Jungs Blog
Kollege Jungbauer von der Main-Post ist bei meiner Würzburg-Führung mitgegangen und hat eine Geschichte darüber geschrieben.
Eine grausige Geschichte
Bu-bum, bu-bum – Es schlägt immer noch – bu-bum, bu-bum – das vermaledeite Aas will nicht verrecken – bu-bum, bu-bum – das Herz des alten Mannes – bu-bum, bu-bum – verborgen unter den Dielen meines Zimmers.
Ich hab den Alten mit seinem Bettzeug erstickt. Ich hab sein Grauen gespürt – bu-bum, bu-bum! – und mich vor Vergnügen gewunden, als er starb. Aber – bu-bum, bu-bum – hörst Du es nicht? – bu-bum, bu-bum – sein Herz. Wie es schlägt!
Weh mir! Ich hab wieder Edgar Allan Poe gelesen. Hab den Tag zur Nacht und die Nacht zum Albtraum gemacht. Ich weiß nicht, warum ich Poe lese. Ich muss wahnsinnig sein.
Natürlich weiß ich, warum ich Poe wiederlas. Ich las von den Dingen, die im Himmel und auf der Erde vor sich gehen, und von vielem,, was in der Hölle geschah. Wie könnte ich also wahnsinnig sein? Lesen Sie nur, wie vernünftig und ruhig ich Ihnen die ganze Geschichte erzähle. Ich war 16, 17 Jahre alt, als ich die dreibändigen „Geschichten des Grauens“ kaufte: Poes Meisterwerke, illustriert vom kongenialen Alfred Kubin. Und nun war ich elend – elend über alle Grenzen menschlichen Elends hinaus. Des Nachts fuhr ich stündlich aus Träumen voll unaussprechlichsten Grausens auf.
Erster Band, erste Nacht: Ich versuchte zu schreien, meine Lippen und meine trockene Zunge bewegten sich mit krampfhafter Anstrengung; doch kein Ton entrang sich meinen Lungen, die wie von einer Bergeslast bedrückt nach Luft schnappten und zu zerreißen drohten.
Zweiter Band, zweite Nacht, ich las weiter: Doch sträubte sich mein Geist einen grässlichen Augenblick lang, das, was ich sah, für möglich zu halten. Endlich drängte sich die Wahrheit meiner Seele mit unwiderstehlicher Gewalt auf – brannte sich mit unerhörten Zügen in meine schaudernde Vorstellung. Wer könnte aussprechen, was ich sah?
Dritter Band, dritte Nacht; ich lernte, dass das Grauen keine Grenzen hat. Ein Gefühl, für das ich keinen Namen finde, hat von meiner Seele Besitz ergriffen – eine Empfindung, die keine Analyse zulässt und zu der ich in meinem vergangenen Leben keine Parallele finde, zu deren Erkenntnis mir, wie ich fürchte, auch die Zukunft keinen Schlüssel geben wird.
Ich traute mich nicht mehr zu schlafen, aus Angst, Poe bemächtige sich meiner Träume. An soviel Barmherzigkeit, dass er mich darin rasch umbrächte, glaubte ich nicht. Ich nahm an, er mauerte mich lebendig ein ließe mich verschimmeln lassen, mitten in seinen grausigen Geschichten. Schlimmer noch: In meinen eigenen grausigen Geschichten.
Anderen, erfuhr ich, erging es ähnlich wie mir. Am 9. Oktober 1849 berichtete die New York Tribune: „Edgar Allan Poe ist tot. Er starb vorgestern in Baltimore. Die Nachricht wird viele überraschen, aber nur bei wenigen Trauer hervorrufen.“
Als Mittvierziger las ich Poes Liebesgedichte. Schaurig-schön zum Beispiel der Gesang auf seine ertrunkenen Liebe Annabel Lee:
Und noch jegliche Nacht hat mir Träume gebracht / Von der lieblichen Annabel Lee. / So ruh' ich denn bis der Morgen graut / Allnächtlich bei meinem Liebchen traut / In des schäumenden Grabes Näh' / An der See, an der brausenden See.
