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Leonhard Frank
Leonhard Frank hat, so schreibt er in seinem autobiographischen Roman "Links wo das Herz ist" drei Romane "zum Lob und Preis der Stadt Würzburg geschrieben, die in allen europäischen Sprachen erschienen sind": "Die Räuberbande", "Das Ochsenfurter Männerquartett" und "Von drei Millionen drei".
Einen Tag nach seinem Tod am 19. August 1961 schreibt die Süddeutsche Zeitung, er sei „mit dreißig Jahren wie ein Eroberer aus der Provinz in den Hauptstädten eingezogen“. Ein „Herr, ein Grandseigneur, der unmittelbar der Schöpferlaune der Natur erwuchs“, der mit seinen Romanen in die Literatur der „Brüder-Mann-Epoche einen neuen, warmen, fanfarenhaft weckenden Ton gesetzt hat“.
Sorgen vermehrend und unerwünscht
„Das Sorgen vermehrende unerwünschte vierte Kind“ ist er gewesen, berichtet er in „Links wo das Herz ist“. Er kam am 4. September 1882 zur Welt, als Sohn eines Schreinergesellen und einer Mutter, die der täglichen Armut, so Frank, „schlau, Kampf gewohnt und siegreich“ entgegen trat, „eine schöne Frau, dünn mit großen Feueraugen“. Sie „liebte ihren Mann und war ihm so himmelhoch überlegen, dass er es in seinem ganzen Leben niemals bemerkte“.
Der kleine Leonhard wächst auf und erlebt, wie sie „aus Resten, die von anderen in den Müllkübel geworfen werden, ein schmackhaftes Essen machte und aus Lumpen etwas, das kleidsam war“.
Der Seelenmörder
Die Kindheit im Mainviertel ist schön. „Die große Not, herzabdrückend und die Seele verwundend“, beginnt erst in der Schule. Einen Lehrer muss er erleiden, der seine überwältigende Autorität dazu nutzt, „die Persönlichkeit des Schülers auszurotten“, der einen „gründlichen Seelenmord“ begeht. 1929 erscheint im Leipziger Insel-Verlag „Die Ursache“, in der Frank seine Schulerlebnisse aufarbeitet – „eines der unheimlichsten Bücher der deutschen Literatur“ nennt es der Publizist und Kritiker Willy Haas.
Und trotzdem: Der Mensch ist gut ...
In der großen Welt wird der in den engen Gassen Aufgewachsene ein hoch geachteter Autor. Nach „acht Hungerjahren“, so berichtet er, schreibt er in Berlin „Die Räuberbande“, die 1914 erscheint und seinen künstlerischen Durchbruch bedeutet. 1915 emigriert der glühende Pazifist nach Zürich, wo seine aufrüttelnden und 1920 mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Anti-Kriegs-Novellen in dem Band „Der Mensch ist gut“ erscheinen. 1918 kehrt er wieder zurück. 1933 emigriert er wieder. Er wird ausgebürgert, seine Werke verbrannt. Frank findet Asyl in den USA und lässt sich in Hollywood nieder.
"Eine ganze Zahl Wunder waren nötig, damit ich von den Nazis nicht erschlagen wurde", schrieb Leonhard Frank am 13. August 1946 an seine Schwester Marie.
Der gebürtige Würzburger wird Drehbuchautor bei „Warner Brothers“. 1950 kehrt er nach Deutschland zurück und lebt bis zu seinem Tod in München.
Fritz Kortner, Schauspieler, Regisseur und Freund Franks, beschreibt den 70-Jährigen als einen Gentleman, „elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit“.
... aber Würzburg nimmt übel
Und Feinde. Nach dem Krieg hat er seinen vierten Würzburg-Roman geschrieben, „Die Jünger Jesu“. Es ist eine Geschichte über den Umgang mit den Nazi-Umtrieben in der Stadt und über einer Würzburger Jüdin, die sich an ihrem Peiniger rächt. Die Würzburger nehmen übel: Frank, der Vielgeehrte und –gerühmte, dem selbst das Genie Thomas Mann „wahre Hochachtung“ entgegenbringt, ist in seiner Heimatstadt unwillkommen.
