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Reinhard Seitz, Zen-Bergsteiger

Reinhard Seitz war 2002, kurz vor diesem Interview, von einer Tour auf den 6500 Meter hohen Mera-Peak im Himalaya zurückgekehrt.

W. Jung: Gibt’s einen guten Grund, solche Unternehmungen zu wagen?
Reinhard Seitz: 1981 war ich zum ersten Mal in Nepal und wurde mit dieser gewaltigen Bergwelt konfrontiert. Ich hatte das Gefühl, eine neue Dimension unserer Welt zu erfahren. Die Vertikale als Weg in die Spiritualität - da begann mein Interesse an den Bergen.

Sie waren jetzt zum 17. Mal im Himalaya. Womit lockt Sie das Dach der Welt?
Seitz: Am Anfang war es das Fremdartige: in eine Gegend zu kommen, die ich noch nie gesehen hatte, von der ich nur Bilder kannte und Geschichten von Aussteigern, die dort gelebt haben. Und die verschwommene Vorstellung vom Buddhismus. Jetzt sind es neben den Bergen auch freundschaftliche Beziehungen zu den Menschen – jetzt ist es meine zweite Heimat.

Sie haben auf dem Aufstieg ihrer jüngsten Tour insgesamt 15 000 Höhenmeter überwunden, sind in fünf Stunden bei stockdunkler Nacht vom Höhenlager zum Gipfel hochgestiegen und sind dann auf einem 45 Grad steilen vereisten Hang auf Skiern ins Tal gefahren. Ist das nicht ein bisschen arg gefährlich?
Seitz: Gefahr ist ein relativer Begriff. Aber natürlich gibt es auf jeder Tour Momente, in denen man Angst hat ...

Was ist so reizvoll daran, die Hosen voll zu haben und trotzdem loszugehen?
Seitz: Das Erfahren der eigenen Grenzen und intensivstes Erleben.

Ein endloser Adrenalin-Ausstoß?
Seitz: Nicht nur ein Adrenalin-Ausstoß wie beim Freiklettern. Die hohen Berge im Himalaya erfordern eine sehr intensive Vorbereitung: logistisch, physisch und psychisch. Das Reizvolle ist die Beschäftigung mit einer Sache, die einen an die Grenzen bringt: Grenzen der Leistungsfähigkeit, mentale Grenzen, eigene Ängste überwinden. Diese Touren sind sehr komplex, sowohl in sportlicher als auch in philosophischer Hinsicht.

Was hat die Bergsteigerei mit Philosophie zu tun?
Seitz: Die Zeitschrift „Psychologie heute“ hat einmal das Bild eines Zen-Mönchs dem eines Freikletterers gegenübergestellt. Der eine klettert im Geist, der andere in der Wand. Sie haben ihre Berührungspunkte dort, wo es darum geht, den Augenblick zu erleben. Das ist für mich der große gemeinsame Nenner.

Muss man dazu im Himalaya sein Leben aufs Spiel setzen?
Seitz: Das Autofahren im Alltag ist gefährlicher. Aber ich bin dort gezwungen, in einer extremen Landschaft unter Extrembedingungen schwierige Situationen zu meistern. Diese intensiven Erfahrungen machen den Geist wieder empfänglich für das Wesentliche.

Ein Beispiel bitte.
Seitz: Du kannst körperlich noch so gut vorbereitet sein, du kannst am Berg noch so fit sein, stets existieren auch objektive, von uns nicht beeinflussbare Gefahren. Bei meinem Sherpafreund Kami, mit dem ich diese Touren seit Jahren mache, habe ich das Gefühl, dass er mental auf diese Dinge immer vorbereitet ist und damit ist er auch in der Lage sie instinktiv zu umgehen. In potentielle Gefahrensituationen rezitiert er Sutren oder veranstaltet im nächsten Kloster eine Puja ...

... Puja?
Seitz: Vor jeder großen Bergbesteigung wird in Nepal eine Puja, eine religiöse Zeremonie veranstaltet, um die Götter, die nach der Vorstellung der Nepali auf den Bergen leben, günstig zu stimmen.