Bu-bum, bu-bum – Das verräterische Herz schlägt immer noch – bu-bum, bu-bum. Ich lass es schlagen.
Schönen Tag noch! Lesen Sie Poe!
Für ein menschenwürdiges Asylrecht
Von 1933 bis 1941 flüchteten rund 500 000 Deutsche vor ihren NS-begeisterten Landsleuten ins Ausland. 1986 enthüllte die Universität Istanbul eine Marmortafel zum Gedenken an jene, die in der Türkei Asyl fanden. Bundespräsident Richard von Weizsäcker war dabei: „Alle aber“, sprach er, „die damals in der Türkei Zuflucht fanden, haben die überwältigende Gastfreundschaft, die Offenheit und Hilfsbereitschaft des türkischen Volkes als großes Geschenk dankbar empfunden.“
In dieser Beziehung ist die muslimische Türkei ein schönes Vorbild für das christliche Bayern. Aber die bayerische Staatsregierung eifert dem nicht nach; sie macht Asylsuchenden das Leben sauer. Sie weist ihre Bezirksregierungen in einer „Durchführungsverordnung“ zum Asylrecht an, die Bereitschaft der Flüchtlinge „zur Rückkehr in das Heimatland zu fördern“. Als wäre die Flucht ein Urlaub, der irgendwann zu Ende gehen muss. Die Menschen, die hier ankommen, haben Entbehrungen und traumatische Erlebnisse hinter sich. Nicht von ungefähr stammt mehr als die Hälfte von ihnen aus dem Irak.
In Bayern erleben sie keine Gastfreundschaft, sondern dieses: Sie werden, einander fremd, für Jahre in Gemeinschaftsunterkünften auf engem Raum zusammengepfercht. Ihre Integration ist unerwünscht. Das Lagerleben, eine Zeit lang womöglich erträglich, auf die Dauer eine Qual, macht sie physisch und psychisch fertig. Die Missionsärztliche Klinik dokumentierte das ausführlich.
Selbst CSU-Mitglieder sprechen mittlerweile von menschenunwürdigen Zuständen. Und Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer reagiert: Sie wolle für die Bewohner der Gemeinschaftsunterkünfte „eine adäquate Wohnqualität gewährleisten“, sagt sie, es sei ihr wichtig, „auf die Bedürfnisse von Familien zu achten“. Und rüffelt unter anderem Unterfrankens Regierungspräsident Paul Beinhofer für die miserable Situation in der Gemeinschaftsunterkunft.
Was für eine Heuchelei! Die Ministerin prügelt ihre Beamten dafür, dass sie das bayerische Asylrecht so vollziehen, wie es die Staatsregierung will. Haderthauer fordert rasche Verbesserungen in den Unterkünften, als wäre damit etwas gewonnen. Die Lager würden vielleicht ansehnlicher, aber die Lage bliebe für die Flüchtlinge dieselbe.
Nötig sind keine Schönheitsreparaturen, sondern Grundsatzentscheidungen: Die Flüchtlinge brauchen klare Aussichten; ihr Aufenthaltsstatus darf nicht über Jahre hinweg unsicher bleiben. Wer eine Privatwohnung findet, soll sie beziehen dürfen. Wer Arbeit findet, soll arbeiten dürfen. Wer sich integrieren möchte, soll sich integrieren dürfen. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen zeigen, dass das geht, und sparen auch noch den kostenträchtigen Betrieb der Unterkünfte.
Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen zählt weltweit knapp 32 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen und den Folgen des Klimawandels. 2008 berichtete Tansanias Innenminister Lawrence Masha, sein Land, eines der ärmsten der Welt, beherberge rund 410 000 Flüchtlinge. Zum Vergleich: In Bayern wohnten nach Angaben des Sozialministeriums im Jahr 2009 7600 Asylsuchende. Die menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen ist möglich. Wenn Bayern will.
