Leben in der Stadt

Der 16. März 1945

Würzburg am Main, die Stadt des Weines und der Fische, der Kirchen,
gotisch und barock, wo jedes zweite Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal war,
wurde nach dreizehnhundertjährigem Bestehen in fünfundzwanzig Minuten
durch Brandbomben zerstört. Den folgenden Morgen floss der Main,
in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte,
langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit.

(Leonhard Frank, aus: Die Jünger Jesu)

Der Tod steigt in den Himmel auf

Sie starten am frühen Abend des 16. März 1945, zwischen 17 und 18 Uhr. Die Elite-Staffel der Royal Air Force, die Bomber Group No. 5, dazu die Bomber Groups No. 1 und No. 8, sammeln sich bei Reading, nordöstlich von London: rund 600 todbringende Flugzeuge. Die Bomber Group No. 5 gilt als das erfahrenste und präziseste Geschwader im Luftkrieg gegen Deutschland: Sie bombardiert Heilbronn, Darmstadt, Königsberg, Braunschweig, München und Kassel. Am 13. Februar 1945 führt sie den fürchterlichen ersten Schlag gegen Dresden.

Warum?

Der Krieg der Deutschen kostet über 20 Millionen Bürgern der UdSSR das Leben, 4,5 Millionen Polen, fast einer Million Franzosen – rund 60 Millionen Menschen verlieren im zweiten Weltkrieg ihr Leben. In "Konzentrationslagern" werden planmäßig sechs Millionen Juden umgebracht, Sinti und Roma, politische Gefangene und behinderte Menschen.

Größte Gefahr für Würzburg!

Luftmarschall Sir Arthur Travers Harris, genannt Bomber-Harris, übernimmt 1942 das Oberkommando über die britischen Strategischen Bomberverbände. Wie Premierminister Winston Churchill glaubte Harris, durch die Zerstörung deutscher Großstädte den Durchhaltewillen der deutschen Zivilbevölkerung zu brechen. Alle deutschen Städte über 100 000 Einwohner werden zu Zielen der Bomberflotten.

Der Frühling ist 1945 bald in die Stadt gekommen. Die Würzburger genießen den 16. März, einen warmen, wolkenlosen Tag. Viele glauben, dass sie das Schlimmste hinter sich haben. 334 Bombenalarme haben sie in diesem Krieg schon erlebt. Britische und amerikanische Bomberpiloten haben bereits über 400 Menschen in der Stadt den Tod gebracht.

Es wird dunkel, die tödliche Flotte naht. Gegen 21 Uhr trennt sich der Verband über dem nächtlichen Crailsheim. 223 Maschinen fliegen zum Angriff nach Nürnberg, die 236 Maschinen der Bomber Group No. 5 nehmen Kurs auf Würzburg.

Um 19 Uhr wird in der Stadt ein Kleinalarm ausgelöst. Um 20 Uhr heulen die Sirenen mit aller Macht. Die Menschen flüchten in Keller und Luftschutzräume. Um 21.07 Uhr erreicht eine Nachricht des Funk-Horch-Regiments West in Limburg/Lahn die Stadt: "Größte Gefahr für Würzburg!"

Der Zeremonienmeister kommt

Zuerst kommt der Zeremonienmeister, ein Flugzeug, das das Zielgebiet absteckt. "Christbäume" nennen die Würzburger die Leuchtzeichen, die um 21.25 Uhr den Bombern den Weg durch die Nacht zeigen.

Um 21.30 beginnt der Angriff. In drei Wellen werden 360 000 bis 380 000 Stabbrandbomben, 180 bis 220 Sprengbomben zu je 500 Kilogramm und eine unbekannte Menge Petrol-Gelée-Kanister abgeworfen. Ab 21.42 Uhr wenden sich die Bomberpiloten von der furchtbar getroffenen Stadt ab. Noch aus 200 Kilometern Entfernung können sie aus der Luft das brennende Würzburg sehen.

Würzburg brennt lichterloh

Um Mitternacht erreicht die Brandhitze Temperaturen zwischen 1000 und 2000 Grad Celsius. Ein Feuersturm heult durch die Straßen und Gassen: Ein glühend heißer Luftsog vernichtet, was die Bomben nicht trafen. Die Brandherde wachsen immer dichter zusammen. Die Menschen flüchten panisch und entsetzt aus ihren Kellern. Sie retten sich an den Main und in den Ringpark, der wie durch ein Wunder vom Inferno verschont bleibt.

Rund 82 Prozent des Wohnraumes, fast alle öffentliche Gebäude, die meisten der Kulturdenkmäler und 35 Kirchen sind zerstört. Etwa 5000 Menschen sterben in dem Flammenmeer - zirka 3000 Frauen, etwa 700 Kinder und Jugendliche. Sie verbrennen, werden von Trümmern erschlagen und ersticken in Kellern.

