Leute
Die Kuzucus, Würzburger und Muslime
Yilmaz und Sema Kuzucu sind freundliche, warmherzige Würzburger: Deutsche, geboren in der Türkei, Eltern dreier Kinder zwischen 20 und acht Jahren, Muslime.
Yilmaz Kuzucu, 44, plant die Ausstattung von Zahnarztpraxen. Ein-, zweimal am Tag sucht er im Betrieb einen stillen Raum, breitet seinen Teppich aus, neigt sich gen Mekka und betet, zwei, drei Minuten lang. Das ist religiöse Pflicht, sagt er, aber keine Last. „Das motiviert mich, das tut mir innerlich gut, obwohl ich manchmal nicht leicht abschalten kann. Aber wie wichtig und wie schön und wie gesund das ist! Ich bin Gott dafür dankbar, dass er so was für den Menschen gedacht hat.“
Sema Kuzucu, Jahrgang 1965, führte neulich mit ihrer Jüngsten ein schwieriges Mutter-Tochter-Gespräch. Die Achtjährige wollte Kopftuch tragend in die Schule gehen. „Warum?“, fragte die Mutter. „Ich will es für Allah“, antwortete das Kind. „Du bist doch noch ein Kind, das geht nicht“, sagte die Mutter. „Warum?“, fragte das Kind.
Die Verhältnisse sind nicht normal
Sema Kuzucu hält Vorträge über den Islam, das Kopftuch trägt sie seit ihrem 14. Lebensjahr. Sie erklärte ihrer Tochter: „Dann denken die Leute, du musst das aus Zwang machen, dass deine Eltern dir das vorschreiben.“ Sie wollte der Kleinen Vorurteile ersparen. „Wenn die Verhältnisse normal wären“, sagt sie, „hätte ich es ihr erlauben können“.
Die Verhältnisse sind nicht normal. Nach dem 11. September 2001 bekam sie anonyme Drohbriefe: „Hündin Sema! Warum erzählst du hier Lügen? Wage es nicht, deinen Bericht über den Islam abzuhalten. Eure islamische Intoleranz ist mit nichts auf der Welt zu überbieten. Ihr seid Sadisten, Mörder, Verbrecher. Wir beten zu Gott, dass ihr euch alle selbst umbringt und auslöscht.“
Sema Kuzucu ist eine starke Frau. Sie hielt ihre Vorträge unter Polizeischutz, bis die Drohbriefe ausblieben. Aber das Gefühl von Sicherheit ist verloren. Ihre Kinder, das ist eine Konsequenz, sollen nicht mit Name und Bild in der Zeitung erscheinen.
Auf dem Tisch liegen verschiedene Ausgaben von „Stern“, „Spiegel“ und „Focus“, mit Titelgeschichten über die Rolle der Frau im Islam. „Schlimme, falsche Geschichten“, sagt sie. „Was denken die Leute, die so etwas lesen, wenn sie mir in der Stadt begegnen?“ Sie bleibt ein paar Tage zu Hause, wenn eine erschienen ist. Viele muslimische Frauen, berichtet sie, „werden so wirklich in Gettos hinein gepresst, weil sie sich nicht gezwungenermaßen auseinandersetzen möchten und sich nicht sicher fühlen“.
Eine Geschichte vom Glück
Yilmaz Kuzucu sagt, er lebe gern hier. Sema Kuzucu sagt das nicht.
Er erzählt eine Geschichte vom Glück. Er hatte im Garten eine Schaukel aufgestellt. Die Nachbarskinder entdeckten und eroberten sie sofort. „Das hat mich gefreut. Unsere Tochter sagte: ,Das ist unsere Schaukel’ – diese typisch deutsche Denkweise. Da sagte ich, die sind auch unsere Kinder! Wir sind eine Familie, auch wenn wir diese Kinder nicht kennen. Und ich habe gespürt, wie ich es gut gemacht habe, obwohl meine Tochter anders dachte.“
Er kam nach dem Abitur nach Deutschland, seine Frau schon als Kind. Beide vermissen menschliche Wärme im Land. Er sagt: „Die Leute denken nur materialistisch. Wenn du etwas leistest, hast du einen Wert. Wenn du die Leistung einmal nicht mehr bringen kannst, bist du nichts mehr wert.“
In der Türkei sei das ganz anders. Da zähle das Materielle auch. Aber die anderen, die spirituellen und schönen Dinge seien mindestens genauso wichtig. Yilmaz Kuzucu sagt, hier müsse er sich entweder anpassen oder zurückziehen. „Das gefällt mir überhaupt nicht. Ich möchte auf beiden Flügeln fliegen.“
Verlassen die Kinder die elterliche Wohnung, betreten sie eine areligiöse, die materialistische Welt. Von der Religion entfernt sie das nicht. Im Gegenteil. Für sie ist richtig, was die Familie vormacht. Wenn Welt und Weltanschauung nicht mehr übereinstimmen, haben die Eltern zu tun. Dann müssen sie, sagen sie, diskutieren und Toleranz lehren.