Antworten auf Sarrazin
Was ist von einer Religion zu halten mit Glaubenssätzen wie diesen? „Ein Weib lerne in der Stille mit aller Untertänigkeit“ (1), es solle „sittig sein, keusch, häuslich, gütig, ihren Männern untertan“ (2). Oder: „Der Mann ist des Weibes Haupt“ (3). Wie prägt eine Religion mit einem Gott eine Gesellschaft, der solche Mordaufträge vergibt? „Gehet durch die Stadt und schlaget drein; eure Augen sollen nicht schonen noch übersehen. Erwürget Alte, Jünglinge, Jungfrauen, Kinder und Weiber, alles tot“ (4).
Wehe, so etwas kommt über uns! Da muss man sich sorgen wie Thilo Sarrazin. Die zitierten Sätze stammen allerdings nicht aus dem Koran. Sie sind christlich, stammen – wie viele ähnlicher Natur – aus dem Alten und Neuen Testament (1: 1. Timotheus 2,11, 2: Titus 2,5 3: Brief des Paulus an die Epheser 5,23, 4: Hesekiel 9,5).
Von wegen islamischer Terror
Schnelle Urteile sind praktisch, sie ersparen die Mühen des Denkens. Auch Sarrazin spart sich diese Mühen. „Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt und Terrorismus so fließend“, schreibt er. Zur Erinnerung: Alle Kolonialstaaten der Neuzeit waren christlich geprägt; sie rotteten die Ureinwohner völkerweise aus; wen sie – ausgebeutet und versklavt – leben ließen, den bekehrten sie zu ihrem Gott, damit er Trost finde in seinem Schicksal. Heute stehen und kämpfen die Heere christlich geprägter Nation in islamisch geprägten Ländern – nicht umgekehrt.
Im Januar 2007 veröffentlichte die Uni Erfurt eine Untersuchung über das „Gewalt- und Konfliktbild des Islams bei ARD und ZDF“. Ergebnis: Durch die Islamische Revolution 1978/79, den Aufstieg des politischen Fundamentalismus und „massiv verstärkt durch die Attentate des 11. September 2001“ hätten viele große deutsche Medien eine Berichterstattungskultur etabliert, die die komplexe Lebensrealität von 1,2 Milliarden Muslimen „in hohem Maße mit Gewalt- und Konfliktthemen“ in Verbindung bringt.
Massaker an 8000 Muslimen
Teile der Politik und der Medien im christlich geprägten Westen machten Osama bin Laden zu einer Symbolfigur des Islam. Das ist ein so gefährlicher Unfug wie es der Versuch wäre, den christlichen serbischen General Ratko Mladić, der 1995 in Srebrenica 8000 muslimische Bosnier massakrieren ließ, zum Helden der Christenheit zu verklären.
Die Rolle der Religionen in der Welt ist komplex. Sie taugten zu allen Zeiten als Waffen im Kampf um Reichtum und Macht. Religionen sind die Werkzeuge der Scharfmacher. Und so nutzt sie auch Sarrazin.
Für den aktuellen Bericht über die „Lage der Ausländerinnen und Ausländer“ in Deutschland erfasste die Bundesregierung die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. 15,6 Millionen seien es 2008 gewesen, fast ein Fünftel der Bevölkerung. 8,3 Millionen von ihnen seien Deutsche.
Keine Parallelgesellschaften, sondern multiethnische Zentren
Sarrazin sieht muslimische Parallelgesellschaften im Land; er prophezeit ihre Ausbreitung. 2006 allerdings kam das Wissenschaftszentrum Berlin nach einer groß angelegten Untersuchung zu dem Schluss, „die verbreitete Annahme einer Rückzugs- oder Abschottungstendenz unter Migranten könne wissenschaftlich nicht belegt werden“.
Die Wissenschaftler fassten zusammen: Etwas mehr als die Hälfte der Migranten wohnten in den 81 deutschen Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern, wogegen hier nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung lebe. Jedes vierte von 1810 untersuchten Stadtvierteln habe einen Ausländeranteil von zehn Prozent. Über 20 Prozent Ausländeranteil fanden sie in 13 – weniger als einem Prozent – der Viertel. In Einwanderungshochburgen gebe es zwar Stadtviertel, in denen deutlich mehr als die Hälfte der Bewohner keinen deutschen Pass haben, „doch stammen die Menschen in solchen Quartieren meist aus vielen unterschiedlichen Ländern“, so dass von einer einheitlichen Parallelgesellschaft keine Rede sein könne. Multiethnische Zentren seien typisch für deutsche Städte.
