Leben in der Stadt

Krach in den Kirchen: für und wider den Dialog mit Muslimen

Im Dezember 2004 schrieb ich den folgenden Bericht über die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft von Christen und Muslimen in Würzburg. Die Gründe und Hintergründe sind immer noch gültig.

"Muslime sind keine Gäste"

Sema Kuzucu ist eine Würzburger Muslima. Sie sagt: „Muslime sind ein Teil der Gesellschaft, keine Gäste." Ihre Vorstellung vom Zusammenleben: "Die Religionen sind gleichgestellt und gleichberechtigt.“ So sehen das auch die evangelische und die katholische Kirche in Würzburg.

Hochrangige Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen, verschiedener muslimischer Moschee-Gemeinden in der Stadt und des Internationalen Islamischen Forums haben die Gründung einer „Arbeitsgemeinschaft für christlich-islamische Begegnung und Zusammenarbeit in Würzburg“ beschlossen. In ihrer Satzung verpflichten sie sich, „Raum für Begegnungen und Gespräche über Grenzen hinaus zu schaffen“. Sie wollen „weniger über- und mehr miteinander“ sprechen und verpflichten sich, gemeinsam Stellung zu beziehen, wo Menschenrechte verletzt werden, Medien verzerrt berichten und Religionen und Minderheiten „zum Opfer kurzsichtiger Politik werden“.

Die Christen und die Muslime in der Arbeitsgemeinschaft wollen „gemeinsam allen Arten von Diskriminierung, Fanatismus und Intoleranz entgegen treten und in Konflikten vermitteln“.

Wüste Angriffe

Da haben sie viel zu tun. Dekan Günther Breitenbach, höchster Würdenträger der Protestanten in Würzburg, berichtet von wüsten verbalen Angriffen mancher seiner Glaubensbrüder und -schwestern, weil er öffentlich an einem interreligiösen Gebet teilnahm. Pfarrer Alfred Singer, Referent der Diözese Würzburg für Weltanschauungsfragen, erlebt unter Katholiken Ähnliches. Beide Geistliche bestätigen ein hohes Maß an Irrationalität im Umgang mit Andersgläubigen in ihren Kirchen. Da gibt es Leute mit vordemokratischer Gesinnung, die Muslime hierzulande behandeln wollen wie es Christen in Ländern wie Saudi-Arabien widerfährt. Singer hält gar nichts davon: „Auge um Auge ist kein christliches Prinzip!“

Wie die Würzburger Muslime halten Singer und Breitenbach „die Rede von einer deutschen Leitkultur für missverständlich“. Einseitige Forderungen nach Integrationsbemühungen und die, so Breitenbach, „Ablehnung weitgehend noch unbekannter Formen von Religion und Frömmigkeit“ seien „für ein friedliches Zusammenleben und eine echte Integration nicht förderlich“.

In den vergangenen Jahren bemühten sich die Würzburger Muslime, Transparenz zu schaffen. Sie luden in ihre Moscheen ein (es gibt fünf Gemeinden in der Stadt) und zum gemeinsamen Essen nach Sonnenuntergang im Ramadan, dem Fastenbrechen. Ihnen sind, sagt Kuzucu, „Gespräche auf gleicher Augenhöhe wichtig, nicht, dass die eine Religion der anderen auf überhebliche Art entgegenkommt“. Die Muslima erwartet Respekt, etwa wenn sie sagt, muslimische Frauen würden von ihrer Religion nicht diskriminiert. „Die Unterdrückung der Frau ist ein allgemeines soziales Problem, kein religiöses.“

Als Unterdrückte abgestempelt

Die Frauen erlebten, dass die nicht-muslimische Gesellschaft sie „als Unterdrückte abstempelt“. Die Folge: „Muslimische Frauen verkriechen sich immer mehr und suchen eine vertraute Umgebung.“

Seit einem Jahr, berichtet Breitenbach, bereiten Christen und Muslime die Gründung ihrer Arbeitsgemeinschaft vor. In dieser Zeit wurden sie immer wieder von aktuellen Themen eingeholt, etwa von der Kopftuch-Debatte und den Selbstmordanschlägen muslimischer Terroristen. Im Gespräch miteinander stellten sie fest, dass in der Öffentlichkeit „oft auf einer Ebene verhandelt wird, die nicht gut ist, die spaltet“. Ihre Konsequenz: Sie ermutigen, von der gemeinsamen Grundlage des Grundgesetzes auszugehen „mit seinen Grundrechten, die für alle gelten“.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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