Würzburger Stadtgeschichten

Die Würzburger Bäcks

Ein wohlig-lässiger Nachmittag in der Würzburger Maulhardgasse, Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor dem Augustinerbäck steht ein Mann und hält Maulaffen feil. Er ist der Wirt des Bäcks (die Würzburger nennen ihn den „Bomsterer“). Gegenüber, im prächtigen Sandhof (heute steht da ein Kaufhaus), tun Studenten dasselbe; sie beobachten den Müßiggänger. Und einer beginnt zu singen, und die anderen fallen ein: „Alle Bäcker backen, alle Bäcker backen, nur der Maulaffenbäck backt nicht!“

Der Ulk spricht sich herum. 1907 übernimmt die Familie Seufert den Augustinerbäck und benennt ihn nach dem historischen Ereignis: Maulaffenbäck.
Den Maulaffenbäck in der Maulhardgasse gibt es immer noch. Er ist einer letzten echten Bäcks: eine gemütliche Weinstube, deren Gäste ihre Brotzeit selbst mitbringen können.

Dass sich der Bomsterer einen faulen Lenz machte, darf niemanden wundern. Bäck-Wirte waren hart arbeitende Leute: Raus aus den Federn in stockdunkler Nacht und ran an Backtrog und Backofen; um sechs Uhr in der Frühe musste die Ware fertig sein für die hungrige Kundschaft. Die ersten durstigen Gäste kamen auch bald ins Lokal. Um Mitternacht gingen die letzten, und der Bäck-Wirt war immer mittendrin. Viele hielten das nicht lang durch, schreibt der Würzburger Historiker Werner Dettelbacher, die mei¬sten erreichten das Pensionsalter nicht.

Warum haben die Würzburger Bäcker bloß damit angefangen? Wegen Napoleon.

Krumme, kaputte Häcker

Der kleine große Korse hat die Französische Revolution auch ins Hochstift Würzburg getragen. Das war bis 1803 ein eigenständiger Staat, mit einem Fürstbischof als geistlichem und weltlichem Herrscher, sehr wenigen Reichen und sehr vielen Armen. Ganz arm, nur wenig besser dran als die Bettler, waren die Häcker. Die bewirtschafteten winzige Stückchen Rebfläche, hatten nur alle vier, fünf Jahre eine gute Ernte und waren schnell krumm und kaputt geschafft. Napoleon fegte das Reich der Bischöfe hinweg und mit ihm die alte Wirtschaftsordnung. Immer mehr Häcker konnten endgültig nicht mehr leben von ihren Weinen, oder sie fanden in einem anderen Beruf ein besseres Auskommen. Das war schlecht für die weinfrohen Städter; denen waren die Lieferanten aus der Nachbarschaft abhanden gekommen.

Die Lücke, die die müden Häcker hinterließen, schlossen die findigen Bäcker. Gut 100 Jahre später freilich hatten fast alle das ruinöse Geschäft aufgegeben. Nach dem zweiten Weltkrieg versuchte es der Sophienbäck noch einmal, zwei Jahrzehnte lang, dann gab auch er klein bei.

Die meisten der heutigen Bäcks – es gibt nur noch wenige, die sich so nennen – sind ganz normale Cafés, Bistros, Kneipen oder Weinstuben. Manchen aber steckt noch der Geist von anno dunnemals in den holzvertäfelten Wänden und alten Möbeln. Da geht man gerne hin, um über Wein und Brotzeit ein Pläuschchen zu halten, und auch, um Maulaffen feil zu halten.

schreibdasauf.info

Dieser Text ist auch erschienen im Buch "100 Gründe, Mainfranken zu lieben".

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