Kunst & Kultur

Die Orestie: Theater an der Peleponnes

In meiner Seele,
ganz tief auf ihrem Grund,
sind versammelt die Eltern,
die Ureltern und die Eltern der Ureltern,
bis zu unser aller Anfang.
Mein Herz ist voll Trommelschlag,
Liebesgestammel und Kriegsgeschrei,
und ich weiß es nicht zu deuten.

Wolfgang Schulz, Würzburger Schriftsteller und Macher der Werkstattbühne

In Isthmia auf der Peleponnes, am fünften Abend der Orestie-Exkursion des Mainfranken Theaters, lässt Hermann Schneider, der Intendant, T-Shirt, Hut und Turnhose im Koffer. Er kleidet sich, der Hitze zumTrotz, in einen Anzug, und macht sich auf den Weg zu einem stillen, grünen Flecken am Ufer der Ägäis. Über dem Meer hängt eine große weiße Wolke. Der Intendant ist auf dem Weg zu einer Probe seines Ensembles.

Eineinhalb Stunden später trinkt Schneider vergnügt vom griechischen Wein. Er ist zufrieden mit der Arbeit seiner Leute. Nicht weit von ihm sitzt Wassilis, ein griechischer Busfahrer, erstaunt und verzückt, und weiß nicht, was er denken soll. Diese Leute, die gerade Szenen aus „Die Orestie“ aufgeführt haben, dass ihn Schauer packten, obwohl er kein Wort verstand, diese Leute sind die Spinner, die er seit Tagen von einer antiken Stätte zur nächsten chauffiert?

Als wären sie sternhagelvoll

Manchmal ist Wassilis wohl ein wenig besorgt gewesen. Etwa an jenem späten Nachmittag, an dem einige aus der Truppe – bestehend aus einem Dutzend Schauspieler, dazu Bühnen- und Kostümbildner, zwei Regieassistenten, Dramaturgin und drei Regisseure – wie sternhagelvoll auf seinen Bus zutorkelten. Sie waren nicht voll, sie spielten nur.

Sie sangen im Bus, in den Tavernen, zwischen den Vorträgen, zu allen Gelegenheiten, mal laut, mal schön, und lernten begierig griechische Lieder. Sie machten, meinte Herbert Wellhöfer, ein mitreisender Exkursionssponsor, „aus jeder alltäglichen Situation eine Komödie“. „Verrückte“ nannte sie der Archäologe Ulrich Sinn, der Initiator und Spiritus Rector der Reise, und es klang wie eine Liebeserklärung.

Eine Woche lang, im Juni des Jahres 2009, reisten drei Dutzend Würzburger durch die Gegenden um Athen und Korinth, auf den Spuren der 2500 Jahre alten griechischen Tragödie „Die Orestie“ – der Orestie-Trupp des Mainfranken Theaters, das Archäologenpaar Sinn, die griechische Volkskundlerin Lilly Antzaka-Weiß und die neun Finanziers der rund 30000 Euro teuren Exkursion. Die Fahrten führten von Heiligtum zu Heiligtum, wo Sinn dozierte, sekundiert von Antzaka-Weiß; sie stellte die griechische Gegenwart dagegen.

Manchmal wurde die Exkursion zur Tortur zwischen alten Steinen, unter der grellen Sonne, kein Schatten weit breit. Kaum einer, der nicht irgendwann ächzteunter der Fülle vonEindrücken und Informationen, und unter der prallen Hitze.

Mord und Totschlag – alles wie heute

Sinn entwarf das Bild einer antiken Gesellschaft, in der Herrscher Politik religiös untermauern. Hatten die Spartaner mit Herakles einen Vorzeigehelden, schufen die Athener den gewaltigen Theseus. Wollten die Herren die Identifikation mit ihrer Stadt beschleunigen, erfanden sie Heroen, die sie den Leuten als Stammväter andrehten. Und die Leute glaubten – auch den alten Griechen diente die Religion als Opium fürs Volk.

Die Götter und Heldensagen waren, so Sinn, wesentliche Teile der Inszenierung der antiken Gesellschaft. Realität und Mythen seien für die alten Griechen ein- und dasselbe gewesen. Daran, meint Schneider, der Intendant, hat sich nichts geändert. DieWirklichkeit ist für ihn eine Frage der Definition – welche Inszenierung nimmt der Mensch als Realität an? Die Mythen seien dabei immer dieselben. Weil der Dichter Aischylos in der Orestie solchen Fragen auf den Grund ging, hält Schneider das Stück für eines der bedeutendsten des abendländischen Theaters.

Die Orestie ist ein Dreiteiler, jeden Teil übernimmt ein anderer Regisseur. In der ersten Tragödie bringt die Mutter von Orestes ihrenGatten, seinen Vater, um, weil der eines ihrer Kinder den Göttern opferte. In der zweiten schlachtet Orestes, gedrängt vom Gott Apollon, seine Mutter ab. Im dritten Teil endet die Serie der Blutrache. Die Männer durchbrechen dieHerrschaft der Götter – auf Kosten der Frauen.

