Kunst & Kultur

Wild, brav, tot: das Autonome Kulturzentrum Würzburg

Februar 1982, Martin-Luther-Straße 4: Ein Haufen bunt gewürfelter junger Leute eröffnet in einer ehemaligen Autowerkstatt in der Martin-Luther-Straße 4 das Autonome Kulturzentrum Würzburg.

Es ist die Zeit der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung, Startbahn West-Gegner, Hausbesetzer. Im ganzen Land herrscht in der links-alternativen Szene Aufbruchstimmung, auch in Würzburg. Die Düsseldorfer Band Fehlfarben singt die Zeitgeist-Hymne: "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran". Woher der Glaube rührt? Schwer zu sagen. Ein halbes Jahr nach der AKW-Eröffnung ist Helmut Kohl an der Macht.

Kultur für alle!

Die MitarbeiterInnen sind bunt gewürfelt - jede Menge Ideen, aber kein Konzept. Es geht um "Kultur für alle", Emanzipation, gesellschaftliche Teilhabe, selbstbestimmtes und hierarchiefreies Arbeiten, basisdemokratische Entscheidungsstrukturen. Insgesamt geht's um nicht weniger als um alles.
Das bisschen Geld, geliehen von einer Brauerei und Privatleuten, reicht vorne und hinten nicht. Handwerkliche Fähigkeiten, Buchhaltungs- und Verwaltungskenntnisse sind rar. Ein Klub von Dilettanten hat sich ans Werk gemacht, zusammengehalten von einer diffusen Sehnsucht nach neuen Arbeits-, Lebens- und Gesellschaftsformen.

Ernüchterung und Frust

Nach einem kurzen Sommer der Anarchie kommt die Ernüchterung. Die zunächst wöchentliche, dann monatliche Besuchervollversammlung als höchstes Entscheidungsgremium des AKW funktioniert nicht. Nach einem Jahr schaffen die MitarbeiterInnen sie frustriert ab.

Die zunächst unübersichtlich große Mitarbeiterschaft schrumpft auf zwei Dutzend Leute. Sie entscheiden jetzt in ihrer alldienstäglichen Versammlung über die AKW-Geschicke. Es gibt keinen Chef; die AKWlerInnen sind ihre eigenen Arbeitgeber. Am Anfang gibt's überhaupt kein Geld, später nicht viel. Die Selbstausbeutung geht soweit, dass Einzelne nicht einmal krankenversichert sind.

Damit sich keine Hierarchie bildet, arbeiten alle auch hinter dem Tresen und putzen. 1985 entsteht die Idee, alternative Arbeitsplätze zu schaffen. Die AKWlerInnen finanzieren die Kultur übers Bierzapfen. Zuschüsse gibt's bis 1986 keine, dann sind sie lange mickrig. Trotzdem mausert sich das Haus mit seinen Konzerten und Theatervorstellungen zu einer überregionalen Bedeutung.

Das wilde Kind der Szene

Sein unkonventionelles Auftreten, das bunte Publikum und umstrittene politische Veranstaltungen verschaffen ihm den Ruf als wildes Kind der Würzburger Kulturszene. Im Kommunalwahlkampf 1990 erklärt die CSU-OB-Kandidatin Barbara Stamm: "Das AKW ist kein Kulturzentrum, sondern ein Agitationszentrum". Und der damalige CSU-Fraktionsvorsitzende Winfried Kuttenkeuler ist der Ansicht, dass "wer Kultur so einseitig versteht wie das AKW, nicht noch mit öffentlichen Steuergeldern unterstützt werden soll".

Anfang 1990 muss das Haus einem Wohnblock weichen. 885 Tage lang gibt's kein AKW. In der Auseinandersetzung mit der Stadt um neue Räume, Geld und Genehmigungen bleibt der Großteil der MitarbeiterInnen auf der Strecke. Ein fast völlig neues Team eröffnet am 3. Juli 1992 das neue Haus auf dem Patrizier-Gelände in der Frankfurter Straße.

Die Aufregung ist vorbei

"Alles ist anders", erkennt zum 20-jährigen Bestehen Peter Ludwig, Vorstandsmitglied im Trägerverein des AKW. Die knapp 60 Mitarbeiter entscheiden nicht mehr selbst über ihre Arbeit, das besorgt der Vorstand. "Der Aufbruchscharakter ist im Personal nicht mehr da", sagt er. Versuche, den "Helicopter-Führungsstil" zu beenden, seien am Desinteresse gescheitert.

Die politischen Aufregungen der 80er Jahre sind vorbei. Weil, bis auf wenige Ausnahmen, das Umfeld fehlt, ist auch das AKW unpolitisch geworden. Kontinuität gibt's trotzdem; als Konzertveranstalter hat das AKW einen Ruf über Unterfranken hinaus. Es ist Heimat für Frauen-, Schwulen- und Lesbenfeste, bietet regelmäßig Nachmittage für Kinder an und betreibt zusammen mit der Lebenshilfe die erfolgreiche "Free Zone" für behinderte Menschen. 20 Jahre nach der Gründung, hat das AKW keine existenziellen Sorgen - kein Auf und Ab wie in früheren Jahren. "Alles ist in geregelten Bahnen", sagt Ludwig, "keine aktuelle Not, keine Panik".

Schiffbruch in der Dämmerung

Februar 2009: Tief im Westen, wo Würzburgs Sonne untergeht, auf dem Bürgerbräu-Gelände, steht das AKW kurz vor seinem 27. Gründungstag auf der Kippe, zum wiederholten Mal. Die AKWler wollen nicht aufgeben, sie planen den Neuanfang.

