Fragen und Antworten zur Stadtführung "Die kleinen Leute von Würzburg"

 

Gelegentlich tauchen während der Führung Fragen auf, die ich aus dem Stand nicht beantworten kann. Hier liefere ich die Antworten nach.

 

Die Leiden des Herrn von Blainville

 

Ich berichte von einem Herrn von Blainville, der sich 1705 der würzburgischen Gastfreundschaft unterwerfen musste.

 

Frage: Weiß man mehr von dem Herrn?

 

Antwort: J. de Blainville - wofür das J. steht, weiß ich noch nicht - war ein Hugenotte aus der Picardie in Frankreich. Nach dem Aufheben des Edikt von Nantes, das Glaubensfreiheit garantierte, musste er fliehen. Er ging nach Madrid, wo er als Gesandschaftssekretär der Generalstaaten der vereinigten Niederlande am Spanischen Hof diente.

 

Der Historiker Adolf Schwammberger schreibt de Blainville als einen mehrsprachigen Weltbürger und scharfzüngigen Spötter.

 

Blainville ist vielgereist. Seine Erlebnisse in Holland, Deutschland, der Schweiz und Italien hat er in einem Tagebuch notiert, das 1764 auf Deutsch erschienen ist. Der fränkische Teil seiner Reisebeschreibungen liegt als Buch vor, die gesamte Reise ist im Internet nachzulesen (siehe Literatur zur Führung).

 

Siechenhäuser für Leprakranke

 

Ich berichte von Leprakranken, die im 13. Jahrhundert auf dem Wöllrieder Hof isoliert wurden.

 

Frage: Wurden Leprakranke nicht auch im Ehehaltenhaus untergebracht?

 

Antwort: Im Prinzip ja.

 

Der Historiker Professor Alfred Wendehorst (gestorben 2014) berichtet in seinem Aufsatz „Stadt und Kirche“ im 1. Band der „Geschichte der Stadt Würzburg“, der Orden der Minoriten habe 1245 die pastorale Betreuung der Leprosen übernommen, beauftragt von Papst Innozent IV., "und zwar auf dem Wöllrieder Hof."

 

Im selben Band stellt der Historiker Peter Kolb den Wöllrieder Hof als „frühest nachweisbares Leprosenhaus“ vor. Titel des Aufsatzes: „Das Spital- und Gesundheitswesen“.

 

Offenbar war die Lepra im Mittelalter eine häufiger auftretende Erkrankung. Kolb berichtet von zwei urkundlichen Erwähnungen eines Siechenhaus für Leprakranke zu Beginn des 14. Jahrhunderts, einmal ohne Ortsangabe, einmal mit dem Hinweis, dass es am Main liege.

 

1321 wird ein Haus für Leprakranke in Heidingsfeld erwähnt, 1344 ein weiteres, das laut Kolb nahe der Stelle lag, an der heute das Ehehaltenhaus steht. 1349 ist von einem Siechenhaus am Fuße des Frauenbergs die Rede; es lag wohl vor dem Zeller Tor.

 

Alle Siechenhäuser lagen weit vor den Toren der Stadt, die Kranken lebten isoliert.

 

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) war die Lepra „bis auf geringe Reste“ (Kolb) aus den nördlichen europäischen Ländern verschwunden.

 

Die neuzeitliche Stadtmauer

 

Würzburg-Kupferstich von J. B. Hohmann, 1723. Bildquelle: Franz Seberich: Die Stadtbefestigung Würzburgs, II. Teil

Ich berichte über die mächtige Stadtmauer, die Würzburg bis 1880 umgeben hat (siehe auch Fotos und Pläne, Plan Würzburg um 1830).

 

Frage: Wann wurde diese Mauer gebaut?

 

Antwort: Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn gab die Befestigung der rechtsmainischen Stadt um 1652 in Auftrag, vier Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Krieges. Fertig gebaut war die Stadtmauer um 1780; letzter Bauabschnitt war das Sander Tor.

 

1869 beginnen die Würzburger mit dem Abbruch der Mauern. 1880 ist der Abbruch abgeschlossen, mit Ausnahme des Sander Tores - das ist 1898 fällig.

Abort/Abortus/Abortion

 

Ich berichte über den Diensteid der städtischen Abortfeger.

 

Frage: Haben die Wörter Abort (Toilette), Abort(us) (Fehlgeburt) und Abortion (Schwangerschaftsabbruch) etwas miteinander zu tun?

 

Antwort: Es sieht ganz so aus, aber ...

 

Dem Herkunftswörterbuch des Duden zufolge wird das Wort "Abort" seit dem 17. Jahrhundert für "Fehlgeburt" gebraucht. Noch älter ist demnach der aus dem Lateinischen stammende medizinische Fachbegriff "Abortus" ("Abgang"). Der Duden verweist zudem auf das lateinische Verb "aboriri" - "abgehen, verschwinden".

 

Im Sinne von "Toilette" wird "Abort" wird laut Duden seit dem 18. Jahrhundert gebraucht, zunächst im Sinne von "abgelegener Ort". Mir unverständlich ist dieser Hinweis: "Die Endbetonung beruht auf Vermischung mit Abort ,Fehlgeburt'."

 

Dem Wiktionary zufolge wird "abort" in einigen Sprachen im Zusammenhang mit Fehlgeburt und Schwangerschaftsabbruch gebraucht. Als Synonom für "Toilette" kommt das Wort offenbar nur im Deutschen vor.

 

Hat jemand Gewissheit über den Zusammenhang dieser Wörter? Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar oder schreiben Sie mir an post@schreibdasauf.info. Danke!

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