Historicals

Würzburg ist Dada

"umnACHTUNG!" 

Dada, eine Kunstform des frühen 20. Jahrhunderts, weitestgehend sinn-, aber keinesfalls zweckfrei, jedenfalls rebellisch, mischte sich Ende Oktober 1993 in Gestalt eines Briefes ins beschauliche Leben der Würzburg Ratsmitglieder. Die Mitteilung lautete also:

„Der dadaistische Weltverband (DWV), Sektion Unterfranken, hat Sie mit sofortiger Wirkung abgesetzt. Sollten Sie unseren gnädigen Verfügungen nicht Folge leisten, werden wir Sie in Ihre häusliche Nasszelle stecken und Sie solange einweichen, bis sie für die Enten in Klein-Nizza verfütterungsfähig sind! Widerstand ist zwecklos! Seien Sie gefälligst etwas bekömmlicher!“ Unterzeichnet hatten „der Dadapräsident und sein Stellverdrehter“.

Zur gleichen Zeiten klebten an Hauswänden und Laternenpfählen Flugblätter: „umnACHTUNG! umnACHTUNG!" stand drauf, „Dada entsorgt Würzburg: Dada erklärt den Stadtrat für abgesetzt."
Ein munteres Treiben hob an, das darin gipfelte, dass einzelne Stadträte der Werkstattbühne die Zuschüsse streichen wollten.

Engel raus!

Als „der Dadapräsident und sein Stellverdrehter" Ende Oktober 1993 den Stadtrat öffentlich für abgesetzt erklärt hatten, vermuteten einige Räte die Quelle des Ärgers in der Rüdigerstraße. Dort residiert die Werkstattbühne des Dr. Wolfgang Schulz (Foto: Wolfgang Jung), die gerade eine dadaistische Revue spielte. Winfried Kuttenkeuler, Würzburgs Tiefbaureferent, forderte die Bühne auf, ihre Dada-Flugblätter zu entfernen. Aber dort bedauerte man „mit ungewöhnlich freundlichem Gruß: Leider nichts bekannt.“ Die Show ging weiter. Am 24. November 1993 erreichte Bischof Paul-Werner Scheele ein Brief. „Der Dada-Präsident teilt Ihnen hiermit mit, dass der liebe Gott, der dada ist im Himmel, anlässlich einer zünftigen Pokerrunde in der Taverne ,Zum Pulsar' in Planquadrat ZY 4,3 die Immobilie ,Würzburger Dom‘ zum Einsatz gebracht und prompt verloren hat. Wir bitten Euer Pfefferminenz, dafür Sorge zu tragen, dass der Dom bis zum 24. Dezember 1993 um 23 Uhr 55 von geistlichen Requisiten geräumt, durch Kammerjäger engelsfrei und besenrein übergeben wird.“

Der Bischof aber löste Gottes Wettschuld nicht ein.

„Schluss mit der Debatte!“

Oh, was gingen der „Dada-Präsident und sein Stellverdrehter" im Herbst 1993 dem Stadtrat auf die Nerven. Alle naslang hingen in der Altstadt Flugblätter mit despektierlichen Attacken in dadaistischer Manier. (Repro: Das Textheft zur Dada-Revue der Werkstattbühne)

Ratsmitglied Hanns Hirsch (FWG) schimpfte schließlich in wüsten Worten auf den Anrufbeantworter der Werkstattbühne, wo er die Brutstätte des ganzen Übels vermutete. Das Theater nahm die Aufnahme des Anrufs in die Dada-Revue auf, die es damals spielte; das Publikum feierte Hirschens Tiraden mit heiterem Gelächter. Im November 1993 beschäftigte sich der Stadtrat in einer Sitzung mit den Umtrieben. Einzelne Räte verlangten, die Zuschüsse für die Werkstattbühne zu streichen, andere pochten auf die Freiheit der Kunst.

Eine Rätin, Franziska Kimpfler, CSU, wollte von OB Jürgen Weber „endlich mal wissen, wer dieser Dada überhaupt ist“. Die Auseinandersetzung dauerte lang, ihr Ende hatte der SPD-Mann Manfred Scherk verpasst. Viel später, die Räte schlugen sich längst um andere Themen, meldete er sich zu Wort mit der Forderung, „diese Dada-Debatte endlich zu beenden“. Besser, fanden auf den Zuschauerplätzen die beeindruckten Leute von der Werkstattbühne, hätten sie das auch nicht hingekriegt.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info