2500 Jahre Menschheitsgeschichte sind nichts

Die Theaterleute halten die Orestie für ein hochaktuelles Stück, wie der Archäologe auch. Das Morden und Rächen vergangener Tage sei geblieben, sagt Sinn, „wir sind, so traurig das ist, keinen Schritt weiter“. 2500 Jahre Menschheitsgeschichte seien nichts, die Fragen von damals seien heute noch aktuell. Schauspieldirektor Bernhard Stengele, der die Tragödie auf den Spielplan setzte, glaubt, an der „wahnsinnig hohen Brutalität“ und „in den Abgründen unserer Seele hat sich gar nichts geändert“. Der Mensch sei der Barbar geblieben, der er vor 2500 Jahren war.

In Isthmia auf der Peleponnes, in der Nacht des vierten Tages der Reise, liegen auf einem Rasenstück nahe dem Meer Stengele, Christian Manuel Oliveira (der Orest) und Anne Diemer (die Elektra). Sie philosophieren über die weissagenden Orakel in der Antike. Wie lassen die sich in die Gegenwart übersetzen? Stengele glaubt, es geht „um die Fähigkeit zu antizipieren, zu wissen, zu ahnen, was gleich passiert“. Für ihn ist nichts Mystisches daran, „das ist Arbeit“. Die Theaterleute diskutieren bis tief in die Nacht hinein, immer mehr gesellen sich dazu. Einer sagt: „Das Orakel sind wir selbst.“ Sie interpretieren die Weissagungen der Antike als Ratschlüsse, die derMensch in seinem Unbewussten gebiert.

Alles ist noch da

Für Oliveira, der als Orest dem Orakel vertraut, sind solche Gespräche wichtig, um das Stück zu entschlüsseln. Er will erfahren, was seine Rolle mit ihmzu tun hat. Er glaubt, die griechischen Götter „repräsentieren verschiedene Aspekte des Menschseins“ und findet darin „eine große Weisheit“. Oliveira lässt sich leiten von der Vielzahl von Eindrücken und kommt auf Ideen wie die, dass der Mensch in einem Heiligtum selbst zumHeiligtum werde. Ihn fasziniert der Gedanke, „dass alles noch hier ist: der Staub, die Knochen, die Biomasse“.

Diese Leute sind so lebenslustig wie denkfreudig. Sie spinnen scheinbar absurden Gedanken hinterher und kommen auf erstaunliche Schlüsse. Sie lassen einander gewähren.

Schneider erklärt das so: Sie seien empfindsame und verletzliche Menschen, die sich, zumindest während der Proben, in außergewöhnlichen Situationen erleben. Sie seien aufeinander angewiesen, vertrauten einander und seien darauf bedacht, niemanden zu verletzen, um selbst nicht verletzt zu werden.

Realität und Mythos werden eins

Je länger die Reise ging, desto mehr verschwammen in den Gesprächendie Grenzen zwischen Realität und Mythen – wie bei den alten Griechen. Ebenso undeutlich wurde die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit; manchmal lebten die Figuren aus der Orestie auf. Das ging weit: Anne Diemer, die die rachdurstige Elektra spielt, fühlte sich nach einem Monolog „wie ausgepumpt, schutzbedürftig“.

Trotzdem genoss sie die Reise. Sie bekomme an den historischen Plätze „einen schnelleren Zugang zur Energie“ der Elektra. Barfuß durch die Heiligtümer zu gehen, „die Zikaden zu hören, das Karge der Natur zu erleben“, das sei „alles Futter für die Entstehung der Figur“.

Der Regisseur will die Wolke

Am Ende der Exkursion bilanzierte Intendant Schneider „eine totale Erfahrung“. Die Truppe habe eine Landschaft und eine Kultur erlebt, die sich direkt nicht in Inszenierung oder Bühnenbild übersetzen lasse, sich aber „auf eine unbewusste Art ablagern wird“. Alle hätten „eine Energie oder auch ein Lebensgefühl oder auch eineAhnung nur von einer Vergangenheit bekommen“.

Die mitgereisten Finanziers waren am Ende der Reise so dankbar, dass sie dabei sein durften, dass sie auf die 30000 Euro für die Exkursion einen weiteren, unbekannten Betrag drauflegten, diesmal für die von Sinn geleitete Antikenabteilung des Martin-von-Wagner-Museums im Südflügel der Residenz.

In Isthmia auf der Peleponnes, am fünften Abend der Reise, beginnt während der Probe des Ensembles die weiße Wolke über dem Meer im Sonnenuntergang rotgolden zu glühen. Stephan Suschke, der Regisseur, ruft Stephan Prattes, den Bühnenbildner, zu sich. Genau diese Wolke, spricht Suschke, wolle er haben, für „Agamemnon“, die erste Tragödie des Dreiteilers. Prattes macht Fotos. Bis zum 26. September hat er Zeit, sie nachzubauen. Dann ist Premiere imMainfranken Theater.

Dieser Text ist erstmals erschienen im Juli 2009. 

schreibdasauf.info

Hier finden Sie eine Betrachtung der Orestie. Bei der Main-Post finden Sie Hintergrundgeschichten, Features und Fotos zur Orestie des Mainfranken Theaters, dazu ein Orestie-Glossar der Archäologin Friederike Sinn.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 

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