Leben in der Stadt

Warum Integration dem einen schwerfällt und dem anderen nicht

Antonino Pecoraro (Foto: Wolfgang Jung), italienischer Würzburger und Mitglied des Stadtrates (Grüne/Bündnis 90), ist seit 1996 Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt Würzburg.

WJ: Was sagt der Ausländerbeirat zum Kopftuch?

Antonino Pecoraro: Wir diskutieren, wie überall diskutiert wird. Wir stellen fest, dass das Kopftuch in den letzten Jahren, besonders seit dem 11. September, stärker getragen wird, insbesondere von jüngeren Menschen.

Können Sie nachvollziehen, wenn Bundesländer das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht verbieten?

Pecoraro: Wir haben im Beirat Leute, die das Kopftuch gewohnt sind. Sie stammen aus Ländern, in denen es getragen wird. Ich denke, sie stellen sich die Frage, warum einer Lehramtsanwärterin das in der Schule nicht erlaubt wird. Es gibt andere, die das Kopftuch nicht kennen. Wir tun uns alle schwer, ein Urteil abzugeben, weil das Kopftuch nicht nur ein Kleidungsstück, sondern auch eine Deutung ist. Jeder ist bei dieser Frage gut beraten, sich selbst damit auseinander zu setzen: Was würde mir das Kopftuch antun?

Pecoraro: Ich will dem Staat die Neutralität überlassen, die er haben muss. Wenn der Staat sich beugen muss, wenn Eltern in einer Klasse kein Kruzifix haben wollen, dann muss man dem Staat auch die Freiheit geben zu sagen, so wie ein Kruzifix möglicherweise ein Kind beeinflussen kann, so könnte möglicherweise auch ein Kopftuch ein Kind beeinflussen.

Wie ist Ihre Position?

Pecoraro: Ich habe wenig Angst vor dem Kopftuch. Auch unsere christliche Gesellschaft ist vom Kopftuch geprägt, vielleicht weniger in Mitteleuropa, aber in Südeuropa. Bis vor 30, 40 Jahren haben unsere Frauen auch Kopftücher getragen. Es war ein Symbol von Demut, von Anstand. Man ging nicht in die Kirche ohne eine Kopfbedeckung und die Röcke waren etwas länger über dem Knie. Die Zeiten haben sich geändert. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Ich denke, wenn ein Mensch religiös ist – ein Christ zumindest – dass er das dann mit oder ohne Kopftuch ist.

Seit dem 11. September 2001 beobachten Sie, dass immer mehr muslimische Frauen Kopftücher tragen. Gibt es einen verstärkten Rückzug der Muslime in ihre Gemeinden?

Pecoraro: Sowohl als auch. Es gibt einen Rückzug. Auf der anderen Seite sind viele Muslime in die Aufklärungsoffensive gegangen. Sie haben gesagt: „Ich möchte nicht, dass mein Aussehen, meine Kleidung, mit denen verwechselt wird, die Terrorakte durchführen und ich möchte nicht in einen Topf mit denen geworfen werden. Aber ich möchte deswegen meine Religion nicht widerrufen.“

Stellen Sie sich eine Skala von null bis zehn vor. Null ist null Integration, zehn ist volle Integration. Wo stehen die ausländischen Würzburger?

Pecoraro: Die Möglichkeit zu messen fehlt mir. Erst mal muss ich schauen, was sie sind und wer sie sind. Wir haben zwischen 1500 und 1800 Studierende. Sie haben den Gedanken der Integration nicht. Sie haben das Interesse, was zu lernen. Sie lernen Deutsch für ihr Studium und bewegen sich in einem Milieu, das von Akademikern und Intellektuellen geprägt ist. Die Integration ist bei ihnen ein Nebeneffekt.

Da läuft also alles reibungslos?

Pecoraro: An die komme ich gar nicht ran, die brauchen mich nicht. Aber sie bekommen natürlich was zu spüren, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Kleidung Benachteiligungen erfahren ...

Wie das?

Pecoraro: … in einer Disko, die keine Araber reinlässt, oder auf der Straße, wo sie angepöbelt werden, weil sie schwarz sind. Es gibt auch Ausländer, die erst nach dem Anwerbestopp 1973 gekommen sind. Sie sind zum Studieren gekommen und hier geblieben. Sie spüren zwar die Frage der Integration, haben sich aber von Anfang an in das Land integriert.

Aber es gibt auch sehr viele Ausländer, die seit 30, 40 Jahren hier leben und immer noch kein Wort Deutsch sprechen.

Pecoraro: Das sind die Leute, die aus der Gastarbeiter-Generation stammen, und ihre Kinder. Das ist der problematischste Aspekt in der Integrationsgeschichte. Diejenigen, die in den 50er, 60er-Jahren hier angekommen sind, sprechen immer noch kein Deutsch. Sie haben ihren Kindern ganz schlecht in ihrem schulischen Werdegang helfen können. Diese Kinder haben oft keinen Schulabschluss bekommen und nur angelernte Berufe ergriffen. Jetzt sind wir in der dritten Generation und manches wiederholt sich. Die sind am bestraftesten. Schlechte Deutsch-Kenntnisse, schlechte Ausbildung, sie machen die Arbeiten, die am schnellsten rationalisiert werden. Das sind die, die später in die Sozialhilfe rutschen.

Warum reißen sie sich nicht zusammen? Warum besuchen sie keine Deutschkurse? Warum suchen sie nicht ihre Chance? Warum läuft ihre Integration so schlecht?

Pecoraro: Bei jemandem, der schon 30 Jahre hier ist, ist nicht mehr viel zu ändern. Man muss bedenken: Emigriert sind die ärmeren Leute, die Arbeiter und Tagelöhner. Und die Ärmeren sind die, die auch weniger Bildung haben, sie sind oftmals Analphabeten. Wir können sagen, dass die, die emigriert sind, in ihrer Muttersprache nur das Notwendigste lesen können. Sie wären niemals in der Lage gewesen, ein Buch, ein Fachbuch zu verstehen. Sie haben sich nur auf praktische Dinge beschränkt. Irgendwo hingehen, eine Arbeit haben, für das Wohl ihrer Familie zu sorgen. Das waren die primären Interessen. Die Frage der Integration ist bei diesen Menschen nicht vorhanden.

Ist Integration also eine Frage des Bewusstseins?

Pecoraro: Ich glaube das, ja. Man muss verstehen, dass man, wenn man in einem Land lebt, sich durchaus diesem Land hingeben sollte. Man muss das Land verstehen. Aber die Integration, die einseitig durchgeführt wird, funktioniert nicht. Integration ist ein Prozess, der nur funktioniert, wenn er von beiden Seiten aus stattfindet. Selbst der Analphabet, selbst der Emigrant von früher kann eine Form der Integration erleben, wenn die anderen auf ihn zugehen.

Wie soll das gehen?

Pecoraro: Wenn er im Verein angenommen wird, wenn er am Stammtisch angenommen wird, wenn er sich nicht immer die dummen Witze anhören muss. Es kann nur funktionieren, wenn es von beiden Seiten offen und ehrlich gemeint ist.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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