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Christen und Muslime: Und sie vertragen sich doch (wenn sie wollen)

Im März 2005 führte ich ein Gespräch mit dem katholischen Geistlichen Pfarrer Alfred Singer, damals Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Würzburg, seinem evangelischen Kollegen Günter Breitenbach, Stadtdekan in Würzburg, und mit Sema Kuzucu, einer Muslimin. Sie sind die geistigen Eltern der Arbeitsgemeinschaft für christlich-islamische Begegnung und Zusammenarbeit in Würzburg (ACIB).  

WJ: Ich trage Ihnen Dreien Sprüche aus Koran und Bibel vor, und Sie sagen mir die Quelle: Der Erste lautet: „Die Männer sind den Weibern überlegen.“

Sema Kuzucu: So soll es im Koran stehen; das ist aber keine korrekte Übersetzung. Korrekt muss es heißen: „Die Männer sind verantwortlich für die Frauen.“

Der Satz stammt aus der 4. Sure des Korans. Das nächste Zitat: „Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt.“

Alfred Singer: Das ist Paulus.

Günter Breitenbach: Genau.

Stimmt. Brief an die Korinther, Kapitel elf. Das letzte Zitat: „Die Weiber seien untertan den Männern als dem Herrn."

Singer: Das ist auch Paulus.

Auch richtig. Brief an die Epheser, fünftes Kapitel.

Singer: Es gibt noch andere Stellen. Die Frau soll in der Kirche oder der Gemeinde, je nachdem, wie man es übersetzt, schweigen und so weiter.

Kuzucu: Wenn man nach Dingen sucht, die eine bestimmte Meinung bestätigen, dann findet man sie.

Was sagt ein evangelischer Dekan zur Gleichberechtigung der Frau im Islam?

Breitenbach: Ich halte die Stellung von Frau und Mann in erster Linie für eine kulturelle Frage, nicht für eine religiöse.

Das sieht die Integrationsbeauftragte des Bundeskanzlers, Marielouise Beck, auch so. Sie spricht von „Gewohnheiten, die sich in Regeln niedergeschlagen haben“.

Breitenbach: Ich vermute, dass manche Regeln historisch ganz andere Ursachen hatten. Dass zum Beispiel kein Schweinefleisch gegessen wird, hat mit Sicherheit hygienische Gründe. Da muss man auf die Urgründe und auf die Urmotive zurückgehen.

Seit dem 11. September 2001 schlägt Muslimen viel Misstrauen entgegen. Glauben Sie einem, der sagt, er sei nicht hier, um den heiligen Krieg zu führen?

Singer: Da würde ich sogar sagen: Natürlich bist du hier, um den heiligen Krieg zu führen, im Sinne von Dschihad. Das bedeutet nicht, dass er mit einem Gewehr auf mich losgehen muss. Dschihad bedeutet das heilige Bemühen ...

Breitenbach: „Kampf des Glaubens“, heißt das bei Paulus.

Singer: ... das Kämpfen, das Streben, sich für den Glauben einsetzen.

Kuzucu: Das ist richtig. Aber die meisten Muslime sind als Gastarbeiter hergekommen und nicht um aufzuklären oder Überzeugungsarbeit zu machen. Ihr Kampf ist mehr, nicht immer wieder Vorurteilen begegnen zu müssen.

Was passiert hier mit dem Islam?

Breitenbach: Ich denke, dass durch die Diskussion in unserer Gesellschaft etwas Produktives entsteht, was den Islam vielleicht wieder auf seine Wurzeln bringt und ihm hilft, Kulturelles und Eigentliches des Glaubens zu unterscheiden.

So wie es die Christen hierzulande in Reformation, Aufklärung und Säkularisierung erlebt haben?

Breitenbach: Genau. Was haben wir nicht alles schon als christlich bezeichnet, wo wir uns heute schütteln und schämen? Diesen Prozess darf man nicht stören, indem man immer wieder auf Extremisten verweist. Ich würde mich auch schön bedanken, wenn ich identifiziert würde mit Haltungen, die irgendwann mal evangelische waren.

Nimmt der Islam durch die Begegnung mit dem Westen nicht auch Schaden? Etwa in Fragen der Familie oder der sexuellen Freizügigkeit?

Kuzucu: Da werden die Muslime als fortschrittsfeindlich dargestellt, als seien sie gegen alles, was Vergnügen macht und unterhaltsam ist. Das stimmt aber gar nicht. Diese Eltern haben wirklich Angst. Schauen Sie sich doch mal unsere Gesellschaft an. Was wird im Fernsehen alles aufgetischt? Davor haben muslimische Eltern Angst.

Bewahren die Muslime da nicht auch christliche Werte?

Breitenbach: Schon, in Richtung familiäre Werte und Treue. Ich denke, dass zum Teil auch überzogene Ängste da sind und dass sich das in ein paar Generationen angleichen kann. Aber das Anliegen, dass das Kind einigermaßen geschützt und geborgen, gegen Übergriffe bewahrt, aufwachsen kann, kann ich verstehen.

Kuzucu: Ich denke, das äußerlich freizügige Sexualleben hat im Westen den Ursprung, dass es hier früher sehr tabuisiert war. Umso heftiger waren die Enttabuisierung, die Frauenbewegung, der Feminismus und was alles dazu gehört. So was hat der Islam nicht durchgemacht, weil Sex im Islam nie etwas Verbotenes war. Lust daran zu haben, war nie abscheulich, das war gut. So hatten die Muslime ein ganz anderes Verhältnis zur Sexualität, deshalb war die Gegenbewegung gar nicht nötig.

Breitenbach: Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man bei solchen Fragen auf die dahinter liegenden Ängste zurückgehen muss, um zu sehen, wie berechtigt oder unberechtigt sie sind und auf welchen Normen sie basieren. Nur so kommen wir weiter. Und dann kommen die Rückfragen: Wie ist das denn eigentlich bei uns? Was waren da die Motive, vom Finden legitimer Freude an Sexualität bis hin zu ihrer Kommerzialisierung? Das ist ein produktiver Vorgang für beide Seiten, wenn man sich auf dieser Basis begegnet: Was ist dein Anliegen, was sind deine Sorgen, auf was können wir uns einigen? Man muss in Vorsicht und Respekt drangehen, denn da steckt Wertvolles dahinter.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 

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