Würzburger Stadtgeschichten

Würzburger Hexenjagden

Welche Not! Im Gefängnis sitzt eine Frau und klagt: "Der Bischof lässt nit nach, bis er die ganze Statt verbrennt hab." Unter Philipp Adolph von Ehrenberg, einem Neffen Julius Echters, sitzen zwischen 1626 und 1629 viele im Gefängnis.

Der Hexenwahn geht um
Sie werden verhört, gemartert, geköpft und verbrannt – der Hexenwahn geht um. Zwei mit "Bewilligung des Bischoffs und ganzen Thumb Capittels" herausgegebene Flugschriften berichten 1630 von "über die neun hundert" Opfern der Ehrenbergschen Hexenjagd im Hochstift. Sie sterben in 42 Massenbränden.
Die Würzburger schauen mit Grausen Richtung Sanderrasen und Grein-, Galgen- und Nikolausberg. Dort, glauben sie, reiten die Hexen auf ihren Besen. Das Vieh sollen sie verhexen, damit es keine Milch mehr gibt. Besonders zwielichtig erscheinen den abergläubischen Gemütern die Hebammen. Die Renaissance-Würzburger haben zudem keinen Zweifel an der Ursache der hohen Säuglingssterblichkeit: Das könne nur Hexerei sein. Auf dem Sanderrasen lodern die Scheiterhaufen.

Todesstrafe für den Liebeszauber

Als Ehrenberg wütet, ist der Irrsinn schon Jahrhunderte alt. 1470 ertränkten die Städter die Magd eines Bürgers im Main; das arme Ding hatte einen Liebeszauber eingestanden.

Epidemische Züge nahm der Wahn unter Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (1545 bis 1617) an. Es begann schleichend, dann nahm das Grauen in Echters letzten Regierungsjahren seinen Lauf. Ein 1616 in Tübingen gedrucktes Flugblatt berichtet, Echter habe "das Hexenbrennen im Franckenlande angefangen, wolle das Ungeziffer gentzlich ausrotten und habe allbereit zu Geroltzhoffen starcke Braendt gethan". 15 bis 25 Verurteilte, so habe der Bischof befohlen, sollen allwöchentlich, immer dienstags, verbrannt werden. Am 21. Januar 1617, in Echters Todesjahr, schreibt der Würzburger Tuchscherer Jakob Röder in sein Tagebuch, "wurd uf der Canzel im Dhom verkündiget, daz in Jarszeit in disem Franckenlandt und Bistum Würzburg über 300 Hexen oder Zauberin verbrant worden".

Die Bürger mucken nicht

Die Würzburger, knapp 100 Jahre früher noch in blutigen Gefechten mit ihrem Bischof, machten keinen Muckser. Die Massaker fanden im gemeinsamen Einvernehmen statt. Röder notierte nach Echters Tod: "Got geb uns Franncken wider einen solchen Vatter und Haushalter!"

Mit Johann Gottfried von Aschhausen wurde 1617 ein erfahrener Hexenjäger Echters Nachfolger. 1618 ließ er das Münz-Haus zwischen Neumünster und Dom zu einem Gefängnis umbauen, "sambt zwo Stuben für die Unhulden oder Hexen". Aschhausen übte, wie auch Echter, zuweilen Barmherzigkeit. Dann ließ er den Delinquenten noch vor dem Brand hinrichten.

Prof. Dr. Hubert Drüppel vom Institut für deutsche und bayerische Rechtsgeschichte an der Universität Würzburg schreibt im zweiten Band der "Geschichte der Stadt Würzburg", Aschhausen habe "diesselbe Erfahrung gemacht wie alle Hexenverfolger vor und nach ihm: Die Prozesse führten nicht zur Unterdrückung, sondern scheinbar zur Verbreitung des Wahndelikts". Notzeiten bremsten Aschhausens Eifer. Umso ungezügelter schlägt sein Nachfolger Ehrenberg zu.

