Leute

Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig

Am Telefon ist ein Mensch mit Namen Pelzig, der in breitem Würzburgerisch zwei Karten für die Abendvorstellung haben will. Wann sie beginne, fragt er. 20 Uhr? Nein, 20 Uhr könne er nicht. Er habe erst ab 20.30 Uhr Zeit. Der Mann, es war in den frühen 1990ern, empört sich, was für ein elender Laden dieses Theater am Neunerplatz sei, und reibt mit seinem Gemaule zwei Leute an der Theaterkasse auf. Schließlich will er den Chef Thomas Heinemann sprechen. Heinemann übernimmt und lacht. Am Apparat ist der Würzburger Musiker und Komponist Wolfgang Salomon, der gerade in Berlin festhängt und seine schlechte Laune mit einem Telefonstreich aufbessert.

Ein maulfertiger Kleinbürger

Salomon hatte einen Typen imitiert, der begann, im Theater am Neunerplatz für Furore zu sorgen: Frank-Markus Barwasser. In „Mopaya oder Das Herz der Finsternis“ und dem Vierteiler „Kommissar Traube, bitte kommen“ spielte Barwasser einen Dialekt sprechenden Würzburger, einen maulfertigen, gewieften Kleinbürger, ausländerfeindlich und dackelartig aggressiv. Die Figur war unsympathisch, die Sprüche böse und die Lacher blieben im Halse stecken. Sein Treiben endete in „Mopaya“ damit, dass ein junger Mann ein Asylantenwohnheim anzündet.

Aber das Publikum liebte ihn. Warum? Er untermauerte scheinbar jedermanns Recht, Würzburgs geistige Enge zu beklagen. Auf eine merkwürdige, gebrochene Weise aber war diese Figur auch eine Erklärung für die Liebenswürdigkeit der Stadt; vielleicht, weil Barwasser Würzburgs Hilflosigkeit und Beschränktheit zeigte.

Mit Salomons Anruf bekam Barwassers noch namenlose Figur einen Namen: Pelzig, Vorname Erwin.
Frank-Markus Barwasser: 1960 in Würzburg geboren, hat in München und Salamanca Politik- und Geschichte studiert, in Würzburg Marionettentheater gespielt, bei der Main-Post volontiert und als Reporter für den Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Als er in den 80er Jahren bei Heinemann wegen eines Gastspiels anfragte, parodierte er Rudi Carrell. Die Figur des Pelzig hatte er schon im Kopf; im Theater am Neunerplatz entwickelte er sie. Der Bayerische Rundfunk interessierte sich, Barwasser bekam für seinen Pelzig einen festen Sendeplatz am Freitagmorgen. Er startete durch: erst ausverkaufte Soloauftritte im Theater am Neunerplatz; dann kleine Säle, schnell ganze Hallen proppenvoll, Fernsehauftritte, die Show „Pelzig unterhält sich“ in der ARD, der Kinostreifen „Vorne ist verdammt weit weg“ – der Mann wurde in atemberaubender Schnelle ein Star des bayerischen Kabaretts.

Worte statt Taten

Heute spielt er überall in Deutschland, „und es funktioniert gut“, sagt er. Am schwierigsten sei´s im Rheinland, „da gibt es wirklich einen kulturellen Unterschied. Da ist uns der Sachse wesentlich näher, und sogar noch der Hamburger“. Umso mehr staune er, dass es zum Beispiel in Bonn gut läuft, „und das sind nicht nur Exilbayern, die kommen“.

„Worte statt Taten“ schrieb er über ein Programm. Typisch für Pelzig: Die Auftritte als Kleinaktionär bei Aktionärsversammlungen. „Überall melde ich mich zu Wort“, erzählt er dem Publikum, „das ist mein Recht als Aktionär. Das stinkt denen oft, aber eine Aktie reicht, und schon kann ich den Bossen bescheid sagen“. Natürlich würden viele Leute über ihn maulen und sagen, „Pelzig, was soll das? Da erreicht man doch nix, wenn man nur stört.“ Aber Pelzig antwortet: „Aber ich erreich doch so auch nix! Dann will ich wenigstens stören dabei!“

Er mache kein politisches Kabarett, sagt Barwasser, es sei anders: „Pelzig ist eine Figur aus dem Volke, und da spielt die Politik ganz massiv mit rein.“ Ein immer wiederkehrendes Thema ist die augenscheinliche Hilflosigkeit im Angesicht der Verhältnisse. Doch Pelzig greift ein, indem er sich zu Wort meldet, mit verquerer Logik und hanebüchenen Schlüssen. Manchmal ändert das was, selten in seinem Sinne. Aber er ist unverwüstlich, auch, weil er nicht merkt, wenn ihn das Schicksal niederstreckt.

