“.

 

Die Folgen des Konfessionsstreits reichen tief in Familien hinein. Frings etwa fordert seine Amtsbrüder auf, im Kampf gegen die Mischehe nicht zu erlahmen. Und sie erlahmen nicht. 1961 behauptet der protestantische Dekan Ludwig Roth aus Lohr, sein katholischer Kollege habe die evangelische Trauung einer Mischehe durch „schwere Bedrohungen“ vereitelt. Der Fall beschäftigt als Beispiel für viele den evangelischen Ökumenischen Rat in Genf und den Vatikan.

 

Sorgen um die Sicherheit Deutschlands

Wie in Bayern, so gründen 1952 im Rest der Republik prominente CDU-Mitglieder einen Evangelischen Arbeitskreis, um zu demonstrieren, dass ihre Partei kein rein katholisches Unternehmen sei. Bundestagspräsident Herrmann Ehlers sitzt dem EAK vor; er fordert von seinen Glaubensgenossen ein protestantisches Selbstbewusstsein, das sich „durch Machtansprüche und klerikale Übergriffe der anderen Seite“ nicht irritieren lasse.

 

Die politische Öffentlichkeit fürchtete als Folge des Ochsenfurter Zwischenfalls um die Sicherheit des Landes. 1953 war die Bundesrepublik Frontstaat im Kalten Krieg. Also kommentierte die Main-Post die Auseinandersetzung zwischen Döpfner und Schwinn mit der Warnung, Deutschland stehe „in solch unmittelbarer Gefahr, dass man nicht das Trennende, sondern das Verbindende in den Vordergrund stellen sollte“. Die Bayernpartei tadelte, die Haltung des Bischofs diene nicht dazu, „die für unser Vaterland notwendig starke Gemeinschaft der beiden großen Konfessionen Wirklichkeit werden zu lassen“.

 

Die Zeitung wird zur Glaubensangelegenheit

 

Bezeichnend für das Klima Anfang der Fünfziger Jahre ist, dass die Main-Post weitgehend auf eine journalistische Aufarbeitung des Vorfalls verzichtete. Neben dem Kommentar druckte sie ausschließlich Erklärungen und Stellungnahmen ab, ohne sie einzuordnen. Die Gefahr, in den Strudel des Konfessionsstreites gerissen zu werden, war den Blattmachern offenbar zu groß.


Döpfner aber genügte diese Zurückhaltung nicht, seine Ansprüche gingen weiter. 1955 donnerten katholische Hirten wie der Höchberger Ludwig Weiß von der Kanzel, wer eine weltanschaulich neutrale Tageszeitung lese, habe sich „gegen Christus entschieden“ und begehe „Verrat an seinem Glauben“. Döpfner erhob das Lesen und das Arbeiten für eine nicht-katholische Zeitung zur Gewissensfrage. Er tritt an wie ein Wiedergänger des Julius Echter, der als Fürstbischof das Hochstift Würzburg zu einem Bollwerk der Gegenreformation machte.

 

Keine evangelischen Statisten mehr

 

Die Evangelischen geben im Ochsenfurter Streit nicht klein bei. Landesbischof Meiser schreibt an Bundeskanzler Adenauer, er wisse „aus jüngerer Zeit kein Ereignis zu nennen, das eine so tiefgreifende Erregung, ja elementare Empörung in weitesten Kreisen unserer Gemeinden hervorgerufen hat, als den Ochsenfurter Zwischenfall“.

 

Wilhelm Schwinn, der Würzburger Dekan, teilt am 3. Juli 1953 mit, in der Frage, ob die Konfessionen paritätisch zusammenleben können, habe sich „zunächst in allem, was der Vorfall mit sich brachte, ein Abgrund aufgetan“. Er wolle das Verhalten der katholischen Glaubensbrüder nicht länger dulden. „Die Evangelischen Unterfrankens“, erklärt er, „erwarten in Zukunft bei Einweihungen öffentlicher Gebäude, Brücken usw. von den Männern des öffentlichen Lebens die Wahrung voller Parität, und sie werden in Zukunft diese Parität durchzusetzen wissen, kein evangelischer Geistlicher wird in Zukunft mehr bei einer öffentlichen Feier als Statist mitwirken.“

 

Adenauer greift ein

 

Doch die Männer des öffentlichen Lebens sind verschreckt. Otto Seeling, der Vorsitzende des Landesverbandes der bayerischen Industrie, will mit den christlichen Streithanseln nichts mehr zu tun haben. Der „tiefbedauerliche Vorgang“ in Ochsenfurt solle für die Industrie Veranlassung sein, kirchliche Weiheakte bei Werksfeiern aller Art zu vermeiden. Werksfeiern, so spricht er vor Journalisten, dienten in erster Linie der Arbeitsehrung und der Pflege des sozialen Friedens. Sie dürften „durch konfessionelle Gegensätze und Prestigefragen nicht um ihre Wirkung gebracht werden“.

 

In Bonn wittert Bundeskanzler Adenauer, berichtet der Historiker Erik Lommatzsch, Gefahr für die Bundestagswahl im September 1953. Die CDU ist auf die Geschlossenheit der evangelischen und katholischen Christen angewiesen, sie fürchtet die konfessionell einseitig ausgerichteten Parteien. Lommatzsch schreibt, Adenauer „war verärgert, vor allem aber besorgt über das Gebaren des Würzburger Bischofs Julius Döpfner“. Der Kanzler schickte seinen Staatssekretär Globke nach Würzburg. Die ehemalige Nazi-Jurist, wie Döpfner Mitglied im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen, soll den Bischof zum Einlenken bewegen.

