Leben in der Stadt

Wie ich Erwin Pelzig aus meiner Küche rausgeschmissen habe

1982 hat mich der Theatermacher Wolfgang Schulz zu sich in die Rüdigerstraße gerufen, in die Theaterwerkstatt (heute: Werkstattbühne). Ob ich in „Links wo das Herz ist“ mitspielen wolle, seiner Collage aus Werken von Leonhard Frank, fragte er.

Ich wollte. Einige Monate später stand ich, rank und schlank, zwei Meter groß, auf einem Stuhl auf der Bühne und eröffnete zwei Dutzend Male das Stück mit den Worten: „Baudelaire war der Größte. Jetzt bin ich's!“

Dann ruhte meine Schauspielkarriere 15 Jahre lang. Dann rief mich mich der Theatermacher Thomas Heinemann zu sich, ins Theater am Neunerplatz im Adelgundenweg. Ob ich den Wirt in der Tragikomödie „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer spielen wolle, fragte er. Ich wollte. Über zwei Dutzend Male musste ich mich, nicht mehr ganz schlank, eher kräftig, zwei Meter hoch, von einem Restaurant-Tester, einem kleinen sadistischen Scheißer, demütigen lassen.

Dann ruhte meine Schauspielkarriere weitere zehn Jahre lang. Bis mich, im Frühjahr 2007, Thomas Heinemann wieder anrief, diesmal als Filmemacher. Ob ich seit unserer letzten Begegnung geschrumpft sei, wollte er wissen, ob ich abgenommen hätte. War ich nicht, hatte ich nicht. Ob ich bei „Vorne ist verdammt weit weg“, Frank-Markus Barwassers erstem „Erwin Pelzig“-Film, den Koch spielen wolle.

Freilich wollte ich. Meine Schauspielkarriere war, 25 Jahre nach ihrem Beginn, auf ihrem vorläufigen Höhepunkt angekommen. Eine Sprechrolle – sieben Wörter, acht Silben – im Pelzig-Film. Ich, inzwischen sehr kräftig, zwei Meter groß, schmeiße den Winzling Pelzig aus der Küche raus.
Zwei Drehtage lang war ich Kinofilmschauspieler; es war aufregend. Am ersten Tag musste ich um 18.15 Uhr am Drehort – „Set“, sagen wir Filmleute – sein. Alle waren sehr freundlich, grüßten mit „Guten Morgen“ oder „Moin Moin“, verhielten sich sonst aber ganz normal. Erstaunlich, wie viele Leute an einer Szene mitarbeiten, selbst wenn sie ganz unspektakulär ist. Kurz vor 22 Uhr war ich fertig: Ich war mit Pelzig zusammengerumpelt und hatte meinen Satz gesagt. (Er lautete: "Los, los, die Scheiße muss raus!", und kam nie ins Kino.)

Tags darauf musste ich um 19 Uhr da sein. Probebeginn war um 19.30 Uhr. Mittagessen – so sagen wir Filmleute, glaube ich, zu allen Mahlzeiten, die wir nach 18.30 Uhr nehmen – war gegen 20 Uhr. Danach musste ich warten; die anderen probten und drehten. Maske um 23 Uhr. Gegen Mitternacht: Mittagessen. Mein Drehbeginn: Gegen 2 Uhr. Nach einer halben Stunde war Pelzigs Rauswurf im Kasten und Heinemann, der Regisseur, rief: „Wolfgang Jung ist abgedreht!“ Die Crew klatschte und ich fühlte mich großartig.

Aber irgendwann kommt für jeden der Tag der Erkenntnis, und dann entdeckt er, was hinter den Dingen steckt. Ich zum Beispiel hatte 1982 nicht durchschaut, warum Schulz mich haben wollte. 1997, im Theater am Neunerplatz, ahnte ich schon, dass Heinemann mich nicht wollte, weil er mich für einen tollen Schauspieler hält. Heute weiß ich, dass mich die Film- und Theatermacher aus dem gleichen Grund engagierten, aus dem ihre Kollegen Marilyn Monroe nahmen. Der Maße wegen. Mein Körper ist mein Kapital.

Der Filmtross ist weitergezogen und hat mich mit Fragen zurückgelassen. Abnehmen und Zurückkehren in die Rüdigerstraße? Wie viel Kilo mehr bringen mich nach Hollywood? Ich werde das bedenken. Bei einem Mittagessen.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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