Leben in der Stadt
Der Audio-Guide für Würzburg: Zeitverschwendung
Alfred Kerr war ein großer Theaterkritiker und Journalist: Ein brillanter Schreiber, gefürchtet, maßlos in seinen Ansprüchen. 1920 lasen die Würzburger in seinen Reisebeschreibungen „Die Welt im Licht“, wie es ihm während eines Besuches in ihrer Stadt erging: „Ja, dieser Nachmittag war, indem einer bloß durch Gassen ging, an den Flussstaden kletterte, vor Kirchen, Stiftshäusern, Büchereien entlang strich, während das grüne Laub der Bäume frisch und herzhaft roch, - dieser Nachmittag war Glück bergend.“ In einer Gaststätte in der Plattnerstraße, bei Bratwurst und Bier, hörte er die Zeit wehen und die Ewigkeit rauschen. Und sinnierte: „Alles dies muss man einmal verlassen? Die zwecklosesten Augenblicke sind im Leben die schönsten, die nachdenksamsten.“
Ein Flaneur, der allein, mit offenen Augen und neugierigem Sinn, durchs heutige Würzburg geht, findet immer Ecken, die ihn verzaubern. Für Touristen mit weniger Muße und Gemüt hält die Tourist Information im Falkenhaus kleine Handcomputer vor, so genannte iGuides. Mit „Würzburg individuell erleben“ werben die städtischen Tourismusmanager für dieses Angebot, ausgetüftelt und geschaffen von der „itour city guide GmbH“, ähnlich zu haben in bald vier Dutzend Städten. Der Spaziergänger erfährt, wohin er schauen soll und was er sieht, für 7 Euro 50 je drei Stunden. Würzburg-selig wird er aber darüber nicht werden.
Würzburg in elfmal 150 Sekunden
Elf Stationen weit leitet das kleine Ding, das aussieht wie ein Mp3-Player, in Bildern und kurzen gesprochenen Texten, die meisten keine zwei Minuten lang, die längsten kommen auf zwei Minuten 30. Es sind die üblichen touristischen Magnete: Marktplatz mit Falkenhaus und Marienkapelle, der Stachel in der Gressengasse, die Alte Mainbrücke, Festung mit Käppele, Rathaus, Dom, Residenz, Hofgarten, Lusamgärtchen, Neumünster. An jeder Station liefert der iGuide Informationen auch noch zu anderen Orten und Ereignissen. An der Alten Mainbrücke etwa geht es neben ihrer Baugeschichte um historische Handelsbeziehungen, Umschlageplätze, den Weinbau an sich und die drei großen Weingüter. Alles jeweils in knapp 150 Sekunden.
Da steht der auswärtige Mensch vor der Marienkapelle unterm Kopfhörer und weiß nicht, dass es die angenehme Männerstimme nicht so genau nimmt mit der Würzburger Geschichte. Die Kapelle sei gebaut auf einer alten jüdischen Synagoge, erfährt er, und dass die Pest der Anlass zur Vertreibung der Juden aus Würzburg gewesen sei. Offenbar wollen die städtischen Tourismusmanager ihren Gästen die Laune nicht verderben mit der blutigen katholisch-jüdischen Geschichte der Stadt, stattdessen träufeln sie Euphemismen ins Ohr. Riemenschneider, hört der Reisende noch vor der Marienkapelle, habe um 1500 seine große Werke geschaffen. „Knapp 200 Jahre später“ sei dann Balthasar Neumann drangewesen, mit Residenz, Käppele und Co. Überflüssige Ungenauigkeiten sind das, geschuldet der Idee vom Stadtbeschauer, der in japanischer Eile von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzt. (Riemenschneiders große Schaffensperiode dauerte tatsächlich etwa 40 Jahre lang, Baubeginn der Residenz war 1721.) Über den digitalen iGuide erzählen die Touristiker manches, mit dem der Lauscher besser nicht hausieren geht.
Touristisches Fastfood
Der iGuide ist touristisches Fastfood, zeitgeistig und Zeitverschwendung für einen, der was haben will von seiner Wanderung durch die Stadt. Das Gute daran ist, dass einem wieder in den Sinn kommt, welch ein ausgezeichnetes Angebot die Würzburger Gästeführer machen. Das ist so vielfältig, anregend, detailreich und unterhaltsam, dass auch der gemeine Würzburger viel Neues erfährt und seinen Spaß dran hat. Und preiswerter sind sie auch. Auskünfte gibt die Tourist Information im Falkenhaus.
„Ich kaute das letzte Würstel (es krachte fest unter den Zähnen)“, schreib Alfred Kerr, „goss den dunklen, edlen Trank hintendrein und trat langsam hinaus, der Abend war über die Frankenstadt geschlüpft, Frauensbilder machten rasch noch Einkäufe. Weiß nicht wieso - doch mir schien: es ist eine Lust zu leben. (…) Adieu Würzburg.“ © Wolfgang Jung - schreibdasauf.info