Finden Sie so eine Feier nur interessant oder versenken Sie sich da rein?
Seitz: Vom tiefen Sinn, der in dieser Feierlichkeit steckt, bin ich überzeugt. Ich bin allerdings kein Anhänger des Lamaismus. Ich halte das für eine liturgische Form, wie es sie auch im Katholizismus gibt, und die mich nicht sonderlich berührt. Die Essenz für mich ist: sich in einer Natur zu bewegen, die so extrem und so gewaltig ist, dass du an das Göttliche in ihr glauben musst, weil du ihm ausgeliefert bist. Und diesen tiefen Glauben der Sherpas kann ich nachvollziehen. Trivial ausgedrückt: Der Erfolg meiner Unternehmung hängt ab einem gewissen Punkt auch davon ab, dass der da oben mitspielt. Und dafür muss ich auch was tun.

So eine Tour ist alleine nicht zu schaffen.
Seitz: Zu schaffen vielleicht schon, aber unter ganz anderen Voraussetzungen und ohne den Spaßfaktor, der diese Reisen so wertvoll macht. Ich war mit vier Freunden aus Würzburg unterwegs - ein echtes Dreamteam: Karlheinz Lang, 62, Ski-Hochtourenführer beim Deutschen Alpenverein, Horst Kleinschroth, 55, Metzgermeister ebenfalls Führer beim DAV, Hubert Gredel, 36, Gürtlermeister und Jochen Lutz, 35, studierter Zimmermannsmeister. Begleitet wurden wir von einem Tross von 21 Trägern und Sherpas. Der Mera-Peak liegt im Hinku-Tal, einem einsamen, fast unbesiedelten Tal im Everest-Gebiet. So musste sich die Truppe komplett selbst versorgen, alles, was so eine Expedition in drei Wochen braucht, musste mitgenommen werden.

Wie war der Aufstieg zum Gipfel?
Seitz: Um 1 Uhr nachts machten wir uns fertig, tranken noch Tee und starteten um 2 Uhr bei eisigen Temperaturen und starkem Wind vom Hochlager in 5800 Meter Richtung Gipfel. Wir hatten zwar einen tollen Sternenhimmel, aber es war Neumond und deshalb stockdunkel. Karlheinz Lang hatte sich vorher das Gelände sehr genau eingeprägt und uns souverän in gleichmäßigem, der Höhe angepasstem Tempo geführt. Man hörte nur den Wind und das Knirschen unserer Skier.

Über was haben Sie während des fünfstündigen Aufstiegs gesprochen?
Seitz: Man kann sich nicht unterhalten, das ist unmöglich. Nur wenn einer ein wirkliches Problem hat, bleibt er stehen.

Ging Ihnen überhaupt etwas durch den Kopf?
Seitz: Ich übe seit 16 Jahren Zen. Da gibt es Kinhin, eine Meditation im Gehen, die habe ich übertragen. Ich gehe Schritt für Schritt und ich denke nur daran, dass ich den einen Schritt gehen muss. Es zählt nur diese Bewegung, denn es gibt in diesem Moment nichts anderes. Ich wusste genau, dass ich es schaffe, wenn ich so gehe.

Kurz nach Sonnenaufgang hatten Sie den Gipfel erreicht. Gab’s ein Fest?
Seitz: Wir haben uns gefreut, aber es war kein Aha-Erlebnis. Die körperliche Anstrengung steckte uns noch sehr in den Knochen. Wir haben Gebetsfahnen befestigt, ich habe meiner Eltern gedacht und dann sind wir auf unseren Skiern abgefahren. Im Bereich der steilen, vereisten Gletscherzunge durften wir nicht stürzen und wir wussten genau, wir stürzen nicht. Es war ein echter Genuss aus dieser Höhe mit Skiern bis fast ins Basislager abzufahren.

Jetzt sind sie wieder zu Hause bei Ihrer Familie. Reicht’s jetzt?
Seitz: Es war schön, wieder nach Hause zu kommen. Aber natürlich gibt es auch wieder neue Pläne.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


 

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