Leben in der Stadt
Die Alte Mainbrücke
Seit fast 900 Jahren trägt die steinerne Brücke das Leben der Stadt. Sie verbindet nicht nur den linksmainischen Teil mit dem rechtsmainischen. Über die Alte Mainbrücke geht auch Jahrhunderte lang der rege Handel zwischen Köln und Frankfurt, Nürnberg und Regensburg.
Teufelswerk über dem Main
Ein »fürtrefflich Bruken« hat den Würzburgern der Meister Enzelin »gebouwet«, heißt es in einer Urkunde aus dem Jahre 1133. Sie ist der erste Hinweis auf die 179 Meter lange Alte Mainbrücke, die seitdem eine zentrale Rolle in der fast 1300jährigen Geschichte der Bischofsstadt spielt. Sie ist die älteste deutsche Steinbrücke von größerer Länge und muss, so schreibt der Historiker Werner Dettelbacher, »zu ihrer Zeit als ein Wunderwerk gegolten haben«. Ein architektonisches Meisterwerk ist sie. Zu jener Zeit kennt man keine so großen Spannweiten, nur kurze Wölbungen über Kirchenpfeiler. Dettelbacher berichtet, dass Enzelins Zeitgenossen glauben, der Brückenbauer habe seine Seele dem Teufel verschreiben müssen, »damit kein Pfeiler beim ersten Eisgang barst, kein Bogen einbrach, wenn Fuhrwerke mit schweren Lasten darüberfuhren«.
Beten, ...
Meister Enzelin baut eine Kapelle auf die Brücke. Der Heilige Godehard (Gotthard), Bischof von Hildesheim, wird zum Patron erkoren. Der 960 geborene niederbayerische Benediktiner hatte selbst über 30 Kirchen gebaut.
Wer damals vom Rathaus kommend die Brücke betrat, passierte das rechtsmainische Brückentor und erreichte dann nach wenigen Schritten die Kapelle, die später in das Haus Mainbrücke Nr. 4 umgewandelt wurde.
... sterben ...
Aus dem Jahr 1250 ist eine Geschichte überliefert, die von einer Falle zwischen den Brückentoren erzählt. Die ständigen Spannungen zwischen Bürgern und Bischöfen drohen wieder einmal zu eskalieren. Eine Rebellion steht Bischof Hermann von Lobdeburg (1225 bis 1254) ins Haus. In der Not ruft er seine ritterlichen Lehensleute zu sich auf den Marienberg. Als die Ritter aber über die Brücke reiten, schließen die Bürger die Tore und greifen mit Spießen die Reiter an, die sich auf der sieben Meter schmalen Brücke nicht wehren können. Sie sind hoffnungslos unterlegen in diesem Scharmützel, werden von ihren Pferden herunter geholt und abgeschlachtet. Wer über die Brüstung springt, wird von seiner Rüstung auf den Grund des Mains gezogen.
...und richten, ...
Zwölfmal im Jahr, meist am ersten Mittwoch eines Monates, trat um elf Uhr das Brückengericht zusammen. Nach altem fränkischen Recht, berichtet Dettelbacher, muss eine Gerichtsverhandlung »im Freien und vor aller Öffentlichkeit stattfinden«. Nahe dem Brückentor auf der Mainviertelseite nimmt das Gericht Platz, die Zuhörer bleiben aus Achtung vor den Urteilenden stehen. Die Würzburger Bischöfe verleihen dem Brückengericht durch Privilegien in den Jahren 1120, 1168 und 1347 das Recht »Urteilsfindung und Vollstreckung«, schreibt Dettelbacher.
Maßgebend ist der Schultheiß, der oberste Richter und Polizist der Stadt, dazu neun »redliche und verständige Bürger«, die das Urteil fällen.
... aber der Adel hat keine Lust mehr
Im 16. Jahrhundert weigert sich der Adel, vor dem Brückengericht zu erscheinen, weil »man von dort an kein anderes Gericht appellieren könne und daher, weil die Urteile unumstößlich waren, viele mit Schaden davon gegangen seien«. 1551 wird das Brückengericht nach einem Überfall eingestellt. Noch 1578 seufzen die Domherren, so liest man bei Dettelbacher: »Es sei ein feines Kleinod gewesen, bei dem Herren, Grafen und Adelige hätten erscheinen müssen.«
Ein Hase sahnt ab, ...
