Würzburger Stadtgeschichten

Würzburg: von der Haupt- zur Provinzstadt

Ende des 18. Jahrhunderts, ein Blick ins Fürstbistum Würzburg: Es ist nicht groß, es ist nicht bedeutend, aber die Würzburger haben sich eingerichtet. Sie sind Hauptstädter, haben keinen Herrn aus ihrem Fürstbischof, und der ist ein vergleichsweise milder Absolutist. Die Residenz ist prächtig, die Hofhaltung prunkvoll – man kann sich was drauf einbilden, ein Würzburger zu sein. So lässt sich gut leben.

Aber im 700 Kilometer entfernten Paris haben die Franzosen genug vom Absolutismus. 1789: Sie machen Schluss mit dem Regime; es geht um Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. 1793 vollführen die Revolutionäre Undenkbares: Sie richten König Louis XVI. und Königin Marie Antoinette hin und tragen die Revolution nach Europa. Drei Jahre später kommt sie nach Würzburg: Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach flieht vor den anrückenden französischen Truppen. Am 24. Juli kapituliert die Stadt kampflos.

Der 78. Fürstbischof ist der letzte

Das Kriegsglück wechselt, aber am Schluss verliert der Landesherr. Fechenbach, der 78. Bischof in der Geschichte der Stadt, ist das letzte geistliche Oberhaupt, das gleichzeitig der weltliche Herrscher des Hochstifts ist. Am 3. September 1802 besetzen 2000 pfalz-bayerische Soldaten, Verbündete Napoleons, die Stadt. Weinend übergibt Fechenbach die Macht den Siegern mit General von Ysenburg an der Spitze.

Würzburg stürzt tief, von einer Hauptstadt zur Provinzstadt. Der neue Herrscher Max Joseph macht sich prompt unbeliebt. Er packt die Bürger da, wo es viele besonders schmerzt: an der Religion. Die Bayern räumen die Kirchen aus und versteigern kostbare Gerätschaften - diamantbesetzte Monstranzen, vergoldete Kelche und allerhand mehr - für teures Geld zu Gunsten des Staatssäckels. Jahrhunderte lang hatten sich die Würzburger blutige Scharmützel mit ihren Bischöfen geliefert, nun trauern ihnen viele nach. Am 11. November 1803 kursiert ein Flugblatt in der Stadt, adressiert an das "biedere, edle Frankenland", überschrieben mit "Dem großen Kirchen-Leerer":

"Nun wird es bald anders gehen/Sprach vorhin der Schurk allein,/Wenn wir nicht mehr Fürsten sehen,/Nicht mehr werden pfaffisch sein.// Blickst Du itzt auf frohe Zeiten,/O Du Schurk! Siehst Du nicht itzt/Ungeheure Dunkelheiten?/Ja Tyrannei, Verfolgung blitzt."

Andere sehen das anders. Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal, Fechenbachs Vorgänger, verweigerte die Gründung einer Lesegesellschaft; er fürchtete das Einsickern revolutionärer Ideen. 1803, unter dem Bayern-König wird eine gegründet, aus ihr wächst die "Harmonie-Gesellschaft". 1804 eröffnet die private "Churfürstlich privilegierte fränkische Nationalbühne" ihren Betrieb – die Fürstbischöfe hatten den Theaterbetrieb fürs Volk verboten. Im gleichen Jahr entsteht mit dem Akademischen Musikinstitut in Würzburg die erste Musikschule Deutschlands. Während die einen sich grämen, tanzen die anderen. Feste, Bälle, Belustigungen - das bürgerliche Leben blüht auf.

Eine neue Ära bricht an

Derweil gehen die Revolutionskriege weiter. Napoleons Truppen gewinnen 1805 die Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz. Ein Länderschacher hebt an. Ferdinand von Toskana, der Bruder des österreichischen Kaisers, ein Spross der Habsburger Dynastie, verliert Salzburg und erhält als Entschädigung Würzburg. Eine neue, kurze Ära bricht an. Würzburg wird Großherzogtum. Die Provinzstadt am Rande des Königreiches Bayern ist wieder wer. Am 1. Mai 1806 besucht Ferdinand zum ersten Mal sein neues, kleines Reich.

Der Jubel der Würzburger ist ungeheuer. Sie schmücken ihre Häuser, Musik erschallt überall und betäubt die Ohren, sie zünden Lichter an und hängen Grüße an den Herzog auf - wie das Fräulein Achtmann im Kürschnerhof:

"Dir Vater bin ich gar so gut./Ich füllte gern mit meinem Blut/Mein Lämpchen, wenn ich machen könnt'/Dass es wie eine Flamme brennt./Nimm halt vorlieb mit diesem Licht/Ich möchte so gern und kann doch nicht."

Kein Zurück mehr

1812 dezimiert der russische Winter die Grande Armee Napoleons, des Schirmherrn des Großherzogtums. Der Korse verliert – und mit ihm Ferdinand. Wieder werden Länder verschoben: Die Österreicher bekommen Tirol und Vorarlberg wieder und müssen dafür Würzburg und das Fürstentum Aschaffenburg an Bayern abtreten. Von nun an gibt es kein Zurück. Würzburg bleibt bayerisch.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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