Würzburger Stadtgeschichten

Basketballfieber!

Mitten im April 2000, mitten in der Nacht. Im schummrigen Arbeitszimmer surft einer durch das Internet. Der Mann, ein Würzburger, gewöhnlich rechtschaffen, fälscht das Ergebnis einer Umfrage. Es geht darum, ob die Basketballer von Herzogtel Trier gegen die Basketballer der DJK s. Oliver Würzburg gewinnen werden. Knapp zwei Drittel der Basketballfans tippten auf der Homepage der Telekom Baskets Bonn auf einen Sieg der Trierer. Nach einer Viertelstunde Arbeit am Computer lautet das Ergebnis: 42 Prozent für Trier, 58 Prozent für Würzburg.

Ich war das.

Dass der Datendreh nicht recht war, wusste ich. Dass die Würzburger deshalb nicht gewännen, wusste ich auch. Warum ich es trotzdem machte, kann ich nicht erklären.

Basketballfieber!

Das war die Zeit, in der ich drei, zwei Tage vor einem Spiel begann, meine Umwelt mit Basketball-Schwärmereien zu plagen. Besonders schlimm war’s vor den Heimspielen. Die Euphorie, der Schrecken, die Spannung, das Trommeln und Schreien, das rhythmische Klatschen, die Musik, das ganze infernalische Lärmen - mir dröhnte schon lange vor dem Spiel alles in den Ohren. Die bloße Aussicht, bald ein Spiel zu sehen, brachte mich um den Schlaf. Und Tage nach dem Spiel brauste immer noch das Toben in meinem Kopf und ich erlebte Spielszenen nach.

Mein Enthusiasmus war grenzenlos, ich teilte ihn mit zwei- bis dreitausend anderen Fans. Wir waren eine große Gemeinde von Basketball-Verrückten. Andeutungen genügten und wir konnten ohne Ende über unsere Götter reden.

Freunde, erinnert Ihr Euch, wie Olu einen Dunk auf den Ring knallte, dass der Ball fast bis zur Hallendecke sprang? Wie Marvin Willoughby gegen Bonn so geil aufs Punkten war, dass er den Ball in den eigenen Korb stopfte? An die wilden Fast Breaks? Die Dunks? Dieses verrückte Tempo? Die verworfenen Freiwürfe? Den Sonderzug nach Frankfurt?

Die Basketballer der DJK s. Oliver waren die Lieblinge des Würzburger Sportpublikums. Zu den 14 Heimspielen der 1. Bundesliga kamen in der Spielzeit 1999/2000 fast 35 000 Zuschauer in die Carl-Diem-Halle. Ein Jahr später waren es über 40 000. Das ist absolute Spitze im Würzburger Sport. Und das trotz gesalzener Eintrittspreise: Ein guter Tribünenplatz kostete 28 Mark, ein Stehplatz immer noch 23 Mark.

Ein einziger emotionaler Rausch

E-Mail, betreffend das Spiel der DJK s. Oliver Würzburg, genannt die „X-Rays“, gegen den deutschen Rekord- und damaligen Vizemeister Bayer Leverkusen, an meinen Bruder Norbert: „... Wir standen schon seit vielen Minuten. Die Hände taten weh, die Stimmbänder waren rau wie Reibeisen, wir waren von Glücksgefühlen durchströmt, wir waren ganz und gar mit unseren Jungs verschmolzen, hirnlos wie die Tiere, in einem einzigen emotionalen Rausch. Norbert, es war wie Sex. Die X-Rays hatten die Leverkusener in der zweiten Halbzeit mit einem Sturmlauf und spektakulären Aktionen vom Fließband in ein kurzschnäufiges Häufchen Elend verwandelt. ‚Die Riesen vom Rhein wurden zu den Zwergen vom Main‘, schrieb die Main-Post ganz richtig.“

Die Würzburger hatten damals eine der jüngsten Mannschaften der Liga. Klaus Bernecker, ihr Trainer, hatte noch nie ein Bundesligateam gecoacht. Die DJK s. Oliver Würzburg hatte auch einen der kleinsten Etats der Liga. Zum Trainerstab gehörte der Rekord-Nationalspieler Holger Gschwindner, der für das Individualtraining zuständig war. Gschwindner hat den Würzburger Ausnahmesportler Dirk Nowitzki für die nordamerikanische National Basketball Association (NBA) fit gemacht. („Die NBA“, sagte Henning Harnisch, zu seiner Zeit einer der besten deutschen Spieler, Europameister von 1993, „ist das Mutterschiff aller Basketballer“). In ihrem ersten Bundesliga-Jahr, 1998/99, stürmte die Mannschaft unter 14 Teams auf den sechsten Platz.