Vergleichbare Lebensumstände bedingen vergleichbares Gewaltniveau
Die Bundesregierung untersuchte für ihren Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland Gewaltphänomene bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Resümee: „Vergleichbare Lebensumstände bedingen ein vergleichbares Gewaltniveau.“ Kriminologen kämen zu dem Schluss, „dass sich bei einem Vergleich von Gruppen mit gleichen familiären, schulischen und sozialen Rahmenbedingungen sowie übereinstimmenden Werteorientierungen keine höhere Gewaltkriminalität von ausländischen Jugendlichen mehr feststellen lässt“.
Je weniger Perspektiven ein junger Mann für sich sieht, desto gefährlicher wird er. Mit Religion und Nationalität hat das nichts zu tun. Viele junge deutsche Männer reagieren mit Gewalt auf vermeintliche Aussichtslosigkeit; das sind die Skinheads und die Neonazis.
"Gastarbeiter"-Nachfahren haben überdurchschnittlich große Probleme in der Schule
Sarrazin schreibt, muslimische Migranten hätten eine „unterdurchschnittliche Bildungsbeteiligung“. Das stimmt. Auch sie führt er auf die Religion zurück. Das stimmt nicht.
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge veröffentlichte 2008 eine Untersuchung, nach der ausländische Schüler seltener auf Realschulen oder Gymnasien gehen als deutsche, dafür aber deutlich häufiger auf Hauptschulen und auf Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Dabei gebe es zwischen den Nationalitäten deutliche Unterschiede: Polnische, russische und kroatische Schüler könnten sich im deutschen Bildungssystem vergleichsweise gut positionieren. Anders als Sarrazin behauptet, kommen nicht nur türkische – muslimische – Schüler überdurchschnittlich schlecht zurecht, sondern auch jene aus den anderen klassischen Gastarbeiter-Ländern Italien und vor allem aus Serbien und Montenegro.
Das deutsche Schulsystem war nie auf "Gastarbeiter"-Kinder eingerichtet
Diese Probleme haben sich Deutsche und Ausländer gemeinsam eingehandelt. Ab 1955 warb die Bundesrepublik Gastarbeiter an, ab 1961 auch rund 850 000 Männer und Frauen aus der Türkei, für die boomenden Fabriken im Wirtschaftswunderland. Das waren keine Arbeiten für gebildete Leute, das waren Hilfsarbeiten. Die meisten Ausländer glaubten, sie kämen für wenige Jahre. Die Mehrzahl blieb. Sie erlernten die deutsche Sprache nicht; es fehlte an Angeboten, Zeit, Kraft, Einsicht und bei vielen auch die Begabung; ausländische Hilfsarbeiter sind nicht anders als deutsche.
Das deutsche Schulsystem ist nicht eingerichtet für Kinder aus armen Familien mit Eltern ohne Bildung, nicht für deutsche und erst recht nicht für die Kinder der Ausländer, die zu Inländern wurden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung räumt ein, in kaum einem anderen Industriestaat entscheide „die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland“. Zugleich gelinge es in Deutschland im internationalen Vergleich deutlich schlechter, Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gute schulische Kompetenzen zu vermitteln.
In ihrem Armut- und Reichtumsbericht 2010 gesteht die Bundesregierung ein, auch jenseits der Schule sei „die soziale Herkunft häufig von Bedeutung für den weiteren Bildungsweg“. Sehr, sehr spät hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.
Die Kinder brauchen Perspektiven
Maria Böhmer, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, erklärte im Juli dieses Jahres die Integration zur „Schicksalsfrage für unser Land“. Mittlerweile habe jedes dritte Kind unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund. In Bildung und Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt sei die Situation vieler Migranten „nach wie vor dramatisch“. Sie bräuchten Perspektiven.
Böhmer berichtet, erste Maßnahmen würden greifen. Das Bildungsniveau der jungen Migranten habe sich von 2005 bis 2008 erhöht. Der Abstand gegenüber Jugendlichen ohne Migrationshintergrund habe sich verringert. Immer mehr jungen Migranten gelinge ein mittlerer Abschluss, die Fachoberschulreife oder das Abitur.