Ein Mann namens Hase ist im 15. Jahrhundert einer der bestgehassten Männer Würzburgs. Der Mann ist Vollstrecker des Bischofs Johann von Grumbach, der freilich noch unbeliebter ist als sein Knecht. Grumbach zettelt Kriege und Fehden mit der gesamten Nachbarschaft an und schröpft die Bürgerschaft nach Gutdünken. Handlanger Hase wird Büttel des Schultheißen.
Hase ist ein übler Geselle. Er foltert, dringt gewaltsam in Bürgerhäuser ein und kerkert Schuldige wie Unschuldige ein. Unschuldige entlässt er erst aus der Haft, wenn sie ihm seinen Aufwand ersetzt haben. Wie hoch der ist, bestimmte Hase.
Die Ratsschreiber notieren seine Untaten, aber der Bischof schützt seinen treuen Diener; Bürgermeister und Rat können nichts ausrichten.
... kriegt auf die Löffel ...
1466 stirbt Grumbach, die Hasen-Herrlichkeit ist vorbei. Der Mann wird von der Marienburg geholt, gefoltert und zum Tode verurteilt, weil, so schrieb ein Chronist, »alles Land über ihn unwillig war, und gar ein unsäglich großes Geschrei über ihn ging von jedermann, jung und alt, in der Stadt und auf dem Lande«.
... und ersäuft im Main
Am Abend des 21. April 1466 wird Hase auf die Brücke geführt und an Armen und Beinen gefesselt. Der Henker stößt ihn von der Brücke. Hase ersäuft in den Fluten des Mains.
Foto: Stadtarchiv Würzburg (Hases Tod, aus der Chronik des Lorenz Fries)
Heilige und gar nicht so heilige im Süden
Fürstbischof Christoph Franz von Hutten (1724 bis 1729) steht der Sinn nach barocker Kunst. 1725 beauftragt er den Düsseldorfer Maler Clemens Lünenschloß, zwölf Figuren für die Mainbrücke zu entwerfen. Sechs haben die Brüder Johann Sebastian und Volkmar Becker aus gelbem Schilfsandstein gehauen, als von Hutten das Zeitliche segnet.
Viereinhalb Meter hoch war eine jede. Auf der Südseite der Brücke nahmen Platz und stehen heute noch: auf dem Brückenscheitel die Immaculata oder Patrona Franconiae. Neben ihr, Richtung Rathaus, die irischen Mönche und Märtyrer St. Kilian und St. Totnan, Richtung Mainviertel der dritte Ire, St. Kolonat. Neben St. Kolonat schauen noch der erste Bischof Würzburgs, Burkard und Bischof Bruno Richtung Heizkraftwerk. Burkard wurde nie heilig gesprochen, und auch für Bruno, Mitglied des salischen Herrscherhauses und 1045 in einem Feldzug gegen die Slawen ums Leben gekommen, reichte es in Rom nicht zur Heiligsprechung. Den Würzburgern ist das egal: Sie küren die beiden Bischöfe zu ihren Brückenheiligen.
Fürsteneitelkeit, ein Kurzer und ein Großer im Norden
Friedrich Carl von Schönborn wird 1729 Fürstbischof. Er vollendet die begonnene Heiligenschau auf der Nordseite der Brücke. Zuerst kippt er den Heiligen Christopherus, den Namenspatron seines Vorgängers aus dem Programm. An dessen Stelle steht der 1729 heiliggesprochene St. Nepomuk. Die Würzburger Heiligen Aquilin und Bischof Arn, von Fürstbischof Christoph Franz von Hutten als Brückenpersonal ausersehen, finden ebenfalls kein Wohlgefallen beim Schönborn; sie werden, gemeißelt vom Bildhauer Claude Curé, durch Schönborns Namenspatrone St. Fridericus und St. Carolus Borromäus ersetzt. St. Josef übersteht das Heiligen-Roulette.