Überall lockten die X-Rays die Fans in die Hallen - wir Würzburger versorgten die Republik mit dem spektakulärsten Basketball der Liga. Ich hatte, ungelogen, Mitleid mit den Fans anderer Teams, die Reißbrett-Basketball vorgesetzt bekamen, cool, leidenschaftslos, berechnend. Würzburg war kreativ, athletisch, leidenschaftlich, begeisternd, unbegreiflich. Außer Freiwürfen, Verteidigen und Abwarten konnten die X-Rays alles. Dass sich Holger Geschwindner um sie kümmerte, hieß für mich nichts anderes, als dass jederzeit die Deutsche Meisterschaft drin war. Selbst in der Seuchensaison 1999/00 glaubte ich daran.

Beim Basketball und in der Liebe setzt der Verstand aus.

Wir hatten - nein, wir waren Dirk Nowitzki, Olumide Oyedeji, Robert Garrett, Demond Greene, Marvin Willoughby, James Gatewood, Dirk Lommerse, Ricky Moore, Eric Poole, Kresimir Loncar und die anderen. Wir waren die Größten!

Infernalisch, frenetisch, spektakulär

Es gibt keine Hooligans beim Basketball. Bis auf kleine Neckereien gehen die Anhänger der Mannschaft fair miteinander um. Aber es geht leidenschaftlich zu, mit viel Show, Musik und Ritualen.
Bevor die Würzburger Spieler auf das Feld kamen, ging in der s.Oliver-Arena das Licht aus. Die meist etwa 3000 Zuschauerinnen und Zuschauer zündeten Wunderkerzen an und erhoben sich von ihren Plätzen. Aus überforderten Hallenlautsprechern krachte laute Musik. Trommeln wurden rhythmisch geschlagen; wer keine Wunderkerze hatte, klatschte in die Hände. Suchscheinwerfer suchten die Spieler, die aus einem Trockeneisnebel heraus auf das Spielfeld liefen.

Der Hallensprecher stellte sie namentlich vor, aber im infernalischen Lärm verstand keiner was. Einzeln liefen die Spieler aufs Feld, jeder frenetisch bejubelt. Waren alle da, ging das Licht wieder an, man setzt sich wieder. Man stand wieder, wenn das Spiel endlich begann. Die „X-Rays“ wurden stehend mit rhythmischen Klatschen angefeuert, so lange, bis sie ihren ersten Korb geworfen hatten. Jede spektakuläre Aktion riss die Leute von den Sitzen.

Wenn das Spiel halbwegs gut lief, stand das Publikum ständig.

Die fliegenden Menschen vom Main

Die Fans waren enthusiastisch. Nach einer Niederlagenserie fuhren im Jahr 2000 rund 1200 Würzburger mit ihrer Mannschaft in einem Sonderzug nach Frankfurt, um sie in einem Pokalspiel anzufeuern. Warum machen die Leute so was? Unter anderem deswegen: Die Spieler sind muskelbepackte Riesen (der kleinste, Demond Greene, war einen Meter 85 groß, der größte, Burkhard Steinbach, maß zwei Meter 12) und trotzdem – mit Ausnahmen – schnell, elegant und geschmeidig. Das Tempo, die schnellen Pässe, die gewaltigen Sprünge, die verblüffende Ballsicherheit, die weiten Würfe auf den kleinen Korb, die permanente Aktion: Das ganze Spiel ist spektakulär.

Und die Würzburger waren es besonders. Auf den Sportseiten der Tageszeitungen wurde die DJK s. Oliver Würzburg als das athletischste und spektakulärste Team der Liga beschrieben. Der Trierische Volksfreund ließ sich dazu hinreißen, die Würzburger als „die fliegenden Menschen vom Main“ zu preisen und ihren nigerianischen Centerspieler Olumide Oyediji als „funkelnden Stern Afrikas“. „Unvergesslich“ nannte die Bonner Rundschau den Auftritt der „X-Rays“ beim Vizemeister der Saison 98/99, Telekom Baskets Bonn.

Oyediji war der zweite Spieler, der von den X-Rays aus in die NBA zog, um dort sein Glück zu versuchen. Das erste Jahr bei den Seattle SuperSonics verlief allerdings schwierig; er setzte sich nicht durch in der Liga der Superbasketballer.

