Kunst & Kultur

Auf dem Dachboden der Residenz

In der Residenz gibt es Räume, so groß und erhaben, dass sie einem den Atem verschlagen. Kaum jemand hat sie je gesehen.

Dreimal ist Napoleon auf seinen Kriegszügen in der Würzburger Residenz abgestiegen. Heute erzählen Gästeführer den Touristen, er habe seine noble Herberge den „schönsten Pfarrhof Europas“ genannt. Niemand hat das damals aufgeschrieben. Wie der Satz in die Welt kam? Nicht einmal Gerhard Weiler weiß das, und der weiß viel. Weiler ist der Verwalter der Residenz, Statthalter des Herrn der bayerischen Schlösser, des bayerischen Finanzministers.

Terra incognita zwischen Traufe und First

170 Meter lang ist die Residenz, und bis zu 90 Meter breit. Die Traufe liegt in 22 Metern Höhe. Die Firste sind unterschiedlich hoch, am niedrigsten, 25 Meter, über den Zwischenbauten, am höchsten, 37 Meter, überm Kaisersaal. Zwischen Traufe und First ist Terra incognita. Kein Werk der Standardliteratur über das Weltkulturerbe beschäftigt sich mit seinem Dachboden.

Manche Strecke sieht aus wie eine profane, aufgeräumte Scheune: sieben, acht Meter hoch, 15, 20 Meter breit. Grauer, hellverstaubter Betonboden. Die Stützen und Streben, die das Dach halten, sind aus Holz und Stahl. Das Dach, außen mit Schiefer bedeckt, ist innen mit horizontal verlegtem Holz verkleidet. Es ist auch tagsüber ziemlich finster, erst recht, wenn es draußen stürmt und regnet. Einige der wenigen Fenster in den hölzernen Rahmen sind fast blind.

Keine Gegend fürs Publikum

Wer geht, ohne auf seinen Weg zu achten, holt sich Beulen an tief hängenden Querstreben. Er verstaucht sich den Fuß, weil er in eine Rinne tritt oder im Halbdunkel Stufen übersieht. Er stolpert über stählerne gleisartige Schlangen, auf denen stählerne Gerüste stehen. Langt in Nägel rein, die aus Balken herausragen. Das ist keine Gegend fürs Publikum. „Nicht verkehrssicher“, sagt Weiler.

In einer Ecke steht ein einsamer, kaputter Holzstuhl, der auf die Würmer wartet, in einer anderen ein leerer Eimer, den jemand vergessen hat. Da und dort technische Anlagen für Heizung und Lüftung. Stillgelegte Kamine, die heute Kabel und Versorungsleitungen führen. Alte Dachrinnen, die einst das Regenwasser durch das Innere des Dachbodens leiteten, zu den Rohren in den Innenhöfen. Vierbeinige Stative, an denen unter der Decke Kronleuchter hängen. Es geht dahin, Brandschutztüre auf, Brandschutztüre zu, interessant sind nur die Blicke durchs Fensterglas. Das bleibt nicht so.

Gewaltige Leere, unwirkliches Licht

Da ist sie: eine gewaltige hölzerne Kuppel, elipsenförmig, knapp 20 Meter an ihrer kürzesten Stelle, fast 30 Meter an ihrer längsten Seite, etwa 13 Meter hoch. Aus dem Boden, in der Mitte, erhebt sich ein mächtiger grauer, gerippter Hügel, der aussieht wie das steinerne Grab eines Riesen: das Gewölbe des Ovalen Saales an der Nordfront der Residenz, am Rennweger Ring. Neun kleine ovale Fenster in der Kuppelwand lassen Licht rein. Wenn die Sonne scheint, gleißt es. Dünne Stahlträger halten die Konstruktion. Die gewaltige Leere, das unwirkliche Licht, der Hügel, die Stille – ein Raum wie eine große Sinfonie, nirgendwo in der Stadt ist einer, der diesem gleicht.

Hier musste Helmut Ludwig, Technischer Amtsrat beim Staatlichen Hochbauamt, ein kniffliges Problem lösen, als er den Einbau einer Brandmeldeanlage in der Kuppelspitze zu besorgen hatte. Auf das Gewölbe konnte er kein Gerüst stellen. Er engagierte Freeclimber, die sich an der Kuppelwand hoch hangelten, ohne Spuren zu hinterlassen. Immer, wenn er auf dem Dachboden der Residenz zu tun hat, hat er, sagt er, „das Gefühl, hoffentlich machen wir nichts kaputt“. Ehrfürchtig werde ihm zumute, wenn er hier zugange ist, sagt er, „bewegende Augenblicke“ seien das.

Erhaben übers Irdische

Es gibt mehrere solcher Orte unter dem Residenzdach. Ihre Großartigkeit ist eine Folge des Bombardements am 16. März 1945. Balthasar Neumann und seine Planer ließen einen ganz anderen Dachstuhl bauen. Weiler erzählt, da sei kaum ein Durchkommen gewesen, weil die hölzernen Stützen und Streben dicht an dicht standen. Fast alles ist verbrannt. Die Gewölbe, von Neumann gegen einigen Widerstand aus Kollegenkreisen entworfen, haben überstanden das Inferno fast unbeschadet.

Das Pendant zum Ovalen Saal auf der Nordseite ist der Toscanasaal auf der Südseite. Die Kuppel hat die gleichen Dimensionen. Der Boden ist eben. Ein eisernes Gerüst ragt zur Kuppelspitze, so kann der Hausmeister den Brandmelder kontrollieren. Auch hier die kleinen ovalen Fenster und das unwirkliche Licht. Dieser Raum wirkt funktionaler als sein nördliches Gegenüber. Aber auch er scheint erhaben über das Irdische zu sein, als begänne außerhalb der Kuppel gleich der Sternenhimmel.

Nichts für Schwindelnde

Über das weltberühmte Treppenhaus und den anschließenden Weißen Saal spannt sich ein Muldengewölbe, „das größte barocke der Welt“, sagt Ludwig, „das ist etwas ganz Besonderes“. Viel zu sehen ist nicht davon. Wasserdichte Folien sind darüber ausgebreitet und unters Dach gespannt – Schutz für das Tiepolo-Fresko darunter, den einzigartigen „Himmel auf Erden“. Hier geht man über metallene Brücken. Über dem Weißen Saal fällt das Gewölbe jäh um sieben, acht Meter ab – kein Spaß für Leute, die nicht schwindelfrei sind.

Das „Schmankerl“ für den Residenz-Verwalter Weiler ist der Raum über der Hofkirche. 35 Meter lang, 15 Meter breit, neun Meter hoch. Unter dem Dach, aus hellem Stein, die drei gewölbten Kuppeln der Kirche. Die Größte, fünf Meter hoch, in der Mitte, die beiden anderen nicht viel kleiner. Man kann sie beschauen, anfassen, sogar drüber klettern. Aber zu fassen ist auch dieser Ort kaum, wie der gesamte Dachboden der Residenz: überall diese großen Weiten und Gewichte, freitragend, ohne einen Wald von Säulen drunter, der sie stützt.

Die Ahnung muss reichen

Das Dachgeschoss wird, prophezeit Weiler, nie für Touristen geöffnet werden, das sei eine Frage der Sicherheit, sowohl für die Schaulustigen, als auch fürs Haus. Das Publikum muss sich mit der Ahnung bescheiden, dass es wunderbar ist überm Himmel.

© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info 

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