Die fränkischen Herrscher Pippin der Kleine (714 bis 768) und Karl der Große (742 bis 814) bilden den östlichen und westlichen Abschluß der Nordseite der Brücke. Auch diese beiden sind keine Heiligen. Aber der Schönborn findet Gefallen an ihnen, zur Brückenzier sind sie ihm heilig genug.
Kein Wetter für Wetterfühlige
Die Witterung und die in Sandstein gehauenen mehr oder weniger Heiligen vertragen sich nicht. Nach etwa 120 Jahren müssen alle erneuert werden. Da Sanierung dauert 74 Jahre lang, von 1852 bis 1926. Die Zwölf werden aus dem gleichen Stein geholt wie ihre Originale, denn auf die warme Farbe des Sandsteins mögen die Würzburger nicht verzichten.
Blut auf der Brücke
Wenn der Krieg nach Würzburg kommt, spült Blut über die Brücke am Main. Für Bischof Lobdeburg (1235 bis 1254) sterben auf der Mainbrücke Soldaten im Kampf gegen die Soldaten der Wittelsbacher. Im Bauernkrieg (1524/25) beschießen bischöfliche Kanoniere die Brücke von der Festung aus, um den Bauern unter ihrem Giebelstädter Führer Florian Geyer den Garaus zu machen. Kaiserliche Landsknechte fechten gegen schwedische (1631), fränzösische gegen österreichische (1796), preußische gegen bayerische (1866), deutsche gegen amerikanische (1945).
Hungerschreie über dem Main
Der rechtsmainische Teil der Stadt mit Rathaus, Dom und Residenz, den Märkten und der Mehrzahl der Bürgerhäuser ist der schwächer befestigte. Wenn der Krieg in der Stadt ist, ist hier die Lust zu Leben größer als die Bereitschaft zu Sterben. Rechtsmainisch wird rasch kapituliert, linksmainisch sieht das anders aus. Mit der Festung Marienberg im Kreuz werden die Menschen im Mainviertel zu Helden – weniger aus Neigung, mehr aus Zwang.
Sie sterben im Kugelhagel und sie leiden Hunger, wie 1813, als Bayern und Österreicher die Festung und das Mainviertel belagern. Napoleonische Truppen haben sich dort nach der verlorenen Völkerschlacht von Leipzig verschanzt. Die Lebensmittel werden so knapp, berichtet der Dettelbacher, »dass zunächst alle Zugpferde geschlachtet, schließlich Katzen und Ratten verzehrt wurden. Waghälse schlichen sich über das Eis des Mains, von beiden Seiten beschossen und bisweilen tödlich getroffen, um Mehl und Schmalz zu holen, denn viele lebten von Wassersuppe, in die sie Talglichter gehangen hatten. Typhus und Ruhr brachen aus, Salz wurde zur umkämpften Mangelware.« Der Hunger peinigt die etwa 2 400 Zivilisten im Mainviertel derart, »dass sie in Sprechchören um Brot zum anderen Ufer schrien«.
Kriege(r) machen kaputt
Das Töten von Menschen bringt Notwendigkeiten mit sich. In allen Jahrhunderten wird der Mainbrücke der Belag entrissen, um ein Überqueren zu verhindern, und Brückenbögen werden gesprengt. Zuletzt jagen 1945 deutsche Pioniere drei Bögen in die Luft, um die amerikanischen Befreier am Vormarsch zu hindern. Die kippen ihrerseits die Statue Pippin des Kleinen in den Main, weil sie Platz für ein Geschütz brauchen.
Heinrich von Kleist sieht Küsse auf blumige Füße
Im Jahre 1800 schreibt Heinrich von Kleist in Würzburg einen Brief:
»Wenn ich jetzt auf der steinernen Mainbrücke stehe, die das Citadell von der Stadt trennt, und den gleitenden Strom betrachte, der durch Berge und Auen in tausend Krümmungen heranströmt und unter meinen Füßen wegfließt, so ist es mir, als ob ich über ein Leben erhaben stünde. Ich stehe daher gerne am Abend auf diesem Gewölbe und lasse den Wasserstrom und den Luftstrom mir entgegen rauschen. Oder ich kehre mich um und verfolge den Lauf des Flusses, bis er sich in die Berge verliert, und verliere mich selbst dabei in stille Betrachtungen.
