Stadtgeschichte
Schwarzer Filz und braune Seilschaften
Einige Male lenkte der Journalist Otto Köhler, Jahrgang 1935, ein gebürtiger Schweinfurter, die Aufmerksamkeit der Republik auf Würzburg. In den späten 1980er Jahren etwa enthüllte er in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ die, so schrieb er, „Doktorfabrik“ des umstrittenen Soziologieprofessors Lothar Bossle an der Julius-Maximilians-Universität.Einige Male lenkte der Journalist Otto Köhler, Jahrgang 1935, ein gebürtiger Schweinfurter, die Aufmerksamkeit der Republik auf Würzburg. In den späten 1980er Jahren etwa enthüllte er in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ die, so schrieb er, „Doktorfabrik“ des umstrittenen Soziologieprofessors Lothar Bossle an der Julius-Maximilians-Universität.
Mit der Reportage „Würzburg, dein Lied will ich singen“, Untertitel: „Garstiges Porträt einer schönen deutschen Stadt“, erschienen in der „Zeit“ vom 22. Februar 1963, gewann Köhler (Foto: Konkret-Verlag) den Deutschen Journalistenpreis.
Nächtliche Schüsse
Braves Würzburg! Helmuth Zimmerer von den Freien Wählern ist Oberbürgermeister und allseits anerkannt. 1956 noch gegen den massiven Widerstand der CSU ins Amt gewählt, geht er 1962 ohne Gegenkandidaten in die Wahl. Die CSU dominiert den Stadtrat, die Bürgerschaft ist sittsam, abgesehen von jenen, die mit ihrem Faible für Samba und Rumba den Zorn von Bischof Julius Döpfner weckten. Der Wiederaufbau läuft, es geht aufwärts.
Wildes Würzburg! Otto Köhler berichtet: In der Nacht des 10. Januar 1961 schlagen Kugeln in der Wohnung des Nervenarztes Elmar Herterich ein. Herterich bleibt unverletzt. Er ist bundesweit bekannt als ein Jäger von Würzburger Alt-Nazis. Der Schütze bleibt unerkannt.
Köhler stellt eine Stadt mit tief ins NS-Regime verstrickten Honoratioren vor. Er zeigt die braune Seilschaft in einem verfilzten, katholisch-schwarzen Milieu, in dem sich Kalte Krieger tummeln.
Kein Klima für Leonhard Frank
Das ist kein Klima, in dem Leute wie der Würzburger Schriftsteller Leonhard Frank wohlgelitten sind, auch nicht als Tote. Frank, gestorben 1961, der Autor der „Räuberbande“, Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes, war Nazi- und Kriegsgegner, ein Sozialist außerdem. 1962 will die SPD ihm eine Straße widmen, die CSU ist dagegen.
Köhler berichtet, wie der CSU-Fraktionsvorsitzende Karl Rücker dagegen hält: „Angesichts der Berliner Mauer können wir dem Antrag nicht zustimmen“, sagt er, denn auch die DDR hatte Frank mit einem Staatspreis geehrt. Das „Zeit“-Publikum liest, wie das FWG-Ratsmitglied Simon Blenk zürnt. „Brunnenvergiftung“ habe Leonhard Frank in der Emigration betrieben, er habe behauptet, in Würzburg seien Juden während des Dritten Reiches verfolgt worden.
Der OB und die Rasse
So führt Köhler in die Geschichte ein, garniert mit Zitaten von Heinrich von Kleist und Walther von der Vogelweide. Und mit Zitaten aus der Dissertation „Rasse, Staatsangehörigkeit, Reichsbürgerschaft“ des OB Zimmerer von 1936. Der Jurist hatte den Marxismus als „rassengebundene“ Staatsideologie beschrieben, „und zwar die einer uns völlig fremden Rasse, die sich nur aus dem Abgrasungsbrauch des asiatischen Nomadentums erklären lässt“. „Für uns“, schwadronierte er, fußten die Fundamente der Wissenschaft „vor allem im Buch des Führers ,Mein Kampf' und im Programm der NSDAP“.