Er hatte das konservative Würzburg mit einigen seiner Werke, seiner Weltanschauung und seiner Offenheit gegenüber der DDR gegen sich aufgebracht. Vor allem die CSU-Stadtratsfraktion wehrte sich lange gegen Ehrungen für den 1961 Gestorbenen.
Ein Handlungsreisender, dessen Ware nichts taugt?
Als er 1950, nach 17 Jahren Emigration, nach Würzburg kommt, begrüßt ihn Oberbürgermeister Franz Stadelmayer im Hotel. "Abgesehen von diesem Akt der Freundlichkeit" habe "eine besondere Stille" um ihn geherrscht, berichtet Frank. Er habe sich wie "eine Art Handlungsreisender" gefühlt, "dessen Ware nichts taugt". Die Nazis haben seine Bücher verbrannt, er wird in der Bundesrepublik kaum gelesen. Bitter stellt er fest, Hitler habe über ihn gesiegt.
Ein Silvaner für Leonhard Frank
Frank wird in Osteuropa viel gelesen und im Westen, auch in seiner Heimatstadt, weitgehend totgeschwiegen. Das ändert sich ab 1982 mit der Gründung der Leonhard-Frank-Gesellschaft, die 2002, zu Franks 120stem Geburtstag, das Weingut Bürgerspital anregte, einen Wein zu Ehren Franks abzufüllen.
Die Suche nach einem geeigneten Etikett führte zu Prof. Hermann Gerlinger. Der Würzburger, Eigentümer einer international renommierten Sammlung von Werken der expressionistischen Künstler-Gruppe "Die Brücke", knüpfte Kontakte zu einem anonymen Kunstsammler, der ein von Ernst Ludwig Kirchner gemaltes Portrait Franks besitzt. Er konnte ihn bewegen, das Bild für das Bocksbeutel-Etikett zur Verfügung zu stellen. Das Original ist für die Öffentlichkeit sonst nicht zugänglich.
Kirchner porträtierte Frank 1917 im Schweizer Exil, als der Autor an seinem pazifistischen Manifest "Der Mensch ist gut" schrieb. Beide waren erschüttert von den Bluttaten des Ersten Weltkrieges; Kirchners Arbeit zeigt Frank in einer existenziellen Krise. Gerlinger hält das Portrait für ein Meisterwerk.
Ein Akt der Wiedergutmachung
Die Aussöhnung der Stadt mit dem lange Verfemten gipfelte im Oktober 2002 in der Benennung eines Saals der Stadtbücherei nach Leonhard Frank. Würzburgs damalige Oberbürgermeisterin Pia Beckmann, ein CSU-Mitglied, erklärte dazu, für sie sei das "ein Akt der Wiedergutmachung". 120 Jahre nach Franks Geburt zeige die Stadt, dass sie zu ihrem so lange verkannten Sohn steht". Beckmann las zum Festakt einige Minuten aus „Links wo das Herz ist“, bezeichnete Frank "als Feind von ungerechter Ordnung und einseitiger Justiz", als "unideologischen Sozialisten" und "großen Würzburger Expressionisten".
Ein kämpfender deutscher Romanschriftsteller
In „Links wo das Herz ist“ wählt Frank die Figur Michael Vierkant, um sein eigenes Leben romanhaft zu schildern. Da schreibt er: „Sein Leben war das eines kämpfenden deutschen Romanschriftstellers in der geschichtlich stürmischen ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Bücher sind Bildnisse seines Inneren. Er hat sich von Jugend an um Dinge gekümmert, die ihn nichts angingen, und er ist der Meinung, dass Menschen, die das nicht tun, die Achtung vor sich selbst verlieren müssen; dass sie moralisch Selbstmord begehen.“
FOTO: Leonhard Frank im Jahr 1944 (Archiv Steidle)
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Die Leonhard-Frank-Gesellschaft veröffentlicht zahlreiche Untersuchungen zu Franks Leben und Bedeutung.
© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info