Leben in der Stadt

Wie die Stadt Würzburg Muslime und Ausländer ausgrenzte

Oberbürgermeisterin Pia Beckmann hatte im April 2007 zur Geburtstagsfeier in den Wenzelsaal geladen – die Europäische Union war 50 Jahre alt geworden. Einladungen hatten die meisten der internationalen Gesellschaften in der Stadt bekommen, Stadtratsmitglieder, Vertreter von Universität, Fachhochschule, IHK, von Christen und Juden.

Christliche und weltliche Würzburger versuchen seit Jahren die Stadtverwaltung davon zu überzeugen, auch einen Vertreter der rund 3500 Würzburger Muslime zu solchen Anlässen einzuladen – vergeblich. Dabei entspräche das, sagt der evangelische Dekan Günter Breitenbach, „dem Respekt vor der Religion und diente der Integration und dem inneren Frieden“. Josef Schuster, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, sagt, er wisse „keinen Grund, die Muslime nicht einzuladen, wenn sie einen Ansprechpartner nennen“.

Sema Kuzucu, die Sprecherin des Internationalen Islamischen Forums und der fünf muslimischen Gemeinden in Würzburg, hielte die Einladung für eine Anerkennung der Muslime als Bürger Würzburgs und für ein Zeichen, dass sie in der Stadt willkommen seien.

Wie wichtig das ist, predigte Alfred Singer, Referent für Religions- und Weltanschauungsfragen der Diözese, im Januar 2007 im Dom. „Entweder finden wir – trotz mancher Schwierigkeiten, Rückschläge und Enttäuschungen – zur Begegnung und zum Dialog, oder es wird über kurz oder lang zum Zusammenprall der Kulturen kommen.“ Aufeinander zuzugehen sei „unumgänglich“.

Die Stadt hatte auch den Ausländerbeirat nicht zu ihrer Europa-Feier eingeladen. Der Ausländerbeirat ist die demokratisch gewählte Vertretung der rund 12 000 ausländischen Würzburger. Sein Vorsitzender Antonino Pecoraro, Stadtrat der Grünen, wirbt seit Jahren dafür, „Sensibilität zu entwickeln für einen Teil der Bevölkerung, der heute ein großer Teil Würzburgs ist“. Die Stadt müsse zulassen, dass ihre ausländischen Bürger „am Gemeinwesen teilnehmen“.

Auf die Frage, warum Muslime und Ausländerbeirat erneut nicht eingeladen waren, antwortete OB Beckmann am Rande des Empfangs: „Ich bin entsetzt.“ Von ihr gebe „es eine klare und grundsätzliche Anweisung, dass die Muslime eingeladen werden“. Zuständig in der Stadtverwaltung ist der Steuerungs- und Servicebereich (STS).

Bis dorthin hat sich Beckmanns Anweisung offenbar nicht herumgesprochen. Der STS ließ noch am Freitag über Rathaus-Sprecher Christian Weiss erklären, man orientiere sich in dieser Frage an der bayerischen Staatskanzlei. Die lade auch keine Muslime ein, weil sie keinen Ansprechpartner haben. „Wir brauchen“, sagte Weiss, „eine Art Prälat, wie bei den christlichen Kirchen“.

Mein Standpunkt dazu in der Main-Post:

Die Muslime gehören dazu

Pia Beckmann sagt, sie habe ihre Verwaltung „klar und grundsätzlich“ angewiesen, zu offiziellen Anlässen einen Vertreter der 3500 muslimischen Würzburger einzuladen, vorausgesetzt auch Vertreter der Christen und Juden seien eingeladen.

Dass sie diese Selbstverständlichkeit überhaupt anweisen muss, lässt tief blicken. Was ist davon zu halten, dass die Verantwortlichen nicht von selbst drauf gekommen sind? Wer unterscheidet da zwischen wichtigen und weniger wichtigen Religionen? Und damit über die Wertigkeit der Gläubigen?

Es ist keine Frage, die jetzt erst auftaucht. Das Problem schwelt seit Jahren. Besonders scharf wurde es nach den Terroranschlägen vom 9. September 2001. Da schlug den Würzburger Muslimen so viel Ablehnung entgegen, dass sie spürten, sie müssten etwas tun. Sie suchten den Dialog und fanden Dialogbereitschaft bei hohen evangelischen und katholischen Geistlichen. Die Gespräche waren nicht einfach, aber fruchtbar. Die Muslime öffneten sich und ihre Moscheen, luden zu Veranstaltungen, stellten sich Diskussionen, auch in den Medien, gründeten mit Christen eine Arbeitsgemeinschaft für Begegnung und Zusammenarbeit, beteten mit den Gläubigen anderen Religionen für die Stadt und luden zum gemeinsamen Fastenbrechen im Ramadan ein.

Und sie blieben enttäuscht von der offensichtlichen Missachtung durch die Stadt. Sie vermissten Dialogbereitschaft und fühlten sich ausgegrenzt. Gelegentliche Hoffnungsschimmer, wie die Schirmherrschaft der OB fürs Ramadan- Zelt heuer am Vierröhrenbrunnen, verblassten schnell wieder. Jetzt erklärt die Stadtverwaltung durch ihren Sprecher: Es gebe keine Einladungen zu offiziellen Anlässen, weil die Muslime keinen Vertreter nennen. Tatsächlich hat jahrelang niemand aus dem Rathaus nachgefragt – sie hätten ihm einen genannt.

Pia Beckmann muss diesem Skandal ein Ende machen. Die Muslime gehören dazu.

Tatsächlich lädt die Stadt Würzburg seitdem Vertreter der muslimischen Gemeinden zu ihren offiziellen Anlässen ein, wie die Vertreter der Christen und der Juden.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info  Feedback-Formular