Integration ist eine ständige Anstrengung
Toleranz? Was würde Sema Kuzucu sagen, wenn sich ihr Sohn zum 18. Geburtstag eine Bibel wünschen würde? Sie antwortet, die Hintergründe wären ihr wichtig. „Wenn er sich das Buch vornehmen möchte, hätte ich nichts dagegen. Er kann auch dort Weisheiten für sich herausholen. Nur wenn es eine Trotzreaktion ist, ist das eine andere Sache.“ Und: „Wir haben unsere Kinder frei erzogen. Wir leben ihnen etwas vor und sie können entscheiden.“
Sie beschreibt Integration als eine ständige Anstrengung: „Entweder man muss so tun, als ob man Deutsch wäre, damit man angenommen wird, oder man muss sich andauernd behaupten und beweisen.“
Sema Kuzucu startete immer wieder Versuche, in die Türkei zurückzukehren. Aber wohin? Sie ist dort nicht aufgewachsen. Sie sagt: „Dort habe ich so nie existiert.“ Die meisten der Verwandten leben ebenfalls in Deutschland. Ihr Mann denkt nicht ans Fortgehen. Hier leben die Familien und die Freunde, „das sind unsere Wurzeln, die kann man nicht einfach ausreißen und verpflanzen“.
Das kleine Licht im dunklen Raum
Sie ahnen, dass sie eine idealisierte Vorstellung von der Türkei haben und verbieten sich Vergleiche. Sema Kuzucu denkt als Muslima, „das ist mein Schicksal, dass ich hier lebe. Dann ist man auch nicht so mit Vorurteilen behaftet, dass alle Deutschen so kalt oder dass alle so unfreundlich wären. Dann sucht man doch im dunklen Raum das kleine Licht und findet es auch und ist glücklich“.
Drei Jahre, nachdem diese Geschichte im Sonntagsmerkur erschienen war, überreichte im Juni 2008 Bayerns Sozialministerin Christa Stevens der Muslima Sema Kuzucu die Bayerische Verdienstmedaille. Kuzucu habe sich „durch ihren jahrelangen tatkräftigen Einsatz in der Integrationsarbeit große Verdienste erworben“. Ich berichtete in der Main-Post:
Sie traute dem Integrationswillen der nichtmuslimischen Gesellschaft nicht, und sie hatte Gründe. Die Stadt Würzburg etwa lud zu offiziellen Anlässen religiöse Würdenträger ein, aber keine muslimischen. Kuzucu vermisste die „Anerkennung der Muslime als Bürger Würzburgs“, und „Zeichen dafür, dass wir in der Stadt willkommen sind“. Die Enttäuschung saß tief. Sie wollte, „dass man hier Muslimen einfach als Bürgern begegnet“ und zweifelte an sich selbst; sie klagte einmal, sie könne „anscheinend nicht rüberbringen, dass wir ganz einfach normal miteinander umgehen wollen“.
Sie drängte sich nicht in die Öffentlichkeit und stand doch mittendrin, weil nur wenige Muslime den Dialog wagten. Wenn ihre Kraft aufgebraucht schien, kam Unterstützung von Leuten, von denen sie keine erwartete, wie vom evangelischen Dekan Günter Breitenbach und vom katholischen Weltanschauungsbeauftragten Alfred Singer. Der Dialog zwischen Christen und Muslimen war schwierig, aber fruchtbar, und mündete 2005 in die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für christlich-islamische Begegnung. (ACIB). Sema Kuzucu wurde ihre erste muslimische Vorsitzende.
Mitte 2007 stellten sich Erfolge ein. Das Rathaus gab dem wachsenden öffentlichen Druck nach und lud auch die Muslime zu städtischen Festakten ein. Im gleichen Jahr gründete die ACIB nach langen Verhandlungen, gefördert vom bayerischen Sozialministerium und von der Stadt Würzburg, die Kontakt- und Informationsstelle für Muslime. Für Kuzucu war das lange ersehnte Zeichen der Anerkennung der Muslime. Sie sagt, damit sei sie endgültig in Deutschland angekommen.
Ministerin Stewens pries in der Münchner Residenz die „Beharrlichkeit und Tatkraft“, mit der Sema Kuzucu einen großen, einen wichtigen Beitrag zur Integration geleistet habe“. Die Geehrte sagt: „Diese Anerkennung kassiere ich nicht für mich persönlich. Die kassiere ich für die Muslime in dieser Gesellschaft.“
© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info