Leben in der Stadt

Herrliches Hockerle

Was steht denn da über dem Schankfenster im Stehausschank des Bürgerspitals? Es ist Frankenwein-Werbung älteren Datums, auf Holz gemalt: „Wist den Neue mal versüch? Har, i schenk dr ei, / Ar it gut, ich mach ke kee Sprüch, unner Frankenwei“.
Schobben in der BMW-Straß’

Hier, an der Ecke Theater- und Semmelstraße, herrscht Heiner Bauer. Der Thüngersheimer Winzersohn, gut 60 Jahre alt, arbeitet seit über 30 Jahren im Stehausschank und im Weinverkauf des Bürgerspital-Weinguts. Der Mann ist ein Original und er weiß es, er spielt damit. Er erzählt von der „BMW-Straß’, wo mer hiegeht, zum Lkw-Kaufen und zum Schobbing“, was Alt-Würzburgerisch ist und die Semmelstraße meint, die früher eine Bäcker-, Metzger- und Wirtestraße war, in der man Leberkäsbrötchen erstehen und einen Schoppen Wein trinken konnte.

Vorsicht Stufe! Wir betreten einen erstaunlichen Raum, nicht viel höher als drei Meter, etwa 30 Quadratmeter im Rechteck groß. Die Decke streckt sich über der Raummitte zu einem flachen Giebel, trotz der zwei Stockwerke, die noch drüber sind. Zur Linken, aus dunklem Holz, die Fassade eines überdimensionales Wetterhäuschens: zwei Türen, auf die eine eine junge Frau, auf die andere ein junger Mann in Tracht gemalt. Hinter den Türen ist was los – die Toiletten sind dahinter verborgen, und der Wein ist süffig und bei einem Schoppen bleibt es nicht.

Sie freuen sich des Lebens

Die Würzburger sagen „Hockerle“ zum ältesten Wein-Stehausschank in der Stadt. Das liegt an den Holzbänken, die aus den Wänden herauswachsen. Ein Paar kann nebeneinander sitzen, dann ragt ein langes, schmales Tischchen aus der Wand, zum Abstellen von Schoppen und Ellbogen, dann ist wieder Platz für zwei Sitzende – so geht’s reihum, man sieht von jedem Platz aus alles. Das Holz der Möbel ist einem hellen Lindgrün gestrichen, das muss vor langer Zeit gewesen sein. In der Mitte des Ausschanks: Ein Stehtisch, Platz für zehn Leute.

Wer reden will findet allemal jemanden, der zuhört. Ein Herr stellt sich vor, ein, so sagt er, „emigrierter Preuße“. Sein Mitteilungsdrang ist enorm: „Hier trinkt man sich Weinseligkeit an, die Leute werden nicht aggressiv, das hier ist eine ganz andere Philosophie“. Er plaudert: Er finde es herrlich im Bürgerspital. „Andere geben woanders ein Schweinegeld aus, um ihr Schöppchen zu trinken, und hier kann man sogar sein Essen mitbringen“. Friedlich seien die Unterfranken, „sie freuen sich ihres Lebens und genießen“.

Schöne Menschenbilder

Vier Uhr am Nachmittag. Schöne Menschenbilder gibt es hier. Zwei alte Frauen, man sieht ihnen die viele Arbeit im Leben an: zwischen ihnen das Tischchen, auf das beide einen Ellbogen stützen, jede bedächtig den Kopf in die Hand gelegt, die Ohren nah beieinander. Sie schauen in eine unbestimmte Ferne und reden. Ein Gatte ist zum Pflegefall geworden.

Derweil „Hallo“ und strahlende Gesichter bei den Männern in den besten Jahren am Stehtisch: Ein alter Kumpan kommt hereingeweht: „Wo kommst Du denn hergetrieben?“ Man philosophiert: Ohne Zigaretten ist das Sterben besser. Der Ami will den Krieg im Irak. Zwei alte Männer fachsimpeln über Schnupftabak. Der Preuße meldet sich wieder. Er weiß was zu einem Mord, den, so glaubt er zu wissen, zwei Russland-Deutsche auf dem Heuchelhof begangen haben. „Die Russen haben halt nur dieses und wir haben auch jenes. Das ist halt die Frage: Ist man lieber tot oder weinselig?“ – Hier, wo der Weingeist weht, wird das Sein und die Welt verhandelt.

Da is nie änner dem annern an Krachn gangn

„Da draußen hat’s noch nie gebe, dass änner dem annern an’n Krachn gangn is’. Des fehlet mir no“. Heiner Bauer steht hinter der Theke. Wenn er vom Stehausschank spricht, redet er von „draußen“. Er stellt seine Kundschaft vor. Da stehe der Straßenkehrer neben dem Herrn Professor und der Herr Professor sei dann eben nicht der Herr Professor sondern der Franz. Hier gebe es keine Standesdünkel. „Da kennt fast jeder jeden. Man verzichtet auf große Formalitäten. Man unterhält sich, trinkt seinen Schoppen und geht dann wieder. So einfach ist das.“
Die Zeiten „sin annersch worn“, sagt er. Man muss nur vor die Tür schauen: Die BMW-Straße ist nicht mehr das, was sie mal war. Im Hockerle aber ist die Zeit stehen geblieben. „Man kann sagen, es hat sich quasi gar nichts geändert. Des war früher genauso“, sagt er, und meint das Inventar. Gut möglich, dass der Geist des Weines hier auch die Menschen aus ihrer Zeit befreit.

Hier ist es einfach herrlich

„Draußen“, philosophiert der Preuße und meint die Welt, „ist es erkaltet. Aber hier,“ – er wiederholt sich – „hier ist es einfach herrlich“.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


 

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