Leben in der Stadt

Ein Himmelbett im Dom

Ein Fremder, der die Stadt kennenlernen will, nimmt im frühen 19. Jahrhundert das Buch „Würzburg und die umliegende Gegend“ zur Hand, „kurz beschrieben von Carl Gottfried Scharold, Churfürstl. pfalzbaierischer LandesdirectionsSecretär in Würzburg“. Und er liest: „Eine katholische Stadt und viele Kirchen sind meistens zusammentreffende Dinge. Würzburg beweißt dieß vorzüglich, indem hier nebst den größern und kleinern Kapellen 33 Kirchen vorhanden sind; gewiß nicht zu wenig für die hiesige Volksmenge und Bethlustigen.“

Den Dom handelt Scharold kurz und bündig ab; der sei „eines Besuches und des fleißigen Beschauens von innen in hohem Grade werth“. Man treffe „mehrere vorzüglich schöne Altarblätter, schön gerathene Epitaphien von Erz und Marmor, eine altgothische Kanzel mit alabasternen Gruppen u. Figuren und viele andere Denkwürdigkeiten an, die den Freund und Forscher des grauen Althertums mit angenehmen Eindrücken erfüllen“.

Der Dom: 105 Meter lang, bis zu 58 Meter breit, ab 1040 gebaut nach dem Vorbild der salischen Kaiserdome in Worms und Speyer, 1188 als Ganzes eingeweiht, der drittgrößte romanische Dom Deutschlands. Anders als die gotischen Kathedralen hat er nur wenige Räume, die den Dombesuchern nicht offenstehen. Was ist da zu sehen? Schauen wir mal.

Sünden ausschwitzen

Bei 70 Metern Kirchturm, Stufe für Stufe erklommen, schwitzt der Mensch seine Sünden aus. Wie willkommen ist da auf dem Weg nach oben ein Kämmerchen, in das man die Nase stecken kann. Hier, zwischen Sitzkissen und Krempel, sind säuberlich Fragmente vieler steinerner „Denkwürdigkeiten“ aufgereiht, von denen Scharold manche in ihrer Gänze gesehen haben mag. Das ist Bruch von in Stein gehauenen Vasen, Obst und sonstigem Zierat, Haaren, Körperpartien und einigem, von dem die Fachleute nicht wissen, was es mal gewesen war. Das sind Funde aus den Gräbern im Dom, nach dem Krieg aus dem Schutt geborgen. Niemand kann sie etwas Bestehendem zuordnen. Aber im uralten Dom hat man Zeit – man hebt die Sachen auf, vielleicht werden die Rätsel einmal gelöst.

Noch ein paar Treppen höher. Über dem südlichen Seitenschiff, unter dem Dach, liegt der gesamte alte Stuck des Langhauses und von Altären geborgen. Es ist dunkel hier oben und staubig. Zur Dommitte hin, wie in einer riesigen Mauernische, über die ganze Länge des Seitenschiffes, sind die alten Schönheiten auf- und nebeneinander gestapelt. Man geht auf einem hölzernen Steg an ihnen vorbei. Ihnen gegenüber, unter der Dachschräge, liegen große, wunderschöne Steinskulpturen. Alles sieht so aus, als sollte es liegen bleiben bis zum jüngsten Gericht. Warum, mit Verlaub, heben die Domherren das alles auf? „Das ist auf uns überkommen“, sagt der Bau- und Kunstreferent der Diözese, Dr. Jürgen Lenssen, „und man weiß nie, wie die Zeiten werden. Die nach uns kommen sollen auch noch was tun haben, die sollen auch noch was schaffen“.

Der Dom wackelt

Lesen wir in Leonhard Franks „Die Räuberbande“: „Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich – man hörte keinen Laut, Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete sich bis zu zuletzt und verklang. Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte Brücke marschierte, wurden wieder hörbar."

Wir sind ganz oben im südwestlichen Turm. Der Wind pfeift hier mächtig, der Blick über Stadt, zur alten Mainbrücke hin, verzaubert, und über uns hängt, vom Winde unbewegt, die große Glocke des Domes. Als Frank ihren Klang beschreibt, hängt noch „Heinle“ im Glockenturm, die älteste Glocke Deutschlands. Sie wird ein Opfer des zweiten Weltkrieges. Ihre Nachfolgerin, die Salvatorglocke, ist die größte Glocke in Bayern. Wenn sie schlägt, eine knappe Tonne in Form geschmolzene Bronze, beginnt der Turm zu schwingen. So viel Kraft macht einsam. Die Salvatorglocke hat nur eine kleine Gesellschaft, ein schmächtig bimmelndes Totenglöcklein.