Ein Barbar, ein Triebwesen

Weitere Erklärungen für den Enthusiasmus findet man bei Gustave Le Bon, dem französischen Sozialpsychologen (1841 bis 1931). Der schrieb, „dass das Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es allein notwendig gezügelt hätte. Es wird dies nun um so weniger Anlass haben, als bei der Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurückhält, völlig schwindet.“ Und: „Ferner steigt durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Barbar, das heißt ein Triebwesen. Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen.“

Henning Harnisch erklärte das Phänomen einfacher: „Die Schönheit des Mannschaftssports liegt in seiner kollektiven Kraft. Einer Kraft, die, zumindest auf dem Spielfeld, ungetrübt ist von Rassismus und Klassendenken und somit mit dem wirklichen Leben ungefähr so viel zu tun hat wie die neue deutsche Komödie.“

Von Himmelhochjauchzend nach Zutodebetrübt

Die Saison 1999/2000 hatte für die Würzburger freilich mehr von einer griechischen Tragödie. Die X-Rays verloren 14 der letzten 16 Spiele in der Hauptrunde, die meisten ganz knapp. Monatelang haben sie das Publikum innerhalb weniger Spielminuten von Himmelhochjauchzend nach Zutodebetrübt geschickt. Ein Platz unter den ersten sechs war anvisiert, der zwölfte war’s geworden. Die jungen Helden entrannen nur knapp dem Abstieg.

Dabei erzählen die Statistiken tolle Geschichten: Die X-Rays hatten mit Olumide Oyediji den besten Rebounder der Liga (das ist der, der sich die Bälle holt, die nach einem Korbwurf von Brett oder Korb zurückprallen). Sie hatten mit Robert Garrett den besten Korbschützen und Marco Laine war der achtbeste Drei-Punkte-Schütze der Liga. Kein Team holte sich so viele Rebounds wie die Würzburger, nur drei Mannschaften blockten noch mehr Korbwürfe ab (und kein Spieler der Liga machte das besser als Oyediji). Nur zwei Mannschaften erzielten noch mehr Punkte.

Aber: Keine Mannschaft verpatzte mehr Freiwürfe als die Würzburger. Nur eine Mannschaft spielte noch weniger Pässe, die zu einem Korberfolg führten. Und nur zwei Mannschaften ließen noch mehr gegnerische Korberfolge zu.

Als die X-Rays im letzten und entscheidenden Spiel der Hauptrunde, nach 18 Niederlagen in 25 Spielen, den Pokalsieger, die Frankfurt Skyliners, in spektakulärer Manier vor ausverkauftem Haus besiegt hatten, träumten die Fans am Rande des Abgrundes schon wieder von der deutschen Meisterschaft.

Das kann sich kein Mensch vorstellen

Das letzte Spiel der Saison 2000/2001 ging gegen Avitos Gießen. Die X-Rays waren mit ihrem Trainer Gordon Herbert in der Hauptrunde Fünfte geworden. Im Viertelfinale der Play-Offs um die Deutsche Meisterschaft stand es 2 zu 1 für Gießen. Würzburg musste das vierte Spiel gewinnen, um mit einem Sieg ein weiteres, das entscheidende Spiel gegen Gießen zu erzwingen. Gewännen sie das fünfte Spiel, zögen sie in das Halbfinale ein.

E-Mail an meinen Bruder Norbert am Dienstag, den 15. Mai 2001:

„Norbertnorbert,

morgen, wahrscheinlich, vielleicht auch nicht, wird mein Kopf wieder so klar sein, dass ich mich ganz Dir zuwenden kann, Deinem Urlaub, Deinem Job, Deinem Alles. Jetzt geht das einfach nicht. Es geht einfach nicht.

Norbert, Euphorie ist in der Stadt!!! Der Kartenvorverkauf läuft wie irre, der Fan-Club hat schon den Bus fürs fünfte Spiel am Donnerstag gechartert, man muss sich jetzt schon anmelden.
Apropos, der Bus. Der Bus ist eine Schuhschachtel für 50 Leute. So ein Thrombosen-Schnauferl. Dieser unser Bus, der uns, die wir bange waren, zum dritten Playoff-Spiel nach Gießen brachte und siegestrunken wieder zurück, dieser Bus hat Geschichte. Der Busfahrer hat sie uns erzählt, nachdem auf der Rückfahrt das Gemaule über die Dieselgurke nicht aufhörte. Dieser Bus hatte 50 durchgeknallte Bayern-Fans von München nach Manchester und wieder zurückgebracht, Du weißt schon, zum historischen Eins-zu-Null-Sieg. Das Gemecker hörte sofort auf, als die ehrfürchtig staunende Gemeinde das hörte. Dann begannen die Youngstars zu singen: ,Wir sind stolz auf unsern Bus, halleluja!'