Köhler nennt Würzburger beim Namen, die dem Nationalsozialismus herzlich zugewandt und in den frühen 60ern noch in Amt und Würden waren: FWG-Ratsmitglied Adalbert Wolpert, ehemals Vertrauter des NS-Gauleiters Otto Hellmuth. Verwaltungsgerichtspräsident Rudolf Schiedermair, ehemals Reichsleiter der Stelle „Gesetzgebung“ im Rassenpolitischen Amt der NSDAP-Reichsleitung. Generalstaatsanwalt Karl Kolb, ehemals Erster Staatsanwalt eines NS-Sondergerichts. Brigadegeneral und Völkerrechtler August Freiherr von der Heydte, mit einer Anzeige gegen den „Spiegel“ Initiator des „Spiegel“-Skandals, ehemals SA-Mann, der, so Köhler, „die Studentenheime nazifizierte und mit Denunziationen bei der SS drohte, wenn das SS-Blatt ,Schwarzes Korps' nicht ausgelegt wurde“. Landgerichtsdirektor Georg Eisert, ehemals Vollstreckungsleiter bei Hinrichtungen am Volksgerichtshof.
Der Journalist beobachtet und sammelt; dann führt er seine Leser hinein in den schwarz-braunen würzburgischen Sumpf – in auf besondere Weise wilde Jahre.
Schwarzer Filz im Rathaus
Eine Grundstücks-Mauschelei fliegt auf. OB Zimmerer hat dem CSU-Fraktionschef Rücker für wenig Geld ein 11 000 Quadratmeter großes städtisches Grundstück überlassen; bezahlte er so den Verzicht der CSU auf einen eigenen OB-Kandidaten? Elmar Herterich (Foto: Main-Post), ein Würzburger Nervenarzt) attackiert Würzburgs ehemalige NS-Juristen, alle großen deutschen Zeitungen und Magazine berichten darüber. Die Juristen schlagen zurück. Sie überziehen Herterich und auch seine Frau mit Prozessen. OB Zimmerer zeigt die „Nürnberger Nachrichten“ an, weil das Blatt aus seiner Doktorarbeit zitierte. Er geht juristisch gegen die Main-Post vor, weil sie den Deal mit Rücker offenbarte.
Aufregung überall.
Dann das: Im Stadtrat habe sich der SPD-Bürgermeister Philipp Fasel erhoben, berichtet Köhler, „und ein Plädoyer gehalten gegen die ,Anwälte des Unrechts', die das ,Zusammenleben in unserer Stadt auf die Dauer gesehen unerträglich machen'.“ Der Journalist weckt Hoffnung: „Endlich also unter Würzburgs maßgebenden Persönlichkeiten einer, der aufsteht, der nicht mehr mitmacht, der nein sagt?“
Ein Sozialdemokrat klagt an
Die Hoffnung trügt, Köhler klärt auf: Fasel meine Journalisten, die über die Vorgänge berichten. Er nenne das „,rücksichtslose Ausnutzung der Pressefreiheit', vermisst ,christliche Nächstenliebe' und ist ,voller Abscheu'. Und er ist gegen die ,Sucht, immer wieder und aufs neue in der Vergangenheit unseres Volkes zu wühlen'. Und er ist dafür, dass dieser Sucht ,endlich einmal ein Riegel vorgeschoben werden muss'.“
Im Februar 1963 zieht Köhler die Bilanz der Kämpfe im wilden Würzburg: CSU-Mann Rücker musste zurückgetreten, behielt aber das Grundstück. Verwaltungsgerichtspräsident Schiedermair wurde vom Amt suspendiert, ebenso Generalstaatsanwalt Kolb. Oberbürgermeister Zimmerer überstand seine Skandale. (Erst bei der OB-Wahl 1968 wählten die Würzburger den SPD-Mann Klaus Zeitler an seiner Stelle.) Ein Sozialdemokrat verließ aus Protest gegen den Genossen Fasel die Partei. Herterich flüchtete vor Prozessen erst nach England, dann ließ er sich in Schweden nieder.
schreibdasauf.info
Man könnte meinen, Würzburg sei ein besonders braunes Nest gewesen. Das war die Stadt nicht. Es war viel schlimmer. Würzburg war eine deutsche Stadt wie alle anderen.
Eine Einordnung:
Eine deutsche Stadt wie alle anderen
Im Februar 1963, als die „Zeit“ Otto Köhlers garstiges Würzburg-Porträt druckte, saßen (Ex-)Nazis und Mitläufer an Schaltstellen in der Bundes- und den Landesregierungen, Städten und Gemeinden, Justiz und Ärzteschaft, überall. Die Täter waren integriert.Im Februar 1963, als die „Zeit“ Otto Köhlers garstiges Würzburg-Porträt druckte, saßen (Ex-)Nazis und Mitläufer an Schaltstellen in der Bundes- und den Landesregierungen, Städten und Gemeinden, Justiz und Ärzteschaft, überall. Die Täter waren integriert.
