Leben in der Stadt

Befreiungsversuch einer missbrauchten Frau

Würzburgs katholischer Bischof Friedhelm Hofmann hat den Seelsorger der Justizvollzugsanstalten Würzburg und Schweinfurt und Administrator zweier Stadtteil-Pfarrgemeinden von allen Ämtern enthoben. Der Priester hat, angest0ßen von meinen Recherchen, den mehrfachen sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen eingestanden. 1978 vergriff er sich als 31-jähriger Kaplan ein halbes Jahr lang an einem 15-Jährigen Mädchen aus seiner Gemeinde. Am Donnerstag dieser Woche unterrichtete er erst Hofmann und Generalvikar Karl Hillenbrand, dann seine Pfarrgeimenderäte. Tags darauf zeigte er sich bei der Würzburger Staatsanwaltschaft an. Laut Dietrich Geuder, dem Leitenden Oberstaatsanwalt, prüft die Behörde nun die Selbstanzeige des Priesters.

Sie war ein braves Mädchen

Heike W.*, sein Opfer, war Kind in einer kirchentreuen, streng katholischen Familie. Autoritätsgläubig sei sie gewesen, berichtet sie, scheu und in sich gekehrt, und dass sie geglaubt habe, Priester seien schon von Amts wegen bessere Menschen. Religiös und brav sei sie gewesen, ein Mädchen, das gar nichts wusste über seinen Körper, „nicht einmal, wo das Tampon hin muss“, als die erste Monatsblutung kam.

Sie schwärmte für den feschen Kaplan, ihm blieb das nicht verborgen. In einem Beichtgespräch, in dem sich - im Unterschied zur Ohrenbeichte - Priester und Beichtende Aug in Auge gegenübersitzen, hat laut W. der Missbrauch seinen Anfang genommen. In einem ersten Brief an mich berichtete sie von Geschlechtsverkehr, später ist nur noch von oralem Sex die Rede. Der Kaplan wendete keine körperliche Gewalt an, sie wehrte sich nicht.

"Helft mir doch!"

Aus W.s Berichten ergibt sich folgendes Bild: Sie hatte sich für den Einen aufsparen wollen, der ihr Ehemann würde – das war vorbei. Der Mann man sprach von Liebe, sie spürte nur sein Verlangen. Was sie ihm zuliebe tat, vertrug sich nicht mit ihrer Erziehung und mit ihrem Glauben. Sie meinte, sie sei die Böse. Sie glaubte, niemanden zu haben, dem sie davon erzählen kann. Und selbst wenn: Ihr fehlten die Worte. Sie hatte keinen Begriff von dem, was geschah, war orientierungslos, verzweifelt, wollte Schluss machen und sich das Leben nehmen. Heute beschreibt sie den Suizidversuch als Hilfeschrei: „Helft mir doch, da rauszukommen, irgendwer!“

Da war aber niemand. Sie lief von zu Hause davon, flüchtete sich in der Nacht ausgerechnet in den Pfarrgarten, wurde am Morgen entdeckt. Es gab allerhand Aufregung in der Pfarrei und in ihrer Familie. Fünf Tage später, im Herbst 1978, war der Mann grußlos verschwunden, völlig überraschend für Heike. Inzwischen vermutet sie, dass der Pfarrer die Versetzung veranlasst hat, ahnend oder wissend von den Umtrieben seines Kaplans.

Vertrauensverlust

Danach fiel sie in ein riesiges Loch. Sie hatte den Sex mit dem Kaplan nicht einordnen können, sein Verschwinden begriff sie nicht. Sie fühlte sich „wie eine Nutte“. „Glaube, Liebe, Hoffung“, berichtet sie, „waren weg.“ Dann begann sie zu verdrängen. Sie verbot sich jeden Gedanken an die Geschehnisse, sie vergrub sie, erinnert sie sich, „in den Tiefen meiner Seele“. Der Priester hatte sie verformt. Sie wurde unsicher, glaubte sich selbst nicht mehr: Hat sie das alles wirklich erlebt? Oder bildet sie es sich nur ein? Macht sie es nicht schlimmer, als es war? Wäre sie zur Polizei gegangen, sagt sie, dann wäre sie „im Verhör beim zweiten Satz zusammengebrochen“. Sie verlor das Vertrauen in Menschen, denen sie nahestand und wurde umso vertrauensseliger zu solchen, die ihr fremd waren.

Heike W. ist heute 47 Jahre alt, eine berufstätige Mutter in Würzburg. Sie hege keine Hass- und Rachegelüste gegen den Mann, sie wolle nur keine Verbindung mehr haben mit ihm, sie wolle sich von ihm lösen, „endgültig“.

Das Bistum Würzburg reagierte auf die Recherche dieser Zeitung sofort: Hillenbrand, der Generalvikar stellte den Gefängnispfarrer zur Rede. Obwohl kein Name fiel, wusste der 63-Jährige sofort, um wen es geht und räumte alles ein. Der Generalvikar übte einigen Druck auf Heike W. aus, bis sie einem Gespräch mit ihm zustimmte. Sie sagt, sie habe das Gefühl gehabt, noch einmal instrumentalisiert zu werden. Und dann sprach sie, begleitet von einer Psychologin, mit dem Priester, der sie missbraucht hat. W. und Bistumssprecher Bernhard Schweßinger berichten übereinstimmend, dass der Priester alles einräumte, keine Ausflüchte suchte und um Vergebung bat.

W. sagt, der Täter habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass stimmt, was sie sagt. „Das war eine große Erleichterung, das hat mich beeindruckt, dafür bin ich ihm dankbar.“ Nach seiner Selbstanzeige sagte sie, sie könne nun mehr glauben, dass er die Reue ernst nimmt.

Heike W. zufolge hat Hillenbrand „von vorneherein ganz klar auf meiner Seite gestanden.“ Der Generalvikar versucht jetzt, mögliche weitere Betroffene zu ermutigen, „Hemmschwellen zu überwinden und sich bei den jeweiligen diözesanen Ansprechpartnern zu melden“. Aufklärungsarbeit sei noch keine Wiedergutmachung, aber "ein erster Schritt auf dem Weg zur Gerechtigkeit". Wichtig sei ihm auch, Täter zur Verantwortung zu ziehe. „Vom Anspruch unseres Glaubens her dürfen Taten, welche die seelische und körperliche Entwicklung eines Menschen oft lebenslang schädigen, niemals ohne Reaktion bleiben.“

Kann W. dem Priester vergeben? Sie sagt, wer nicht vergibt, vergifte sich selbst, weil er sich an Menschen binde, mit denen er nichts zu tun habe wolle. Sie hege keine Hass- oder Rachegefühle gegen ihn, sie wolle sich „nur von ihm lösen. Endgültig.“ 

*Ich habe den Namen geändert. Heike W. will anonym bleiben.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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(Erschienen am 24. April 2010 in der Main-Post.)