 

Der Bundestagspräsident gibt klein bei

 

Der Gesandte hat Erfolg. Über die Zeitungen verkündet der Bischof sein prinzipielles Eintreten für den konfessionellen Zusammenhalt. „Eine rasche Sinneswandlung war da vollzogen worden“, resümiert Lommatzsch in seiner Dissertation über Globke.

 

Auf evangelischer Seite habe Bundestagspräsident Ehlers als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU alle Mühe gehabt, die Wogen zu glätten, berichtet Thomas Sauer in „Westorientierung im deutschen Protestantismus?“. In einem Aufsatz mit dem Titel „Ochsenfurt“ schreibt Ehlers: „Wenn wir endlich einmal aufhören würden, alles und jedes zu weihen, würden wir die Zusammenarbeit der Konfessionen wesentlich erleichtern.“

 

Hinter den Kulissen ist der protestantische Bundestagspräsident weniger friedlich gestimmt. Der Berliner Tagesspiegel berichtet, Ehlers habe aus dem Ochsenfurter Zwischenfall mehr machen wollen, gegen Adenauers ausdrücklichen Wunsch. Ein Mitarbeiter des Kanzlers habe das mit einem Hinweis verhindert: Dann müsse leider auch publik werden, dass der evangelische Pfarrer von Ochsenfurt Mitglied der NSDAP und Träger des goldenen Parteiabzeichens gewesen sei.

 

Kein Schaden für Döpfner

 

Döpfner trug keinen Schaden aus den Ereignissen davon. 1957 erhob Papst Johannes XXIII. den damals 44-Jährigen zum Kardinal und schickte ihn als Bischof nach Berlin. 1961 machte er ihn zum Erzbischof von München und Freising – gegen Döpfners Willen. Der kämpferische Kardinal wäre lieber in der Frontstadt des Kalten Krieges geblieben.

 

Döpfner erinnerte sich später an den Fall Ochsenfurt als „die schwerste Prüfung“ seiner Würzburger Jahre. „Ich stand da als sturer, konfessionell engherziger Kirchenmann. Aber dieses Image entsprach in keiner Weise meiner innersten Intention.“ Oder doch? „Wir sind allerdings der Auffassung“, schrieb Döpfners Generalvikar Vinzenzi Fuchs im Zuge der Ochsenfurter Ereignisse, „dass ein Bischof, der in besonderer Weise diese Kirche vertritt, niemals in einem offiziellen Akt gleichzeitig anerkennen kann, dass auch die durch die Reformation getrennte evangelische Kirche den Auftrag Jesu Christi haben kann, im gleichen Maße Kirche zu sein.“

 

Wieder düpiert

 

So kam es, dass die evangelischen Kirchenmänner ein Jahr nach Ochsenfurt in Lengfurt zusehen mussten, wie Döpfner eine Brücke alleine einweihte. Ihre protestantischen Gebete waren unerwünscht.

 

Das Bistum Würzburg gedenkt Döpfners heute als einen der „Wegbereiter und Moderatoren“ des II. Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). Viele seiner Anliegen habe er durchsetzen können, unter anderem das Ökumenismusdekret, in dem die Konzilmehrheit die katholischen Gläubigen mahnt, „dass sie, die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen“. Erst in diesem Konzil erklärte die katholische Kirche „das Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit“.

 

Die Protestanten bilden für sie allerdings bis heute keine „Kirche im eigentlichen Sinn“. Papst Benedikt XVI. bestätigte 2007 die Erklärung „Dominus Iesus“, der er 2000 als Kardinal Ratzinger und Chef der Glaubenskongregation verfasst hatte. Die Protestanten gehören demnach zu den kirchlichen Gemeinschaften, „die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben”. Sie lebten in einer „nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der Kirche”.

 

Und die Protestanten fühlten sich düpiert wie in alten Ochsenfurter Tagen.

 

schreibdasauf.info

 

Literaturtipps:

 

Schlemmer, Thomas: Aufbruch, Krise und Erneuerung. Die Christlich-Soziale Union 1945 bis 1955. Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 41, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2001

 

Sauer, Thomas: Westorientierung im deutschen Protestantismus? Ordnungssysteme, Band 2. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1999

 

Lommatzsch, Erik: Hans Globke (1898-1973): Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers. Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2009

 

Am 10. November 2010 veröffentlichte die Main-Post meine Geschichte über den Konfessionenkrawall. Die Leserreaktionen waren ungewöhnlich zahlreich und, was selten vorkommt, ungewöhnlich einmütig positiv. Viele Protestanten berichteten von Demütigungen, die sie als Minderheit in katholischem Gebiet erlitten haben.

 

Zwei frühere Chefredakteure katholischer Medien allerdings waren außerordentlich erzürnt. Den Höhepunkt ihres Leserbriefes möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Siehe rechts:

Kommentare

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  • Heinz Mehrlich (Freitag, 25. März 2016 18:05)

    Ja, diesen Kommentar finde ich gut, sehr gut sogar! Diese Gegensätze kommen auch heute noch gelegentlich vor. In meiner 17-jährigen Zeit als ev. bay. SPD-Landtagsabgeordneter (mit kath. Mutter) bis
    2013, habe ich solches mehr als einmal erlebt!

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