Leben in der Stadt

Bayerische Traditionen und Würzburger Kniefälle

Wenn gestimmt hätte, was die Bayerische Schlösserverwaltung im Jahr 2006 vermeldete, dann wäre Bayern in diesem Jahr „ganz im Zeichen der Krone“ gestanden. Bayern Finanzminister Kurt Faltlhauser, der Chef der Schlösser, erklärte in einem Grußwort den Grund: „Mit der Erhöhung Bayerns zum Königreich – verkündet von den bayerischen Herolden am 1. Januar 1806 – begann eine Epoche, die das Bewusstsein der bayerischen Bevölkerung und das Gesicht des Freitstaats wohl stärker geprägt hat als die Geschichte zuvor und danach.“ Also fanden, auf Falthausers Geheiß in sechs bayerischen Schlössern „Königliche Abende“ statt, jedem der Bayern-Herrscher zwischen 1806 und 1918 einer gewidmet.

Die Kini-Feier kommt nach Würzburg …

Für den 9. Februar kündigten Faltlhäusers Mannen eine Kini-Feier in der Würzburger Residenz an. Ihr Protagonist: Der fünfte in der Reihe, Prinzregent Luitpold, der seinen an einer Geisteskrankheit laborierenden Neffen Otto I. auf dem Thron vertrat, von 1886 bis 1913. Luitpold war ein gebürtiger Würzburger, geboren 1821, fünftes Kind von König Ludwig I. von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen.

… obwohl es da nichts zu feiern gibt

Allerdings steht Würzburg keineswegs „ganz im Zeichen der Krone“. Denn das einstige Hochstift Würzburg wurde 1806 nicht bayerisch. Kein bayerischer König regierte hier bis 1814, sondern Ferdinand von Toskana, ein Bruder des österreichischen Kaisers Franz, als Herr des selbständigen Großherzogtums Würzburg.

Die Würzburger waren gar nicht traurig darüber. Sie hatten die Bayern schon kennen gelernt. Von 1802 bis Ende 1805 standen sie unter ihrer Fuchtel, beherrscht von Max IV. Josef, dem späteren König, der damals noch Kurfürst war.

Die Bayern nerven

Dabei waren die Bayern anfänglich in Teilen der Bevölkerung durchaus willkommen. 1802 zerbrach unter der Wucht der Napoleonischen Revolutionskriege die Macht der Würzburger Fürstbischöfe. Das Hochstift war passé, die Bayern erlaubten mehr Geistesfreiheit. Aber sie plünderten die Region aus und gingen den Unterfranken mit ihrem Reformeifer auf die Nerven. Im zweiten Band der „Geschichte der Stadt Würzburg“ beschreibt Prof. Dr. Wolfgang Weiß eine „weit verbreitete antibayerische Stimmung“ unter den Würzburgern. Mit „Kaltsinn“ empfingen sie 1805 Max Joseph in der Stadt, ganz anders ein Jahr später Ferdinand von Toskana: da lärmte die ganze Stadt vor Jubel. Weiss zufolge ärgerte die Würzburger unter anderem, dass die Bayern mit ihrer „ständigen Reformiererei“ die lokalen Verhältnisse zu wenig beachteten. So lässt der bayerische Finanzminister also in Würzburg etwas feiern, was die Würzburger vor 200 Jahren weder hatten noch wollten.

Mutation eines Feldafinger Gemeinderatsmitglieds

Der große Abend ist da, und mit ihm der 43-jährige Christoph Prinz von Bayern; der hat es zum respektablen Gemeinderat des 4000-Seelen-Dorfes Feldafing am Starnberger See gebracht. Manchmal verlässt er das Kleinklein der demokratischen Selbstverwaltung und fährt über die Lande, etwa nach Würzburg, zum „Königlichen Abend“ in die Residenz.

Da sitzt er im Ovalen Saal, mit 240 anderen Bürgern; die erheben ihn. Aus dem Mitglied des Feldafinger Bauausschusses wurde ein Mensch, den Vertreter der bayerischen Staatsregierung und des Bayerischen Rundfunks (BR) als „Seine Königliche Hoheit“ begrüßten. Auch dem Publikum war königlich-bayerisch zumute. Keine Hand rührte sich, um die Anwesenheit von Bürgermeister, stellvertretendem Landrat und Bezirktagspräsidenten zu beklatschen; den Beifall bekam das oberbayerische Gemeinderatsmitglied mit den adeligen Vorfahren.
Dieser „Königliche Abend“ ist einem gewidmet, der kein König war: Prinzregent Luitpold, geboren am 12. März 1821, nachts kurz vor zwei Uhr in der Würzburger Residenz. 1886 übernahm er die Regentschaft, erst in Vertretung seines Neffen, des depressiven und ultimativen Bayern-Königs Ludwig II. Weil Ludwigs Nachfolger Otto geisteskrank war, blieb Luitpold bis zum letzten Atemzug im Amt, bis 1912.

Eine Binsenweisheit in Würzburg

Es sei, sprach am festlichen Abend Hans-Michael Körner, Professor für Didaktik der Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, eine Binsenweisheit, „dass man in Würzburg anders über das wittelsbachische Königtum des 19. Jahrhunderts zu reden hat, als man das möglicherweise in München tun kann“. Während man in der Landeshauptstadt „möglicherweise vor dem Überschwang krypto- oder pseudomonarchischer Emotionen zu warnen hat“, werde man in Würzburg um Verständnis werben müssen für eine Veranstaltungsreihe über die Geschichte des Königreichs Bayern.

Die Würzburger hatten ihre Malaisen mit den Bayern. Vom selbständigen Staat zur Provinz im Norden verkommen, wurden sie widerborstig. Da ging es nicht nur um folkloristische Animositäten. Würzburgs Bürgermeister Wilhelm Behr (1775 bis 1851) und der Journalist Johann Gottfried Eisenmann (1795 bis 1867) schmorten jahrelang in Haft, weil sie für die in der Verfassung garantierten Bürgerrechte und gegen die Willkür Ludwig I. eintraten.

Keine Rede von Garstigkeiten

Keine Rede davon in der Residenz. Aufregend war das Konzert des Residenz Quartetts, vier exzellente Streicher, die Kompositionen von Max Reger und Josef Gabriel Rheinberger spielten. Ansonsten wars ein Kuscheln im Zeichen der Krone. Prinzregent Luitpold wurde vorgestellt als rauschebärtiger, freundlicher Landesherr, der Zigarren dutzendweise paffte, fürs Leben gern schwamm und jagte, ein Freund der Musen, der die einfachen Leute mochte und viel übers Land fuhr, wo er sie traf. Die Politik kam in den Vorträgen und einem Film des Bayerischen Fernsehens kaum vor. Die Geschicke Bayerns, man ahnte es mehr, als dass man es erfuhr, legte Luitpold in die Geschicke seiner Beamten. Die machten die Arbeit und er war beliebt.

Anschließend gab einen Stehempfang. Wer lauschte, was die Leute sprachen, hörte einige Seufzer; ein Sehnen nach der guten, alten Zeit.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 


 

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