Kunst & Kultur
Die Heiligen Drei Könige: alles Schwindel
Im Kölner Dom ruhen die Gebeine der Heiligen Drei Könige – angeblich. Vom heiligen Trio weiß nicht einmal die Bibel was.
Drei der Evangelisten des Neuen Testaments - Markus, Lukas und Johannes - trauen der Geschichte nicht, sie schreiben sie gleich gar nicht auf. Der vierte, Matthäus, bleibt im Ungefähren: „Siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem“, berichtet er. Sie hätten „das Kindlein mit Maria, seiner Mutter“ gefunden und „schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myhrren“. Wie viele Weise so großzügig waren? Keine Ahnung. Matthäus berichtet es nicht.
Christliche Spekulationen
Die christlichen Gelehrten der folgenden Jahrhunderte spekulieren: Drei Gaben sind es gewesen, dann müssen es auch drei Geber sein. Aber wer? Sie finden Hinweise im Alten Testament, Psalm 72, Vers 10: „Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige aus Saba und Scheba sollen Gaben senden.“ Damit scheinen Anzahl, Amt und Herkunft geklärt, fehlen noch die Namen. Im 6. Jahrhundert tauchen erstmals welche auf: Thaddadia, Melchior und Balytora. Im 8. Jahrhundert heißen die Drei dann so, wie wir sie heute noch kennen: Caspar, Melchior und Balthasar.
Bis ins 5. Jahrhundert hinein teilen sie das Schicksal der Jungfrau Maria: Die Christen machen sich nichts aus ihnen. Die Märtyrer, es gibt reichlich, stehen besser im Kurs. Das Reichskonzil in Ephesos im Jahr 431 bringt für Maria die Wendung: Sie tritt die Stelle der hellenistischen Gottesmutter Isis an, um das Bedürfnis der Zeitgenossen nach dem Weiblichen in der Religion zu befriedigen. Später gewinnen auch die – nie heiliggesprochenen – Heiligen Drei Könige an Bedeutung. Die Gläubigen erkennen in ihnen jetzt Vertreter wahrer Gottesfurcht und Anbetung. Caspar, Melchior und Balthasar rücken in den Mittelpunkt des Epiphaniasfestes am 6. Januar, an dem die Christen das Erscheinen von Jesus als Gottes Sohn feiern.
Wie der Caspar zu seiner schwarzen Haut kommt
An den königlichen Charakteren feilen Fachleute. Der angelsächsische Benediktiner und Kirchenheilige Beda Venerabilis macht Anfang des 8. Jahrhunderts die Weisen aus dem Matthäus-Evangelium zur generationenübergreifenden Multikulti-Gemeinschaft: Melchior wird zum Gold bringenden alten Europäer in purpurner Tunika, Balthasar zum mittelalten Asiaten, der die Myhrre beisteuert, und Caspar wird zum jungen, zu dieser Zeit noch weißen Afrikaner mit roten Haaren und Weih-rauch in den Taschen. Weil es im 68. Psalm heißt: „Aus Ägypten werden Gesandte kommen; Mohrenland wird seine Hände ausstrecken zu Gott“, verschreibt die Kirche dem Caspar ab dem 12. Jahrhundert eine schwarze Haut.
Der Aufklärungsbedarf bleibt auch danach enorm, die Gelehrten deuteln in die wenigen Sätze von Matthäus noch mehr hinein. In der „Gesta Romanorum“, einer Sammlung von rund 250 Legenden, Märchen und Fabeln aus dem 14. Jahrhundert, wird der Sinn der vermeintlich königlichen Geschenke beschrieben: Das Gold ist demnach ein Zeichen der königlichen Weisheit, der Weihrauch ein Symbol für das hingebungsvolle Opfer und das Gebet und die Myhrre stehen für das Reine der Selbstbeherrschung.
Helena packt ein
1000 Jahre, bevor die Theokraten das Märchen von den Heiligen 3 Königen fertiggefabelt haben, eröffnet Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, die Jagd nach den Knochen der Weisen. Sie ist eine fleißige Reliquiensammlerin des frühen 4. Jahrhunderts, später spricht sie der Vatikan heilig. Der christlichen Mythologie zufolge holt sie die Überreste der Weisen aus persischen Gräbern und bringt sie nach Konstantinopel. Eustorgius, gebürtig aus Konstantinopel, im Jahr 374 Bischof von Mailand geworden, soll die Gebeine dann nach Mailand verlegt haben, wo sie im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit gerieten.
Robert von Trigni, 1186 gestorbener Abt des nordfranzösischen Klosters Mont Saint Michel, notierte, die Skelette seien 1158 in Mailand wiedergefunden worden. Wie, wo und von wem, ließ er im Dunkeln.
Auf nach Köln
1100 Jahre nach dem vermuteten Tod der vermeintlichen Drei, ab 1162, zieht sichere Gewissheit in die Geschichte ein. Kaiser Friedrich I. Barbarossa erobert Mailand, lässt die Gebeine konfiszieren und schenkt sie seinem Reichskanzler, dem Kölner Erzbischof Reinald von Dassel.
Am 23. Juli 1164 zieht Reinald, die Knochen im Gepäck, unter Jubel und Glockengeläut in Köln ein, „... da er die Reliquien zum ewigen Ruhme Deutschlands nach Köln bringt", heißt es in der Kölner Königschronik. Der alte Dom, damals noch ein romanischer Bau, wird in den folgenden Jahren zu einer der be-deutendsten Wallfahrtskirchen Europas. Im 13. Jahrhundert taugt das Gemäuer nicht mehr für den Glaubenstourismus. Ab 1248 bauen die Kölner an seine Stelle die gotische Kathedrale. Dort be-wahrt die katholische Kirche die Gebeine aus Mailand bis heute im kostbaren Dreikönigsschrein auf. Balthasars Schien- und Wadenbein, das Wadenbein Melchiors und ein Halswirbel Caspars sind allerdings seit 1903 abgängig. Der Kölner Erzbischof Anton Fischer schenkte sie seinem Mailänder Amtskollegen Andrea Caro Ferrari.
Noch ein Schwindel
Friedhelm Hofmann war Weihbischof in Köln, bevor ihn Papst Johannes Paul II. als Bischof nach Würzburg rief. Hofmann spricht, ohne Zweifel wider besseres Wissen, von den „Heiligen 3 Königen“ als Vorbildern. Aber er rühmt auch den „Heiligen Kilian“, den angeblichen Franken-Apostel. Und dessen Geschichte, die Kilianslegende, ist auch nicht mehr als ein großer Schwindel.
Was es damit auf sich hat, erzähle ich ein andermal.
(Bild: Die heiligen drei Könige, Meister von Meßkirch um 1538, Quelle: Wikipedia)
© Wolfgang Jung - schreibdasauf.info