Leben in der Stadt

Das Schiller-Denkmal im Steinbachtal

Die Sozialistische Internationale geht nicht gern spazieren. Täte sie es, hätte sie zwischen den Bäumen im Steinbachtal, nahe dem Kneipp-Werk, das Schiller-Denkmal entdeckt und sich beschwert: Da steht ein drei Meter hoher Steinblock, bronzenes Relief dran, nicht unbedingt als Schillers Kopf zu erkennen, darunter die Inschrift: „Nichtswürdig ist die Nation die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre!“

(K)Ein Prophet der Vaterlandsschwärmer

Der Verschönerungsverein war’s. Vor 100 Jahren stiftete er das Denkmal, zu Schillers hundertstem Todestag am 9. Mai. Die Tat war dem Zeitgeist geschuldet; die Vaterlandsschwärmer hatten den toten Schwaben als ihren Propheten ausgemacht.
Die Vaterländerei führte im ersten Weltkrieg ins Desaster. Dem Schiller-Schädel drohte das Ende im Feuer. Zu „kriegswichtigen Zwecken“ sollte er eingeschmolzen werden, kam aber davon, weil die Siegermächte schneller waren. 1938 wurde das Denkmal umgestaltet und erhielt sein heutiges Aussehen, im, sagt der Kunsthistoriker und Verschönungsvereinsvorsitzende Prof. Dr. Stefan Kummer, „monumentalen Stil des Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus“. Sein Verein, das ist ihm wichtig, habe „daran keinen Anteil“.

50 Würzburger stehen im Wald

Womöglich wäre das Monument, von Moos bewachsen, gnädig vergessen worden, hätte das Kulturmagazin „Leporello“ es nicht entdeckt und beschlossen, ihm „seinen ehemaligen Glanz wieder zurückgeben“. Und so kam es, dass zum 200. Todestag Schillers etwa 50 Würzburger im Wald des Steinbachtals standen, vor dem Denkmal, und sich in einer Schiller-Feier ergingen, wie es anno dunnemals der Brauch war, eingeladen von Leporello und Frankenbund.

Alt-Oberbürgermeister Jürgen Weber war da, richtete Grüße von der Oberbürgermeisterin aus, sprach von der Wichtigkeit, „in die Erinnerung zurückgeführt zu werden“, und eilte zum nächsten Termin. Der Schauspieler Markus Grimm spielte eine Szene aus seinem szenischen Monolog „Schiller wiedergetroffen“, Kummer rühmte seinen Verein, Frankenbund-Vorsitzender Peter A. Süß schillersche Gedankentiefe und Sprache.

Einer hat ein unangenehmes Gefühl

Nur der Germanist Dr. Jörg Robert erklärte dem Publikum ein „unangenehmes Gefühl“ wegen des „unverhüllten Nationalismus“ des Denkmals. Und versuchte, Schiller von diesem Steinklotz zu befreien. Den Satz von Nation und Ehre habe der Dichter den Grafen Dunois sagen lassen, eine Figur in „Johanna von Orleans“. Robert unterscheidet zwischen aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten und der Aussage des Werks. Weil Schillers Ruhm vor allem auf Zitaten beruhe, gebe es „eine Kluft zwischen Popularität und Verständnis“. Schiller sei kein „Messias und Prophet des Deutschtums“, im Gegenteil: ein Weltbürger, Menschenforscher und radikaler Pessimist, „zitierbare Botschaften sind seine Sache nicht“.

Ein Lindenschatten für schönere Träume

Vielleicht hilft die Natur, sich mit dem Denkmal zu arrangieren. Früher stand eine kernige deutsche Eiche davor, die ist weg. An ihrer Stelle wächst heute eine junge Linde. In ihrem Schatten muss man keine nationalen, da kann man schönere Träume träumen.

(Foto: Wolfgang Jung)

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


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