Leben in der Stadt

Peter Lohmeyers Hand

Am 3. Dezember 2007 bin ich in München im Mathäser-Kino über einen rotweiß-karierten Teppich gelaufen, Stars vor mir und Stars hinter mir, zur Rechten ein Blitzlichtgewitter, das just ein Päuschen machte, als ich vorbeikam. Später stand ich mit 50, 60 Leuten auf der Bühne vor der großen Kinoleinwand, Hand in Hand mit Peter Lohmeyer (dem tollen Hauptdarsteller aus „Das Wunder von Bern“), und 800 Leute klatschten und jubelten. So ist das also, wenn man ein Star ist.

Es war die Premiere von „Vorne ist verdammt weit weg“, dem Film von Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Thomas Heinemann. Ich spiele den Koch. Wer nicht blinzelt, wird mich sehen.

Interessant, was bei so einer Filmpremiere passiert. Da war vor dem Eingang in den Kinosaal eine junge Dame in hohen Lackstiefeln und sehr kurzem Weihnachtsmannkostüm, Fotografen drum herum. Keine Ahnung, was die da zu suchen hatte. Aber am nächsten Tag war sie in der Bild-Zeitung abgedruckt, als eine von „Pelzigs schönen Frauen“, mit Namen und der Nachricht, dass sie am liebsten halbnackt ausgehe. Eine Ex-RTL-Dschungelcamperin stöckelte auch herum.

Viel interessanter fand ich, dass die echten VIPs wie Lohmeyer, Philipp Sonntag und Christiane Paul überhaupt kein Aufhebens um sich machten. Kein Starrummel, weder im Kino noch bei der anschließenden Party. Das ganze Drumherum dieser Filmpremiere war auf eine angenehme Art – kein Spott! – würzburgerisch.

Schauen wir zurück, auf einen beliebigen Nachmittag in den 80ern oder 90ern, und besuchen eine Probe im Theater am Neunerplatz: Das Chaos herrscht. Überall liegen Kulissenteile herum, Kinder spielen kreischend Fangerles. Auf der Bühne probt der heutige Film-Regisseur Thomas Heinemann mit ein paar Dreikäsehochs ein Stück ein. Einer revoltiert, eine Szene sei „Scheiße!“. Heinemann grinst, fragt den Buben, wie er es machen würde. Sie verhandeln, probieren und einigen sich.

Das ist Heinemann: mitten im Chaos noch unaufgeregt und freundlich, aber ein erstklassiger Stückeschreiber, Regisseur und Bühnenbildner. Das Theater am Neunerplatz fühlte sich immer ein wenig wärmer und zugewandter an als die anderen Bühnen. In „Vorne ist verdammt weit weg“ steckt viel vom Geist des Neunerplatzes, und ein paar Leute auch. Tobias Oertel und Martin Eschenbach zum Beispiel, einstige Neunerplatz-Kinder, spielen tragende Rollen im Film.

Und hätte die Dame im Kinofoyer nichts als ihre Lackstiefel angehabt: Mir war im Mathäser-Kino völlig egal, was sie oder die Stars treiben. Ich habe mich innig für meine alten Kumpane gefreut, über ihren Erfolg und die Art und Weise, wie sie ihn sich erarbeiten.

Nur dieser Moment, in dem Peter Lohmeyer meine Hand in die seine nahm, der freute mich ganz für mich allein.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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