Böhmer wirbt für eine „nationale Bildungsoffensive“, um mehr jungen Migranten den Aufstieg zu ermöglichen. In diesem Jahrzehnt entscheide sich, ob sie „zu einer Generation der Gewinner werden“. Die Integrationsbeauftragte macht die Angelegenheit eilig, nicht zuletzt wegen der Aussicht, dass immer mehr alte Menschen von den jungen versorgt werden müssen.
Kulturen verändern sich seit jeher und stetig
Sarazzin hat recht, wenn er orakelt, dass die Migranten Deutschland verändern werden. Deutschland aber verändert sich – wie alle Nationen, Gemeinschaften und Kulturen – seit jeher und stetig. Fast schon amüsant ist da der Hinweis des Bankers, das chinesische Kaiserreich und die Römer hätten sich mit Großer Mauer und Limes vor einer ungesteuerten Zuwanderung geschützt. Beide Reiche waren – gar nicht in Sarrazins Sinn – Vielvölkerreiche, die viele Kulturen, Religionen und Einflüsse vereinten. Beide bestanden viele Jahrhunderte lang.
Die Bibel in 20 Wörtern
Ich habe versucht, mir über den Charakter, das Wesen der Bibel (Altes und Neues Testament) klarzuwerden. Dazu fragte ich auf der Internetseite www.bibel-online.de das Vorkommen von 20 Wörtern ab, von Paradies bis Hölle, von Lieben bis Hassen.
Das Ergebnis: In der Bibel kommt 344mal das Schwert vor, 274mal die Liebe. Von der Hölle ist 30mal öfter die Rede als vom Paradies. Mein Spitzenreiter, noch vor Schwert und Feuer (390mal): die Macht, mit 437 Erwähnungen.
2 x Paradies
32 x Rache
33 x Erlösen
40 x Erwürgen
44 x Erschlagen
51 x Hassen
51 x Buße
52 x Verbrennen
61 x Hölle
81 x Schlagen
97 x Töten
106 x Lieben
118 x Gewalt
147 x Barmherzigkeit
219 x Gold
245 x Gnade
274 x Liebe
344 x Schwert
390 x Feuer
437 x Macht
Womöglich liegen die Kreuzzügler, Inquisitoren, Hexenverbrenner, Frauenfeinde und Klerikalfaschisten beim Interpretieren der Bibel doch nicht so weit daneben.
Eine Filmkritik, wie sie sein soll: H. G. Wells über Fritz Langs "Metropolis"
Im Wälzer "Weimarer Republik", 1977 erschienen bei Elefanten Press, fand ich einen Auszug aus der "Weltbühne", Jahrgang 1927, S. 947ff., aufgeschrieben von Hans Siemsen, überschrieben mit: "Eine Filmkritik, wie sie sein soll". Es ging um den Film "Metropolis" von Fritz Lang, und wie der Autor H. G. Wells ("Die Zeitmaschine") damit verfuhr. Auf geht's: Siemsen schreibt:
„Kennen Sie den Film „Metropolis"? — Wenn nicht, dann sehen Sie ihn sich mal an! Sonst glauben Sie das Folgende nicht.
Kritiken über „Metropolis" haben Sie wahrscheinlich verschiedene gelesen. Verschiedene? Sie waren alle ziemlich gleich. Begeistert gepriesen haben ihn wenige. In Grund und Boden verdonnert hat ihn, soviel ich gelesen habe, keiner. — Doch! einer. Aber kein Deutscher, sondern ein Engländer. Der alte H. G. Wells. Ich zitiere ihn in der Übersetzung der „Frankfurter Zeitung". — Und nun passen Sie auf!
„Ich habe neulich", fängt er an, „den dümmsten aller Filme gesehen: Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen noch dümmeren zu machen. Er heißt „Metropolis", kommt von den großen Ufa-Ateliers in Deutschland, und dem Publikum wird bekanntgegeben, daß seine Herstellung ein enormes Geld gekostet hat. Er verabreicht in ungewöhnlicher Konzentra¬tion nahezu jede überhaupt mögliche Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt und den Fortschritt überhaupt, serviert mit einer Sauce von Sentimentalität, die in ihrer Art einzigartig ist.
