1909: Kaisermanöver im Taubertal

Wie der Würzburger General-Anzeiger für den 1. Weltkrieg probte

Aufmarsch der Truppen zum Kaisermanöver im Taubertal.

Am 18. September 1909 liegen an den Ufern der Tauber und viele Kilometer ins Land hinein verstreut die Äpfel von 29.100 Armeepferden. Ähnliche Leibesfrüchte, gegoren in den Mägen von 125.000 kaiserlichen Soldaten, bayerischen, badischen und württembergischen, düngen die Flure und Felder. Das Land, von Stiefeln zerstampft und von Kriegsgerät durchfurcht, liegt wieder still, der Pulverdampf vom Kaisermanöver hat sich verzogen.

 

Die Aufmerksamkeit der Welt

 

Hier probten, vom 13. bis zum 17. September, fünf Armeekorps den Krieg. Es ist das bis dato größte Manöver im Kaiserreich, ein Viertel des Friedensheeres ist im Einsatz. Es ist eine Übung unter den Augen Kaiser Wilhelm II., die, glaubt der Würzburger General-Anzeiger, die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf Deutschland lenkt.

 

Der General-Anzeiger berichtet am Mittwoch, 15. September: „Montagvormittag um 11 Uhr wurde der Krieg erklärt.“ Die Kriegslage: „Während die Hauptkräfte des blauen Reiches auf einem entfernten Kriegsschauplatz versammelt sind, ordnet der rote Staat die Mobilmachung seiner Armee an.“

 

Die Heeresführer lenken die Schlachten aus der Ferne: das blaue Oberkommando lagert in Schwäbisch-Hall, das rote in Aschaffenburg. Die Truppen marschieren, reiten und fahren aus Mainz, Darmstadt, Osterburken, Gemünden oder Buchen in die ehemalige Grafschaft Hohenlohe, wo die Grenzen Bayerns, Badens und Württembergs sich treffen; dort liegen die Manöver-Schlachtfelder.

 

Der General-Anzeiger spurt

 

In seinen „Bestimmungen für das Kaisermanöver“ warnt das Generalkommando des XIV. Armeekorps vor der Presse. „Besonders Offiziere und Berichterstatter ausländischer Heere und Zeitungen“ versuchten, „durch harmlos scheinende Anfragen bei den Truppen ihre Kenntnisse zu erweitern“. Wegen der Berichterstatter des „Generalers", so nennen die Würzburger ihre auflagenstärkste Tageszeitung, muss sich allerdings kein Kaiserlicher sorgen. Das Blatt, Vorläufer der Main-Post, ist Teil der geistig-moralischen Aufrüstung im Reich.

 

Zwei Wochen vor Manöverbeginn erinnert es an die Schlacht von Sedan im Jahre 1870: „Schulter an Schulter“ sei es damals „gegen gallischen Übermut“ gegangen. Da habe das deutsche Volk „denen jenseits des Rheins wieder einmal nachdrücklich Respekt gelehrt vor der deutschen Faust.“ In derselben Ausgabe lässt der General-Anzeiger einen Militär die Bedeutung strategischen Denkens „in künftigen Kriegen“ erklären.

 

Weniger Gebrüll und Trompeten

 

Truppen fluten Hügel rauf und Täler runter, setzen über Jagst, Kocher und Tauber, schleichen durch Wälder. Endlose Proviantkolonnen ziehen auf den Straßen hinterher, samt den neuen mobilen Feldküchen, in denen während der Fahrt das Soldatenmahl aus Schweinefleisch und Erbsenbrei köchelt.

 

Ein Manöverbeobachter, der unter dem Pseudonym Seestern berichtet, vergleicht dieses Manöver mit früheren: „Signale mit der Trompete hörte man fast gar nicht mehr. Nur das belebende Angriffssignal schmetterte beim Vorgehen der Schützenlinien zum Sturmangriff auf das Manöverfeld hin.

 

Alle anderen Signale auf dem Marsche wurden mit der Mundpfeife gegeben. Es ist überhaupt im Allgemeinen stiller geworden. Es wird nicht mehr so viel gebrüllt und nicht so viel trompetet.“

 

Augenblitze im Matsch

 

Es regnet. Die Truppen biwakieren im Regen und marschieren im Regen. Die Männer legen, tropfend und bepackt wie Maulesel, 50 Kilometer und mehr am Tag zurück, durch unergründlichen Matsch. Die Reporter des General-Anzeigers sind beeindruckt: „Beschmutzt waren die Leute durchweg sehr, aber rasch und elastisch war der Schritt, und aus den hellen Augen blitzten Mut und unverwüstliche Kraft.“ Das Schwitzen und Keuchen und das Fluchen über die endlose Marschiererei bleibt unbeschrieben.

 

Nichts Neues am zweiten Manövertag: Es regnet. Kaum Gefechte. Die Truppen marschieren.

