Würzburger Stadtgeschichten

Mehr Kirchtürme als Fabrikschlote

Nein, die industrielle Avantgarde war in Würzburg nicht zu Hause. Hier regierten Vetterleswirtschaft und träge Geister.

1864 beschrieb Bürgermeister Georg Zürn seine Stadt: "Würzburg ist weder eine Fabrik- noch eine Handelsstadt in der engeren und eigentlichen Bedeutung des Wortes." Die industrielle Tätigkeit habe sich "spärlich entfaltet", in der Stadt "recken sich thatsächlich weit mehr Kirchthürme als Fabrikschlote in die Luft".

Das Leben pulsierte anderswo

Ach Würzburg! Glanzvolle Metropole im Mittelalter und Schauplatz großer Reichstage, in der Renaissance eine wichtige Stimme im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, im Barock Zentrum europäischer Kunst und Architektur; immer eigenständig, meistens einflussreich. Und dann: 1814 bayerisch geworden und zur nördlichen Provinz verkommen. Das Leben pulsierte anderswo. Im nahen Mittelfranken zum Beispiel. 1835 bauten Nürnberger und Fürther die erste Eisenbahnlinie. In die Kiliansstadt kam die Bahn erst 1854.

Der Zug der Zeit fuhr ohne Würzburg ab. Warum? Keine abbauwürdigen Bodenschätze; ein bis zu 25 Meter dicker Festungswall und wenig Platz für Gewerbeflächen; der Main, voller Sandbänke, für Gütertransporte kaum geeignet - miserable Standortfaktoren für Industrie und Gewerbe. Im 19. Jahrhundert ernährte der Weinbau fast zwei Drittel der Menschen in der Region. Ein Reisender notierte im ausgehenden 18. Jahrhundert, das Hochstift Würzburg sei zwar stärker bevölkert als andere Territorien, "allein die Bevölkerung in Weinländern bringt keinen Nationalreichtum, da sie mit einem Drittel ganz unvermögender Leute beladen sind, die mit der härtesten Handarbeit sich kaum vom Hungersterben retten können".

Leistenbrüche für den Export

Mit solchen Leuten war kaum ein Staat und schon gar keine industrielle Revolution zu machen. 1814 waren von 340 000 Einwohnern des Großherzogtums Würzburg nur 19 000 Handwerker. Die anderen ackerten in der Land- und Weinwirtschaft. 1815 ging ein Bericht über die Musterung junger Unterfranken nach München. Darin hieß es: "Die schweren Weinbergsarbeiten sind hie zu Lande der physischen Entwicklung des Volkes sehr nachtheilig, verhindern das Wachsthum und erzeugen vorzüglich viele Leisten- und andere Brüche, ein Gebrechen, das überhaupt wohl nirgends in der Ausdehnung wie in hiesiger Provinz angetroffen werden dürfte." Immerhin: Der Wein war Würzburgs Exportschlager - der einzige.

1817. Friedrich Koenig und Andreas Bauer gründen im Kloster Oberzell ihre Druckmaschinenfabrik. Das Geschäft läuft, Probleme macht die Stadt. Denn ab 1834 dürfen die bayerischen Gemeinden die Ansiedlung von Arbeitern verhindern. Würzburg, in Sorge, ein aufsässiges Proletariat könne sich etablieren, schickt sie weiter. Die Firmenbosse müssen ungelernte Bauern und Häcker einstellen. Es dauert Jahre, bis die Männer zu Facharbeitern ausgebildet sind.

Vetterleswirtschaft

Die Stadt konnte entscheiden, ob sich Handwerksgesellen selbstständig machen dürfen. Der Historiker Klaus Schönhoven berichtet: "Die Gemeindebehörden wollten es sich im Allgemeinen mit den ansässigen Handwerksmeistern nicht verderben und lehnten deshalb oft solche Gesuche ab." Stadt und Region schotteten sich gegen Einflüsse von außen ab, mit Folgen: In ganz Unterfranken ging zwischen 1814 und 1850 die Anzahl der gewerblichen Betriebe zurück, obwohl die Bevölkerungszahl um rund 20 Prozent wuchs.

Wer blieb, kämpfte. Schönhoven: "Veraltete Produktionsmethoden und die scharfe Konkurrenz außer-bayerischer oder ausländischer Hersteller verhinderten einen Wirtschaftsaufschwung."

Die erste Dampfmaschine Unterfrankens stand 1843 in Aschaffenburg, bis 1847 blieb sie die einzige. Da dampften in München schon 15, zehn in Augsburg und neun in Nürnberg. Es gab zu wenige Jobs - 6000 Unterfranken, etwa ein Promille der Bevölkerung, wanderte zwischen 1835 und 1856 aus. Den Würzburgern blieb ein bisschen Industrie, ein bisschen Gewerbe und vor allem der regionale Handel mit landwirtschaftlichen Produkten.

Ein Irrweg blieb erspart

27 Jahre lang war Dieter Schäfer Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt. Im vergangenen Jahr ist im Verlag C. H. Beck seine "Geschichte Würzburgs" erschienen. Da resümiert er, Würzburg habe sich anders als andere Städte nicht als Handelsplatz, sondern als politisches und geistlich-geistiges Zentrum entwickelt. Man kann die 1802 beginnende Säkularisierung (die Säkularisation ist die Trennung von Kirche und Staat) für den Beginn der Modernisierung Würzburgs halten. Schäfer ist der Ansicht, dieser Prozess habe erst 1868 begonnen, mit der Aufhebung der Festungseigenschaft Stadt. Der Wirtschaftsmann urteilt milde über die Wirtschaftsstadt Würzburg: "Vor hundert Jahren hatte man befürchtet, den Anschluss an das sich industrialisierende Deutschland zu verpassen. Heute erscheint das eher als ein Irrweg, der Würzburg erspart blieb. Denn was bedeutet schon eine Spanne von hundert Jahren in einer Geschichte, die mehr als ein Jahrtausend umfasst?"

Dieser Text ist erstmals 2004 erschienen.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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