Kein Recht auf Verteidigung

Die "Peinliche Gerichtsordnung" Kaiser Karls V. von 1532, die "Constitutio Criminalis Carolina", beschreibt die Rechte der Angeklagten. Demnach mussten zwei bis drei gut beleumundete Bürger die Hexerei bezeugen. Die Angeklagten hatten nach der "Carolina" das Recht, sich verteidigen zu lassen. Nur die "schädliche Zauberei" stand unter Todesstrafe.

Drüppel zufolge gilt nichts davon in Würzburg. Nicht einmal die laxeren Vorschriften des Hexenhammers halten die Gerichte ein. Die Jäger machen vor nichts und niemandem Halt. Ehrenbergs Räte protokollieren 1628, bei der Hexerei dürfe "khain Respect an Reichen und Armen gehalten" werden. Jede Befragung, so Drüppel, produzierte neue Opfer.

Verdächtige Hexenjäger

Schließlich geraten die Hexenjäger selbst in Verdacht. Anna Maria Müller, Arzttochter aus Nürnberg, berichtet Bamberger Untersuchungsrichtern, "als sie noch zu Würtzburg in Verhafft gelegen, hätte sie von anderen Gefangenen den Rathschlag gehört, uff alle Examinatores auch zu bekhennen" – den Hexenjägern die Hexerei anzudichten. So werde "das Bluetbadt über denen zusammenschlagen, welche die Leuth examinierten". Am 30. August 1629, im 42. Brand, findet die letzte Massenhinrichtung statt.

Die Bilanz: Über 40 Prozent aller Verbrannten sind männlich – überall sonst liegt der Anteil der Männer nur bei 20 bis 30 Prozent. 48 Geistliche müssen als Teufelsanbeter dran glauben. Selbst Kinder werden verurteilt; von über 300 als Hexen umgebrachten kleinen Menschen ist in einem Brief die Rede, der Ehrenbergs Kanzler Dr. Johann Brandt zugerechnet wird.

Pater Gropp hat eine Meinung

Strahlendes, prächtiges Würzburger Rokoko. Künstler und Handwerker, die Besten, die Europa zu bieten hat, bauen an der Residenz. Derweil, 1748, beschäftigt sich in Güntersleben der Pater und Historiker Ignatius Gropp mit der Hexenverfolgung unter Fürstbischof Johann Gottfried von Aschhausen (1617 bis 1622). Er schreibt auf: "Gott gebe seine Gnad, daß solches Unkraut und Geschmaiß moege ausgereut werden." Gropp meint Hexen.

Die Nonne, die Hexe …

Der Wahnsinn treibt immer noch Blüten. Während der Regentschaft Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheims (1746 bis 1749) beginnt der letzte Hexenprozess in Franken. Das Opfer: die 69-jährige Subpriorin des Klosters Unterzell Maria Renata Singer von Mossau. Am 23. Mai 1749 erklärte sich die gebrechliche Greisin für schuldig, mit dem Teufel einen Pakt geschlossen und Unzucht getrieben zu haben. Sie sei auf dem Besen nach London geflogen, habe mit Hexerei Patres malträtiert und Schwestern dem Teufel zugeführt.

Ein weltliches Gericht verurteilte sie am 23. Mai 1749 zum Tode. Bevor sie im Feuer sterbe, solle ihr noch die rechte Hand abgehauen werden. Der nun regierende Fürstbischof Karl Philipp von Greiffenclau ließ Gnade walten: Erst solle die Hexe geköpft, dann ihr Leichnam ins Feuer geworfen werden. So ist es am 17. Juni 1749 geschehen.

… brennt

Die alte Dame wird zum Richtplatz getragen; sie ist zu schwach zum Laufen. Sie singt und betet und ist ganz und gar gelassen. So bußfertig geht sie in den Tod, dass man, beobachtet ein Zeuge, "hätte glauben müssen, daß die von ihr getriebene Hexerey und solch angebliche Bosheiten nicht könnten geschehen sein".

Es ist die letzte Hexenverbrennung in Franken.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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