Einmal ein richtiges Kind

„Ich bin ja das Stören gewöhnt“, erzählt Pelzig weiter. „Ich habe immer nur gestört. Vor allem meine Eltern. Die wollten ja immer noch ein zweites Kind. Das wäre der größte Wunsch meiner Mutter gewesen: ein zweites Kind! Oder wie sie immer gesagt hat, mal ein richtiges Kind.“

In der ersten Hälfte der 90er-Jahre war die Figur volkstümlicher, wüster als heute. 1993, in „Nüssleins Fügung“, einem Solostück, in dem Barwasser über ein halbes Dutzend Rollen spielte, setzt Erwin Pelzig unbeabsichtigt eine Abfolge von Desastern in Gang, die, angetrieben von Naivität, kaum beherrschter Boshaftigkeit und folgenschwerem Mitleid in einer Katastrophe biblischen Ausmaßes münden.
Zwei Figuren hat er aus diesem Stück mitgenommen: Hartmut und Dr. Göbel; Unterfranke mit Amöbenhirn der eine, dazu noch ein Hang zu Kleinkriminalität und Spießbratenbrötchen, näselnd hochdeutsch sprechend der andere, pseudointellektuell und verklemmt, das Opfer Hartmuts und Pelzigs.

Glückwünsche für Dr. Göbel

Barwasser sagt, „Pelzig hat sich immer weiter in meinem Leben ausgebreitet. Seitdem lebe ich mit zwei Identitäten, glücklicherweise ohne dass es medizinisch bedenklich oder ärztlich behandlungswürdig wäre. Bis jetzt jedenfalls.“ Das sagt er ungefragt und öfter.

Die Figuren entwickeln eine Eigendynamik. Ihr Erfinder hat am 1. November, wenn Dr. Göbel Geburtstag hat, Glückwunschkarten im Briefkasten und meint, „dann gibt´s ja diesen Menschen offensichtlich“. Leute fragen, ob Arno, Göbels Sohn, noch in Passau studiere oder ob Pelzig dieses oder jenes jetzt eigentlich gemacht hat.

„Ich bin immer noch so frei zu sagen: Ich mag nicht mehr, ich höre sofort auf. Es zwingt mich keiner, als Erwin Pelzig auf die Bühne zu gehen.“ Aber da gibt´s diese Kleinigkeiten: „Ich sitze beim Friseur und muss mir die Haare kürzer schneiden lassen, als mir selber als Barwasser das lieb ist, damit der Hut passt. Das stinkt mir. Da greift dieser Typ in mein Leben ein.“ Es stimme schon: Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel „beginnen, real zu existieren.“

„Diese drei waren ein richtiges Soziotop“, erinnert sich Salomon, der in seinem Studio mit Barwasser die Aufnahmen für die ersten CDs gemacht hat. „Wir wussten genau, wo die wohnen, wie das Auto aussieht, wie die Garage. Das war Kopfkino. Wir haben hier in Würzburg auch die besten Vorlagen gehabt, man musste nur mit offenen Augen durch die Stadt gehen. In Würzburg laufen einige Pelzigs herum.“

Die erfundene Person ist viel mehr wirklich

Im Internet, auf seiner Homepage, zitierte Barwasser den italienischen Nobelpreisträger Luigi Parandello: „Eine erfundene Person ist viel lebendiger als ein Mensch, denn sie ist nicht den Gesetzen der vulgären Wahrheit unterworfen, sondern ausschließlich den Gesetzen der Wirklichkeit. Der vom Stolz getriebene Mensch substituiert dem Leben eine falsche Wirklichkeit. Die erfundene Person ist vielleicht weniger wahr, aber viel mehr wirklich.“

„Klar ist“, lästerte Barwasser vor dem Publikum, das 2004 ihn als neuen Kulturpreisträger der Stadt Würzburg beklatschte, „eine Figur wie Pelzig kann nur in einem Klima gedeihen, wie wir es in Würzburg vorfinden“. Im Gespräch mit dem Sonntagsmerkur erzählte er, gar nicht lästernd, Würzburg habe ihm Glück gebracht. Glück sei zum Beispiel gewesen, an Menschen wie den früheren Neunerplatz-Chef Thomas Heinemann zu geraten. Heinemann, der heute Filme für Kino und Fernsehen produziert, sei „ein wichtiger Geburtshelfer gewesen, fast wie ein guter Patenonkel“, der den Pelzig bis heute kritisch begleitet.

Soll der Pelzig ewig leben?

Heinemann sagt, Barwasser habe „einen sehr analytischen Blick auf die Dinge. Den kombiniert er mit diesem verqueren Humor“. Am meisten fasziniere ihn, wie der Künstler „die kompliziertesten Sachverhalte auf einen kleinen gemeinsamen Nenner bringt und das Absurde dadurch erkennbar macht“, sei es, ob es um die Weltwirtschaft geht oder um die großen philosophischen Fragen. Heinemann führte 2007 Regie bei Barwassers „Vorne ist verdammt weit weg“.

Barwasser will sich weiterentwickeln, wie, weiß er noch nicht. Er sei am Sortieren, sagt er. Fernsehen, ein Theaterstück schreiben, ein Buch. Er habe auch große Lust, wieder einmal journalistisch zu arbeiten.
Soll der Pelzig ewig leben? „Das mache ich jetzt mal eine Weile.“ Wie lange? „Ich kann das nicht ewig machen. Ich höre dann auf, wenn ich ins Alter komme, in dem ich mich nicht mehr umziehen muss, um Erwin Pelzig zu spielen.“

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 

Große Teile dieser Geschichte habe ich 2004 für den Sonntagsmerkur geschrieben. In den Folgejahren ergänzte ich sie. W. Jung

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