Gestern Abend habe ich den Kollegen von der Süddeutschen ganz kirre gemacht. Der kommt heute auch, um von der Einzigartigkeit der würzburgischen Emotionalität zu berichten. Er erwartet bloß ein Weltwunder. Mit dem, was heute Abend los sein wird, rechnet er nicht. Das kann sich kein Mensch vorstellen. O Mann, ich habe auch keine Ahnung von dem, was heute Abend los sein wird, aber mir zittern jetzt schon die Hände und ich muss noch einen ganzen Tag lang arbeiten, bis es so weit ist.“

Ich träumte und schreib meinem Bruder: „Stell Dir vor, wir gewinnen das! Zweite Verlängerung, letzte Sekunde, wir sind zwei Punkte hinten, Burkard Steinbach holt den Defensiv-Rebound (fünf Gießener liegen um ihn herum auf dem Boden), er wirft sofort, die Schlusströte trötet, wir halten den Atem an, mucksmäuschenstill ist‘s plötzlich, nur ein Baby weint,  die Augen treten uns aus den Höhlen, wir stehen stocksteif in der Bewegung erstarrt und das Adrenalin auf unser Haut gefriert im Schock zu Eis, der Ball fliegt und fliegt und fliegt, es dauert Stunden und siehe!, er nähert sich dem Korb, Mensch!, das sieht gut aus, das sieht gut aus, ein Orkan erhebt sich, das sieht gut aus!!!, der geht raaaaaaaiiiiiiiiiiinn! JAAAAAAAAAAAAAAHHHHH!

Wahnsinn, was?“

Der Traum ist aus. Der Traum geht weiter.

Tags darauf: Die Würzburger hatten verloren. Sie waren aus dem Wettbewerb um die Meisterschaft ausgeschieden. E-Mail an meinen Bruder:

„Ich hätte heute ausschlafen können. Keine Termine. Muss nur schreiben. Um 2 Uhr sowas bin ich eingeschlafen, um 7 bin ich aufgewacht. Ich träumte im Wachen von diesem unglaublichen Abend gestern Abend. Spielzüge, Körbe, Steals, Airballs, Lommerses fantastische Verteidigung gegen Musch, ganz viel Zeug. Auch vom Publikum. Das war noch besser als beim Aufstiegsspiel gegen Freiburg, damals. In der zweiten Halbzeit ist niemand mehr gesessen. Unvergesslich.

Ich bereue jetzt alle Übertreibungen aus den vergangenen Jahren. Jetzt habe ich nichts mehr, um diese Euphorie, dieses Brüllen, Trommeln, Pfeifen, rhythmische Klatschen, fast pausenlos, zu beschreiben. Keine Gesänge. Nur Defense! Defense! Defense! und Hey! Hey! Hey!, aber das megalaut, leidenschaftlich, stimmbandaufreibend, ohne Unterbrechung. Ich kann mir nicht vorstellen, was anders sein wird, wenn wir in zwei, drei Jahren um die Meisterschaft spielen.

Es war toll bis wenige Sekunden vor Schluss.

Es war auch danach irgendwie toll, weil wir eine tolle, tolle Mannschaft haben. Ein paar Götter haben geweint, andere standen einfach nur erschlagen und tief enttäuscht da und ließen die Köpfe hängen. Die Gießener Spieler sind zu ihnen gegangen, haben sie nach vier knüppelharten Play-Off-Spielen in den Arm genommen und getröstet. Im Publikum gab es welche, die nicht aufhörten zu klatschen, andere saßen oder standen rat- und ausdruckslos da, einige weinten, ein paar warfen ihre Plastikflaschen und Tröten aufs Spielfeld (die Schiris waren oberscheiße!), wieder andere standen im Foyer, Hunderte vor dem Ausgang, ratschend, analysierend, sich freuend über eine gigantische Saison. Wir sind dann zu viert noch in die Kneipe gegangen. Waren am Anfang guter Laune, versanken dann doch in Melancholie.

Die Dauerkarte für die neue Saison hatte ich schon am Montag bestellt.

W.“

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 

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