 

„Fremdländische“ Militärs schauen zu

 

Dritter Manövertag an der Straße von Blaufelden nach Mergentheim: Da steht Wilhelm II., der Kaiser, deutsche Fürsten und Offiziere bei ihm, und Militärattachés aus 14 Ländern; Russen, Argentinier, Japaner, Österreicher und Türken unter ihnen. Das 1. bayerische Armeekorps marschiert vorbei. „Es folgte Bataillon auf Bataillon“, berichtet tags darauf der General-Anzeiger, „Batterie auf Batterie, bis endlich der vier Stunden dauernde Vorbeimarsch beendet war.“ Die „fremdländischen“ Militärs seien „zum Teil ganz verblüfft“ gewesen, „als sie die endlosen Glieder der von Gesundheit strotzenden Gestalten erblickten“. Die Reporter schwärmen.

 

Seestern notiert „teilweise widerwillig bewundernde Blicke der Fremden“.

 

Hurra mit Kopfbedeckung

 

Was aus Wilhelm II. herauszuholen ist, das bringt das Blatt – aus ehrfürchtiger Distanz: Da sitzt der Kaiser, dort steht er, das hat er an, das isst er, so guckt er, mit jenem spricht er. Der Kaiser ist der Mittelpunkt, der oberste Schiedsrichter des Manövers. Um ihn kreisen die Fürsten und hohen Militärs.

 

Sein Quartier liegt in Mergentheim, in der Kaserne des II. Bataillons Füsilier-Regiments Nr. 122. In den Manöverbestimmungen regelt das Generalkommando selbst das, was zu tun ist, wenn er vor „nicht in Reih und Glied stehenden Mannschaften“ erscheint. Ihre Kopfbedeckung sollen die Männer beim „Hurra“ aufbehalten und eine „ungezwungene militärische Haltung“ annehmen.

 

Als wäre es ein gigantisches Indianerspiel

 

Das Manöver zwischen Tauberbischofsheim und Krautheim läuft schlecht für die Roten. Auch am vierten Tag sind sie auf dem Rückzug, am fünften halten sie dagegen, dann verkündet die Manöverleitung, die Blauen hätten eine Allianz mit einem dritten Staat gebildet. Die Roten beugen sich.

 

Der General-Anzeiger berichtet vom Hin und Her des Manövers, als handle es sich um ein gigantisches Indianerspiel. Aber den Zweck der Übung vergisst das Blatt nicht: die Vorbereitung auf den modernen Krieg, mit Luftüberwachung aus Zeppelins und Lenkballons, telegrafischer Nachrichtenübermittlung, mit motorisierten Transporten und neuer Logistik, und mit Geschützen, die weiter treffen als jemals zuvor.

 

Kriegspoesie

 

Seestern bedauert die zahllosen Schlachtenbummler, die kommen, um zu schauen, und doch kaum ein Gefecht sehen. Er berichtet, scharfe Ferngläser seien nötig, um die weit entfernten Schützenlinien des Feindes zu erkennen, denen die Artillerie Feuer macht. Bei ihm wird der Krieg zur Poesie: „Gewaltig platzt der Knall der Haubitzen in den trüben Morgen hinein. Von Dienstadt aus sieht man durch das Zeißglas den grellroten Feuerstrahl aus den Rohren herausfahren, eine dünne, blaue Rauchwolke hüllt die Haubitze und ihre Bedienung ein, und dann schallt der Donner des Schusses herüber, in den langen Talmulden und an den Waldrändern ein krachendes Echo werfend. Dann sieht man das vordere Ende des plumpen Rohres sich senken, der Verschluss hinten wird geöffnet, ein hellgrauer Dampfballen fährt heraus und steigt, sich allmählich auflösend, schräg in die Luft.“ (Im Bild: Die Herren spaßen beim Proben fürs Schlachten.)

 

Der unversiegliche Strom

 

Die Berichterstatter, stolze Patrioten, lassen sich faszinieren von der Gewalt des Kriegerischen. Der General-Anzeiger resümiert: „Die 130 000 Mann haben ihre schwere Prüfung cum laude bestanden, mit ihnen das ganze deutsche Volk, in welches die Hälfte der wackeren Jungen in einigen Tagen zurücktritt, um aus dem unversieglichen Strom deutscher Volkskraft in wenigen Wochen neuen Ersatz zuzuführen.“

 

Am 1. August 1914 marschieren die wackeren Jungen wieder. Das Kaiserreich erklärt Russland den Krieg.

 

schreibdasauf.info

 

Generalkommando des XIV. Armeekorps: Bestimmungen für Kaisermanöver 1909. Nur für den Dienstgebrauch. 1909 erschienen im Selbstverlag.

 

Seestern: Unter der Kaiserstandarte. Erschienen 1910 in Dieterich‘sche Verlagsbuchhandlung Theodort Weicher, Leipzig.

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