Der Tod in der Waschküche

Hinab in die Krypta, zur Grablege des hünenhaften Bruno von Kärnten, Würzburgs Bischof von 1034 bis 1045. Mindestens zwei Meter groß war er, ein Riese in einer Zeit, in der kaum einer höher als 1,60 Meter wuchs. 1045, fünf Jahre, nachdem er den Grundstein des Doms gelegt hatte, wurde die Krypta eingeweiht. Das war auch der Tag seiner Beisetzung. Die Gästeführer im Dom erzählen eine haarsträubende Geschichte über den Tod des Domgründers: Mit seinem Vetter, Kaiser Heinrich III., war Bruno am 27. Mai 1045 auf der Sommerterrasse einer Burg im niederösterreichischen Persenbeug gesessen. Der morsche Holzboden der Terrasse brach ein, Bruno und Heinrich stürzten in die darunter liegende Waschküche. Der Kaiser hatte Glück: Er fiel in einen Waschzuber. Bruno aber krachte auf die Kante des Zubers und brach sich das Genick.

Durch ein verschlossenes Gittertor gelangt man von der Krypta mit dem Brunograb in eine alte, niedrige Nebenkapelle. In diesem kleinen Raum sind die Reste einer Wandmalerei aus dem 13. Jahrhundert zu sehen. Einst war das ein höheres Gemälde in einem acht Meter hohen Raum. Bis Balthasar Neumann kam und den Chor auf Kosten der Krypta niederlegte. Die Krypta wurde deutlich flacher, ihren hinteren Teil schüttete Neumann ganz zu, um den Chor statisch abzustützen. Erst 1962 fand man bei Umbauten heraus, dass die Krypta einmal größer war und stellte sie wieder her.

Gebisse und Gerippe

Von der Nebenkapelle aus sieht man durch einen schmalen Durchlass im Mauerwerk in einen schummrig beleuchteten niedrigen Gang. Der führte zu den Häusern der Domherren, diente ihnen als Fluchtweg bei Gefahr und half ihnen, auch bei Regenwetter trockenen Hauptes in den Dom zu gelangen. Vom Durchlass aus nicht zu sehen, hinter einer Biegung, stehen im Gang Kisten mit Zähnen.
Keiner der Bischöfe und Domherren, die vor dem zweiten Weltkrieg im Dom ihr Grab fanden, hat noch einen Zahn in den skelettierten Kiefern.

In den 50er Jahren bat die Zahnklinik das Domkapitel um die Gebisse, zu Forschungszwecken. Das Domkapitel gewährte die Bitte. Die Zähne wurden vergessen, bis sie, in Kisten gepackt, vor ein paar Jahren in der Zahnklinik wieder entdeckt wurden. Sie kehrten in den Dom zurück. Dann fanden sich in der Anatomie der Universität noch drei Gerippe, die ebenfalls zum Domklerus gehörten. Die Gerippe und die Zähne haben im Gang neben der Krypta ihre letzte Ruhe gefunden.

Der große Unbekannte

In der Sepultur, wo die Domherren bestattet sind, ist nicht mehr viel Platz für Gräber. Nur noch vier werden hier beigesetzt. Die künftigen finden im Westflügel des Domkreuzganges ihre Gruft, wo viele ihre Vorgänger schon seit Jahrhunderten ruhen. Zahlreiche Grabplatten sind im Boden eingelassen oder stehen an den Wänden. Lenssen sagt, „dieser Ort hat eine besondere Atmosphäre, er vermittelt ein Gefühl von Zeit und Vergänglichkeit“. Alle, die hier liegen „haben sich sicher einmal wichtig genommen, wie wir es auch tun. Und die Zeit geht darüber hinweg.“
Hier, im Kreuzgang, beim Gehen über den Gräbern, von den Toten konfrontiert mit der Ewigkeit, kann der Dombesucher das eigentliche Unbekannte im Dom entdecken: sich selbst. Der Kreuzgang stellt ihm die Fragen, auf die der Dom – vielleicht – die Antworten gibt.

Himmelbett und Nachttopf

Wir nehmen Abschied. Noch einmal hinein in das Hauptschiff, zur Besinnung, vor zu den prächtigen Altären. Aber was ist das da an der rechten Ecke, wo aus dem romanischen Haus ein barockes wird, auf halber Höhe zur Decke? Da ist ein Himmelbett in den Stuck geformt, ein Mann und eine Frau liegen drin, ein Nachttopf steht drunter! Da hat ein Stuckateur sich und seiner Liebsten beim Wiederaufbau ein kleines Denkmal gesetzt.

Wundersamer, unbekannter Dom!

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


 

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