Gleicher Ort, gleiche Zeit, gleicher Tod

Das Würzburger Standesamt beurkundet 1 393 Tote. Der Totenschein ist ein Vordruck zum Ausfüllen: »Der/Die ..., wohnhaft in Würzburg, ...straße/gasse Nr. ..., ist am 16. März 1945 etwa um 21 Uhr 30 Minuten in Würzburg, ...straße/gasse Nr. ..., bei einem feindlichen Luftangriff gefallen.«
Rund 5000 Menschen sterben im Inferno. Niemand weiß genau, wie viele in der Nacht des 16. März 1945 getötet werden, denn in der Stadt leben viele nicht registrierte Flüchtlinge. Noch nach Jahren werden Überreste von Toten in den Ruinen gefunden. Andere hinterlassen keine Spuren: Sie sind im Feuersturm zu Asche verbrannt. Die meisten Opfer des Angriffs bleiben anonym.

Friede ihren armen Seelen!

Vor dem Hauptfriedhof, inmitten der Massengräber, steht das Mahnmal für die Toten des 16. März 1945. Auf einer Säule steht geschrieben:

Dreitausend Männer, Frauen und Kinder,
die bei der Zerstörung Würzburgs
ihr Leben lassen mußten,
haben wir hier zur letzten Ruhe bestattet.
Friede ihren armen Seelen!
Friede unserer armen Stadt!

Der Würzburger Bildhauer Fried Heuler (1889 bis 1959) entwirft und haut das Mahnmal in Stein. Er gibt den Toten der verbrannten Stadt Gesichter: eine Frau, ein alter Mann, zwei Kinder.

Ein trostloser Trümmerhaufen

"Eine Ruine, ein trostlos ausgebrannter Trümmerhaufen" ist die Stadt, schreibt Gustav Pinkenburg, Würzburgs erster Oberbürgermeister nach dem Krieg.

Das zerstörte Würzburg solle belassen werden, wie es die Bomber Group No. 5 der Royal Air Force hinterlassen hat, empfiehlt Gouverneur Wagoner, der Chef der amerikanischen Militärregierung in Bayern. Er will aus der Stadt ein Museum für Kriegsverwüstungen machen. Gegenüber Randersacker, am Main, soll ein neues Würzburg entstehen.

„Würzburg muss leben!“

Aber die Würzburgerinnen und Würzburger geben ihre Heimatstadt nicht auf. Die Stadt glüht noch vom Brand, als die ersten zurückkehren und mit dem Wiederaufbau beginnen. Pinkenburg in einem Aufruf am 1. Mai 1945: "Würzburg ist nicht tot, Würzburg muss leben, Würzburg muß neu erstehen!"

Den Angriff überstehen in der Altstadt nur sechs Häuser an der Juliuspromenade und ein Haus in der Büttnersgasse. Nach Dresden und Pforzheim ist Würzburg die meistzerstörte Stadt in Deutschland, nur 5000 Einwohner sind ohne Schaden geblieben.

Neun Monate nach dem Angriff registriert das Einwohnermeldeamt über 50 000 Bürgerinnen und Bürger, die sich auf einem Drittel des früheren Wohnraumes drängen.

Heldinnen in den Trümmern

36 845 Menschen sind am 6. Juni 1945 für den Stadtkreis Würzburg gemeldet: 22 407 Frauen und Mädchen, 14 438 Männer und Buben.

Die Frauen sind die echten Heldinnen. Nach dem 16. März 1945 räumen sie den Schutt weg, ernähren Familien und erziehen Kinder. Sie schaufeln, karren und hämmern in der verbrannten Stadt, erst aus freien Stücken, dann im (am 18. Dezember 1945 befohlenen) allgemeinen Arbeitsdienst, ab 8. März 1946 im "Ehrendienst". Über zwei Jahre vergehen, bis das Schutträumen am 2. April 1947 privaten Unternehmen übertragen wird.

Kriege sind Männerkreaturen. Die Geschichtsschreibung ist männlich. Über die Arbeit der Würzburger Trümmerfrauen findet sich so gut wie nichts in den Archiven.

Aufbau

Zweieinhalb Millionen Kubikmeter Schutt werden mit Loren auf Mainkähne geschafft – eine Menge, die als Würfel so groß ist wie der Residenzplatz und fünfmal so hoch wie die Residenz. Haus für Haus, Straße für Straße werden wieder aufgebaut.

1950 gibt es in Würzburg wieder knapp 4500 Wohnhäuser mit rund 14 000 Wohnungen. Zwei Jahre später sind es 5200 Wohnhäuser mit über 18 000 Wohnungen. Heute leben in Würzburg 126 000 Menschen in rund 18 000 Wohnhäusern mit zirka 66 500 Wohnungen.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 

Dieser mein Text ist auch im Grafeneckart, dem Rathausturm, nachzulesen, im Gedenkraum für die Opfer des 16. März 1945.

schreibdasauf.info

Die Main-Post zeigt auf www.mainpost.de ein Video mit Bildern vom Angriff.

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