Besonders ein Schauspiel ist mir sehr merkwürdig. Geradeaus strömt der Main von der Brücke weg, und pfeilschnell, als hätte er sein Ziel schon im Auge, als sollte ihn nichts abhalten, es zu erreichen, als wollte er es, ungeduldig, auf dem kürzesten Weg ereilen - aber ein Rebenhügel beugt seinen stürmischen Lauf, sanft, aber mit festem Sinn, wie eine Gattin den stürmischen Willen ihres Mannes, und zeigt ihm mit edler Standhaftigkeit den Weg, der ihn ins Meer führen wird – und er ehrt die bescheidne Warnung und folgt der freundlichen Weisung, und gibt sein voreiliges Ziel auf und durchbricht den Rebenhügel nicht, sondern umgeht ihn, mit beruhigtem Laufe, seine blumigen Füße ihm küssend.«
Leonhard Frank steht erschrocken still ...
»Die Räuberbande« ist der schriftstellerische Durchbruch Leonhard Franks. Der »Grandseigneur, der unmittelbar der Schöpferlaune der Natur erwuchs«, wie ihn die Süddeutsche Zeitung beschreibt, eröffnet seinen Debütroman mit einem faszinierenden Ausschnitt aus dem Würzburger Leben zu Beginn dieses Jahrhunderts.
»Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich - man hörte keinen Laut, Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabend-Gottesdienst. Und aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.
Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte Brücke marschierte, wurden wieder hörbar.
Über der Stadt lag Abendsonnenschein.
Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und im steil abfallenden Königlichen Weinberg blitzten die weißen Kopftücher der Winzerinnen - die Weinernte hatte begonnen.
Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.
Ein paar Knaben, die lachend und schreiend ›Nachlauferles‹ spielten, um die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen Kilian zu Totnan und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die Brücke.«
... und entdeckt doch betörende Lieblichkeit
In »Von drei Millionen drei« läßt Frank zwei vom Glück enttäusche Würzburger in ihre Heimatstadt zurückkehren. Von den Wirrnissen der Weltwirtschaftskrise 1929 arg mitgenommen, zerlumpt und zerrissen, ziehen sie durch die Stadt am Main.
»Auf der Brücke griff die Stadt zum zweiten Mal mit Macht nach dem Schreiber, der im Rückenmark erschauerte. Hierher, zuerst hierher auf die Brücke, zog die Stadt jeden, der sie verlassen hatte und wiederkehrte, und jeden Fremden, der sie zum ersten Mal besuchte. Hier war sie stark genug, sich mit dem schönen Bogenlauf des Flusses und den sanften Linien ihrer Rebhügel, mit ihrer betörenden edlen Lieblichkeit und zugleich wuchtig ragenden Kraft einzuschneiden in jedes Herz, das noch schlug.«
Noch ein Brückenprozess
Die Stadt Würzburg führt von 1954 bis 1965 gegen den Freistaat Bayern einen Prozess durch alle Instanzen um die Baulast an der Alten Mainbrücke. Seitdem muss die Stadt nur die Gehsteige und die Figuren instandhalten, der Freistaat dagegen die Baulast an Brücke und Straße tragen. Zum Angedenken veranstaltet seit 1977 die Karnevalsgesellschaft Elferrat Würzburg immer Anfang Juli ein Brückenfest.
Sie ist nur noch schön
Bis 1886 war die Alte Mainbrücke der einzige Flussübergang, heute führen acht Brücken über den Main. Erst 1992 wurde die Alte Mainbrücke von ihren Verkehrspflichten entbunden und von den Autos befreit. Heute sind nur noch Fußgänger und Radfahrer, die Gäste der Brückenfeste und Kleinkunstmärkte zwischen den Brückenheiligen unterwegs. Und die Genießer, die sich an den schönen Ansichten nicht satt sehen können.
Nachdem sie Kriege und Gerichte, Fuhrwerke, Kutschen und Autos, Gläubige und Zöllner, Häuser und Heilige, Handel und Wandel, das ganze Leben einer Stadt getragen hat, ist sie heute das, was ihr am besten steht:
Einer der schönsten Plätze in einer schönen Stadt.
© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info
(Foto links: Wolfgang Jung)
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