Die Vorstandsmitglieder des AKW-Fördervereins bereiten sich auf ein Gespräch mit ihrer Bank vor: Sie brauchen einen größeren finanziellen Spielraum. Zwar versichert Joachim Brandt, der AKW-Buchhalter, alle Rechnungen, „die beglichen sein müssen, sind beglichen“. Aber das Kulturzentrum werde „zahlungsunfähig, wenn es so weitergeht“. Kaum noch Veranstaltungen, Discos ausgenommen, schlecht besuchter Kneipenbetrieb: das AKW dämmert nur noch dahin.

60 Leute stehen laut Vorstandsmitglied Johannes Burow auf der Mitarbeiterliste, alle arbeiten ehrenamtlich, aber ohne Perspektive und Orientierung. Schlimmer als die finanzielle Malaise findet Burow die inhaltliche. Das AKW weiß nicht mehr, was es ist und was es soll.

Das Erbe der Alten – Widerständigkeit, kulturelle Vielfalt, künstlerische Experimentierlust – liegt brach, ihr Verständnis vom AKW als Teil eines kulturellen und politischen Netzwerks ist verloren gegangen. Das neue AKW isolierte sich. Burow, seit knapp vier Jahren dabei, beschreibt die Konsequenz: „Wir sind schiffbrüchig in unbekanntem Terrain.“

Die Rebellion ist abgeblasen

1982 gab es in Würzburg ein linkes Spektrum mit über 50 Initiativen, Parteien und Gruppierungen. Burow, 27, vermisst in seiner Generation den rebellischen Geist, aus dem die Szene damals das AKW gebar. Viele nähmen sich heute „selbst nicht als aktives Element in der Gesellschaft wahr“, sie hätten „kein Gefühl für ihre Möglichkeiten“. Noch heute aber würden sich im AKW jene versammeln, die selbst etwas gestalten wollen, ohne in hierarchische Strukturen eingebunden zu sein.
Sie seien derzeit aber zu wenige, um zu alter Größe wiederzuerstehen.

Den AKW-Leuten, sagt Burow, sei klar, dass es so nicht weiter gehen kann. Das Kulturzentrum ist an einem Wendepunkt angekommen. Sie wollen raus aus der Isolation, ihre räumlichen und strukturellen Möglichkeiten aufzeigen und zur Nutzung einladen. Das Kulturzentrum soll, so Burow, wieder ein Ort kultureller Vielfalt, „der politischen Bildung und des sozialen Engagements“ werden. „Wir haben einen wunderschönen Ort. Eine Reihe von Leuten hat den unbedingten Wunsch, diesen Ort mit Leben zu erfüllen und die Bereitschaft, etwas zu tun.“

Das AKW entschlummert

Zwei Monate später, im April 2009, ist das AKW am Ende. Beim Amtsgericht liegt der Insolvenzantrag. Das war, sagt AKW-Sprecher Johannes Burow, "keine Überraschung mehr." Das Kulturzentrum steht laut Burow bei der Sparkasse „mit mehreren zehntausend Euro“ in der Kreide, bei der Stadt mit 20 000 und bei seinen Mitarbeitern mit 10 000. Einen weiteren Kredit habe die Bank nur gegen eine städtische Bürgschaft vergeben wollen. Die Stadt aber ging das Risiko nicht ein. Sie verwies auf einen Beschluss aus dem Jahr 2005, nachdem sie Vereinen keine Bürgschaft mehr gewährt. „Damit“, so Burow, „war das Thema vom Tisch. Das hat die innere Moral total gebrochen“.

Ausschlaggebend war der zugedrehte Geldhahn nicht. Burow analysiert: Seit dem Umzug aufs Bürgerbräu-Gelände habe es eine enorme Fluktuation in der Mitarbeiterschaft gegeben. Damit sei „eine ganze Menge Wissen verloren und Stabilität flöten gegangen“. Die Zahl der Leute, die sich „ständig und aktiv“ einsetzten, sei von über 20 auf zuletzt drei bis fünf geschrumpft. Eine „gewisse Qualität“ sei nicht mehr zu erreichen gewesen.

Etwa zwei Dutzend Mitarbeiter zählte das alte AKW in der Martin-Luther-Straße. Die meisten standen dem Haus auf dem Bürgerbräu-Gelände schon seit Jahren gleichgültig gegenüber. Was ihnen wichtig war, eine Gegenkultur mit neuen künstlerischen und politischen Formen und Inhalten, spielte im neuen AKW bald keine Rolle mehr.

Ein gefühlter Verlust

Aus dem AKW, kritisieren Altvordere, wurde ein Etablissement, das mit „kauf eins, trink zwei“ um Gäste warb. Als Veranstalter boten Jugendkulturhaus Cairo, Bechtolsheimer Hof oder Immerhin ähnliches und mehr. Würzburgs Kulturreferent Muchtar Al Ghusain, der das alte AKW in der Martin-Luther-Straße als Gast erlebte, sieht das ähnlich. Er spricht deshalb von einem „gefühlten und psychologischen Verlust“. Ein tatsächlicher Verlust fürs städtische Kulturleben sei „nicht messbar“, weil der Besuch zuletzt völlig eingebrochen war.

Interessenten für eine Nachnutzung gibt es schnell. Musiker suchen Proberäume, Kunststudenten wollen eine Kunsthalle einrichten. Die Konzepte seien interessant, sagt Al Ghusain, die Leute machten den Eindruck, „dass sie ausfüllen können, was sie sagen“. Für ihn ist wichtig, dass das Areal wieder mit Leben erfüllt wird. Und überhaupt: „Der eine Verein geht unter und einer neuer entsteht. Das ist normal. Wenn es mit neuen Ideen verknüpft ist, ist es für die Stadt gar nicht so verkehrt.“

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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