Es ist ein deutscher Film, und wir haben früher ungewöhnlich gute deutsche Filme gesehen, bevor man dort begann, unter dem Schutzmantel einer protektionistischen Quote schlechte Arbeit hervorzubringen. Aber wenn er auch möglicherweise unter diesem Prozeß gelitten hat, selbst wenn man darauf jede Rücksicht nimmt, bleibt für den intelligenten Beobachter genügend Stoff zu der Überzeugung, daß der größte Teil seiner Dummheit fundamental sein muß".
Dann stellt Wells sich vor als Kenner und Verfasser utopischer Romane, dem wohl erlaubt sein dürfe, einen utopischen Film zu beurteilen — und fährt fort:
„Die Aeroplane über der Stadt zeigen keinen Fortschritt gegen die heutigen Typen, die Automobile sind von heute oder noch älter. Ich glaube nicht, daß eine einzige neuartige Idee, ein einziger Augenblick artistischer Schöpfung in dem prätentiösen Machwerk von Anfang bis zu Ende enthalten ist. Metropolis soll eine Stadt in hundert Jahren sein. Sie wird repräsentiert als außerordentlich hoch, und alles Glück ist oben in der frischen Luft, und die Arbeiter rackern sich ab in der Tiefe und in grauen Uniformen. Diese ganze vertikale Gliederung der Stadt und der sozialen Struk¬tur ist vollkommen veralteter Unsinn. Um das Jahr 1930 herum greifen diese Genies von der Ufa auf Bücher zurück, die über ein Vierteljahrhundert zurückliegen und in denen diese Dinge schon ausführlich diskutiert waren.
Das ist aber erst der kleinste Teil seiner Altbackenheit. Diese Stadt wird beherrscht von einer einzelnen dominierenden Persönlichkeit. Die englische Übersetzung nennt ihn „Mastermann", damit über seine Qualitäten kein Zweifel bestehen kann. Es sind auch ein paar andre reiche Leute da, und die Söhne dieser Leute sieht man sich herumtreiben mit einer Art minderbekleideter Damen und einer Art von Amüsement, wie etwa im Wintergarten eines unternehmenden Hotels um 1890 bei einer Orgie.
Der Rest der Bevölkerung befindet sich in einem abhängigen Zustand der der Sklaverei und arbeitet in zehnstündigen Schichten, in die mysteriöserweise die vierundzwanzig Stunden eingeteilt sind, ohne Geld, ohne Eigentum und ohne Freiheit. Die Maschinen produzieren Reichtum; wie, wird nicht gesagt. Man sieht lange Reihen gleichartiger Automobile produziert; den Arbeitern können sie nicht gehören, den Söhnen auch nicht. Vermutlich produziert Masterman sie in so endlosen Serien zu seinem Vergnügen. Niemand kann sie gebrauchen, und Masterman wird dabei natürlich immer reicher und reicher."
So viel über „Metropolis". Ich denke, es genügt. Obwohl noch viel zu sagen wäre. Über die popelige Armseligkeit, mit der die phantasielose Idee, von der Wells spricht, in diesem Film durch Regie, Architektur und Darstellung verwirklicht ist. Vier oder sechs oder, wie einige behaupten, gar acht Millionen hat er gekostet. Wo sind sie geblieben? Die „gewaltige" Zentralmaschine, das „Herz" dieser utopischen Fabrikstadt, sieht aus wie eine hundertfache Vergrößerung jener kümmerlichen Klimperkästen, mit denen einarmige Bergleute auf den Jahrmärkten betteln gehen: ein Wägelchen hin, ein Wägelchen her — und in der Mitte dreht sich ein Rad. Gewaltige Hebel müssen die Arbeiter dieser Zukunftsstadt hin und her bewegen. Sie sind so schwer zu bedienen, wie die Riesenruder römischer Galeeren. Und wie Galeerensträflinge sinken die überanstrengten Arbeiter halbtot zu Boden. Das ist die Technik in hundert Jahren? Während doch schon heute ein Riesenwerk mit Hunderttausenden von Pferdekräften durch zwei, drei Arbeiter bedient und kontrolliert wird, die keine mittelalterlichen Brunnenschwengel hin und her reißen, sondern zuweilen mal auf einen Knopf drücken. — Der unsinnigen Dummheiten sind zu viele — von der Backfisch-Albernheit der „sozailen Idee“ dieses Machwerks (das Klassenkampfproblem wird glatt erledigt, wenn der Arbeitgeber und Kapitalist ein bißchen „nett" ist) ganz zu schweigen! …
„Die Weltbühne", Jg. 1927, S. 947ff.