Eine Omerta, ein Gesetz des Schweigens lag über dem Land. Im Oktober 1963 fragte das Allensbach Institut die Westdeutschen, was sie von Prozessen gegen NS-Täter hielten. 54 Prozent lehnten sie ab. 18 Jahre nach Kriegsende plädierte die Mehrheit für einen „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit.
Ein Sturm braut sich zusammen
Auf der anderen Seite braute sich der Sturm zusammen, der in den späten 60ern die Republik durcheinander wirbeln sollte. Die Jungen wollten wissen, was ihre Väter, die Autoritäten, im Krieg getrieben haben. In den Auschwitz-Prozessen, den ersten eröffnete das Frankfurter Landgericht im Dezember 1963, brachten Ankläger und Opfer die ungeheuren, beispiellosen Verbrechen ans Licht.
Der Würzburger Nervenarzt Elmar Herterich war nicht von Anfang an ein Nazi-Jäger. Er hatte sich über einen Richter erbost, von dem er meinte, er habe ihm in einer privaten Angelegenheit unrecht getan. Herterich forschte in der Vergangenheit des Mannes und wurde fündig. Damit begann seine verbissene Jagd auf ehemalige NS-Juristen in Würzburg, die die nationale und internationale Presse jahrelang beschäftigte.
Keine „Stunde Null“
Im März 1964 dokumentierte Herterich seine Fehde. „Sie werden weiter marschieren“ war der Titel einer Broschüre, in der er die Nazi-Justiz am Beispiel Würzburgs darstellte. Mit seinem Zorn, mit seiner Vehemenz und Unerbittlichkeit machte er sich selbst angreifbar, er verprellte Freunde und Sympathisanten. Aber er machte sichtbar, dass es nach der Befreiung vom NS-Regime keine „Stunde Null“ gab, sondern einen fließenden personellen – und ideologischen Übergang – von der Diktatur in die Demokratie.
Otto Köhler schrieb in der Einleitung seiner „Zeit“-Geschichte, um Würzburg zu verstehen, man müsse die Würzburg-Texte von Heinrich von Kleist, Walther von der Vogelweide und Oberbürgermeister Zimmerers Dissertation über „Rasse, Staatsangehörigkeit und Reichsbürgerschaft“ gelesen haben. Das war eine krachende Polemik, auch eine Diffamierung – obwohl Köhler in seinem Text die größten Würzburger NS-Verbrecher noch nicht einmal nannte: Leute wie den berüchtigten KZ-Arzt Werner Heyde oder den SS-Obersturmbannführer Kurt Hans, der mitverantwortlich war für den Mord an 37 000 Juden beim Massaker von Babij Jar in der Ukraine.
Nicht zu vergessen: Felix Fechenbach und die anderen
Abgesehen davon, dass auch die Opfer der Nazis Würzburger waren – es gab auch die anderen, die nicht vergessen werden sollen, Leute wie
• Leonhard Frank, der Schriftsteller („Die Räuberbande“, „Die Jünger Jesu“), dessen Bücher die Nazis verbrannten, der auf seiner Flucht ins Exil nur knapp mit dem Leben davonkam;
• Felix Fechenbach, ein Schriftsteller („Der Puppenspieler“) und Journalist, den die Nazis „auf der Flucht“ erschossen;
• Karl Weller, der in der Internationalen Brigade im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfte, den Francos Schergen an die Nazis auslieferten und der im KZ saß;
• Georg Angermaier, der katholische Jurist, der für die Widerstandsbewegung „Kreisauer Kreis“ eine Verfassung für das Nachkriegsdeutschland entwarf;
• Heinrich Leier, der Volksblatt-Chefredakteur, der sich trotz Überfällen und Verboten den Nazis nicht beugte.
Tatsächlich hatten die Nationalsozialisten in Würzburg einen schlechteren Stand als in den meisten anderen deutschen Städten. Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 wählten reichsweit 43,9 Prozent die NSDAP. In Würzburg waren es nur 31,5 Prozent. Hier unterlagen die Nazis der Bayerischen Volkspartei, die 36 Prozent der Stimmen bekam.
Von Nazis verseucht – wie alles und überall
Würzburg fiel in den frühen 1960er Jahren als nazi-verseucht auf, weil der Nervenarzt Herterich ganze Arbeit leistete. Leute wie er waren rar in der Republik. Der Journalist Köhler, SDS-Vorsitzender an der Würzburger Uni in den 1950er Jahren, nahm Herterichs Vorlage auf. Ein „garstiges Porträt“ hätte er von jeder deutschen Stadt schreiben können.
© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info