"Metropolis" verschlang:
1.300.000 m Positivfilm
200.000 M Kostüme
25.000 Komparsen
11.000 Komparsinnen
Soweit Siemsen im Jahr 1927.
Laut Wikipedia distanzierte sich Fritz Lang später von seinem „Metropolis“. Fritz Lang habe bekannt, "dass er die Aussage, das Herz vermittle zwischen Hand und Gehirn, inzwischen für falsch halte und den Film deshalb nicht mehr möge. Das Problem sei ein soziales und kein moralisches. Obwohl die Kernthese von Hirn, Hand und Herz von Thea von Harbou stammt, sei er zu mindestens 50 Prozent dafür verantwortlich, da er den Film ja gedreht hatte. Nur war er als damals unpolitischer Mensch zu wenig an der Handlung und stattdessen mehr an der Technik und Architektur interessiert.
Entgegnung auf Harald Martensteins Polemik zur Emke-Trauerfeier
Harald Martenstein nennt die Trauerfeier für Robert Enke ein "Todesspektakel", das zeige, so schreibt er im Tagesspiegel, „wie maßlos, wie distanzlos, wie gierig nach Emotionen und Abwechslungen aller Art wir sind“. Ich sehe das anders.
Als ich von Enkes Tod erfuhr, war ich getroffen, schockiert. Mir ist die Nachricht in die Glieder gefahren. Ich konnte mir nichts anderes denken, als dass ihn eine Depression in den Tod getrieben hat.
Während der Pressekonferenz von Enkes Frau Terese kamen mir die Tränen. Ich war ihr von ganzem Herzen dankbar dafür, dass sie über die Depression ihres Mannes sprach. Damit machte sie öffentlich, was viele Menschen quält: dass sie an einer Depression erkrankt sind, und dass sie es nicht wagen, sich zu offenbaren. Enke steht für viele, auch für mich.
Ich kann mir nicht erklären, woher Martenstein im Tagesspiegel die Gewissheit nimmt, eine Gier „nach Emotionen und Abwechslungen“ treibe das Publikum. Wenn ich von meinem Erschrecken und meiner Trauer ausgehe, glaube ich, die Leute sind tatsächlich betroffen. Zumal die Fußballfans, die ein besonders inniges, auch irrationales Verhältnis zu ihren Spielern haben.
Bezeichnend war während der Trauerfeier der große Beifall für DFB-Chef Theo Zwanziger, der Konsequenzen aus dem Geschehen forderte: Leistung nicht über alles zu stellen, auf den anderen zu achten. Ich glaube, dass die Zustimmung authentisch war. Ich fürchte aber auch, dass Zwanzigers Einsichten eine kurze Halbwertszeit haben, die Leute werden sie in den kommenden Tagen, beim Härtetest in der Praxis, wieder vergessen. Aber sie wünschen sich, dass es so wäre, wie Zwanziger sagt. Weil sie alle dadurch gewännen.
Bezeichnend auch der große Beifall für Terese Enke. Diese Frau hat mit ihrer Erklärung eine Tür geöffnet.
Martenstein hält die Gefühle des Publikums für geliehen oder gekauft. Ich meine, sie sind echt. Der Mensch und Sportler Enke, sein Suizid, der Auftritt seiner Frau, die Volkskrankheit Depression – da kommt viel zusammen, da geht es ums Eingemachte. Und die Menschen suchen Nähe, Mittrauernde, (Mit-)Leidteilende, Rituale, um damit fertig zu werden. So wie ich.